Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Veranstaltungen und schreiben darüber. Ein Interview mit dem Künstlerischen Leiter von MaerzMusik, eine Reportage vom Aufbau einer Klang-Installation, ein Kommentar über jugendliche Zeitfragen – jede Textform ist erlaubt und willkommen. Das Projekt in Händen der Kulturjournalistin und Medientrainerin Julia Kaiser ermutigt zu Neugier und Aufgeschlossenheit, gleichzeitig vermittelt es Respekt, für Kunstformen, den Künstler und sein Können, hinter dem Begeisterung, aber auch Organisationstalent und harte Arbeit stecken. Dies zu entdecken, ist die wichtigste Herausforderung, um ein guter Kulturjournalist zu werden. Und es ist nie zu früh, es auszuprobieren.

„Jetzt ist die beste Zeit deines Lebens, mach etwas daraus!“

Ich bin 20 Jahre alt, habe mein Abitur und stehe vor der Frage, was ich studieren soll. Oder nein, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Denn der zu Beginn genannte Satz, den ich und bestimmt Tausende andere in meinem Alter schon so unglaublich oft gehört haben, bezieht sich keinesfalls darauf, Spaß zu haben und einfach mal verrückte Dinge anzustellen. Nein, viel mehr ist gemeint: Jetzt stellst du die Weichen für dein weiteres Leben. Jetzt entscheidet sich, ob du später Karriere machst oder doch nur TaxifahrerIn wirst. Aber wieso muss ich in diesem jungen Alter schon so wahnsinnig effizient meine Zeit nutzen? Wieso muss ich jetzt schon so einen genauen Plan von meinem Leben haben, wo ich doch sowieso nicht sicher sein kann, was die Zukunft für mich bereithält.

Das sind die Fragen und Gedanken, die mir durch den Kopf schießen, wenn es um den Begriff Zeit geht. Und wie unschwer zu erkennen, sind sie fast ausnahmslos negativ. Doch gibt es auch andere, positive Zeitfragen? Ganz andere Sichten auf dieses Thema? Wo liegt bei anderen der Fokus, wenn sie sich mit Zeitfragen beschäftigen?

Mit diesen Fragen ging ich in das Interview mit Berno Odo Polzer, welches ich im Übrigen auch nur knapp zwischen zwei andere Termine stopfen konnte. Dieser leitet dieses Jahr zum ersten Mal das Festival MaerzMusik, mit dem ganz neuen Untertitel „Festival für Zeitfragen“. Doch eine Zeitfrage scheint dieses Interview für Polzer nicht zu sein. Ganz entspannt sitzt er auf dem Sofa. Wasser und Schokolade stehen auf dem Tisch zwischen uns. Alles lädt zum Verweilen ein. Sich zu entspannen. Ganz in Ruhe und ausführlich beantwortet er meine Fragen. Ohne Hast. Erkundigt sich, wie es mir geht. Betont, wie toll er das Projekt JungeReporter bei MaerzMusik findet, und dass er sich freut, sich mit mir zu treffen. Ein netter Typ und ein toller Einstieg ins Interview.

Berno Odo Polzer © Lucie Jansch

Die Zeitfragen, der Untertitel dieses Festivals ist ja sehr weit gefasst. Es hat ja letztlich alles mit Zeit zu tun, was man macht. Wo soll der Fokus sein?

Der Titel MaerzMusik gibt bereits einen Fokus, der darauf hinweist, dass es im Kern ein Musikfestival ist. Wichtig ist, dass Festival für Zeitfragen der Untertitel ist. Mich interessieren beide Bedeutungen des Begriffs. Zeitfragen als in der Richtung: Was betrifft unsere Gegenwart, was sind die Fragen unserer Zeit? Aber auch als Fragen, die unseren Umgang mit Zeit betreffen. Mich interessiert es, die Brücke zu schlagen zwischen der Zeitlichkeit, wie wir sie in der Kunst, der Musik und im Film finden und dem Medium Zeit als einer nicht erneuerbaren Ressource. Zeit als Medium, das unser Leben ganz massiv politisch beeinflusst. Wer den Rhythmus vorgibt, hat sozusagen die Macht. Ganz bewusst will ich bei MaerzMusik weg gehen von diesem Spartenfestival nur für Musik, bei dem alles andere nur im Rahmenprogramm stattfindet. Nee, ich möchte es umgekehrt machen. Ich möchte Musik in einen großen Gedankenraum stellen.

Es gibt ein Stück im Programm, bei dem die Zeit stillsteht: „Time Stands Still“. Fällt Ihnen etwas ein, wo Sie denken: Das habe ich verpasst in meinem Leben?

Ich finde es interessanter, sich von diesem Gefühl zu befreien. Das ist nicht einfach. Die Vorstellung, dass die Zeit stehen bleibt, ist natürlich unerreichbar. Hier spielt der Umgang mit einem wichtigen Aspekt der Zeitfragen hinein, nämlich der Frage nach Ewigkeit, nach Zeitlosigkeit. Das Medium Zeit, das uns so stark in unserem Leben determiniert, wird interessant als Medium, das wir zum Verschwinden bringen können. Wie man seine Zeit verbringt, lässt sich nicht objektivieren. Aber der Teil der Zeit, den ich damit verbringe, über solche Fragen nachzudenken, besitzt eine höhere Qualität als die Zeit, in der ich gestresst bin, dass ich etwas verpasse. Ich glaube, es ist interessanter, den Ursachen nachzuspüren, die dieses Bedürfnis bedingen, alles oder mehr erleben zu wollen, als sich in diesem Zustand zu befinden.

Achten Sie eigentlich auf Besucherzahlen?

Wenn es ein Kriterium für den Erfolg eines Festivals geben sollte, dann, ob Leute dort wertvolle Zeit verbracht haben. Zeit, die ihnen nicht gestohlen wurde. In unserem heutigen Umgang mit Zeit müssen wir durch neue Erfindungen wie Smartphones ständig Entscheidungen treffen, die uns in Bedrängnis mit der Zeit bringen. Dadurch haben wir enormen Zeitnotstand, Zeitmangel und Zeitarmut. Das ist, glaube ich, ein Lebensgefühl, das sehr viele Menschen teilen, und das ist es auch das, was die Basis des Festivals sein soll.

Sie schaffen rund um die Konzerte mit „Thinking Together“ ein Podium, das sich der Beschäftigung mit der Zeit widmet. Man soll von der Vergangenheit lernen, soll über die Gegenwart nachdenken, aber laut Programm vor allem eine Imagination entwickeln für die Zukunft. Das ist auch für jüngere Leute spannend, aber vielleicht zu kompliziert?

Meine Überzeugung ist, es gibt da keine Schwellen. Die Idee ist nicht, einen Filter zu schaffen, bei dem nur bestimmte Leute reinkommen wollen. Das ist das Politische bei einem Festival. Es ist ein öffentlicher Raum, und dieser Raum ist definiert durch Differenzen, durch die Unterschiede zwischen Menschen, Bildung, Imagination, Gewohnheiten, ökonomischen Möglichkeiten, Lebensgeschichten und auch Altersgruppen. Spätestens am zweiten Abend von „The Long Now“, am Ende des Festivals, spätestens dort sollten die Leute, die sich bei Musik von Georg Friedrich Haas nicht zu Hause fühlen, vorbeikommen. Da gibt es Elektronik, DJs…

„The Long Now“ ist 30 Stunden lang. Ist es auch deswegen so lang angelegt, weil man selten so viel Zeit in Kultur investiert?

Verschiedene Dinge spielen mit hinein. Sicher ist es ein Luxus, diese wertvolle Ressource, und dann gleich so viel davon, einer Erfahrung dieser Art zu Verfügung zu stellen. Es ist auch ganz wichtig, dieses Verschwenden von Zeit ganz anders zu bewerten. Sich hinzugeben und zu sehen, was passiert.

Also ist es auch eine Zeitfrage, seine Zeit einfach mal nicht effektiv zu nutzen. Sie dahin streichen zu lassen, ohne etwas „Sinnvolles“ zu tun. In diesem Sinne, lasst uns nichts tun und die Musik genießen. Vielleicht am letzten Abend des Festivals mit den guten DJs als Geheimtipp. Auf jeden Fall, lasst uns gemeinsam Zeit verschwenden!