Maxime Le Calvé (34) ist Anthropologe und begleitet ethnographisch den Mondparsifal seit seiner Entstehung. Er schreibt an einer Dissertation zu „Jonathan Meese und Parsifal“ am Institut für Theaterwissenschaft (FU Berlin) und an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (Paris). Seine Zeichnungen gelten als phenomenographischer Beitrag zum Forschungsbereich am Probenprozess. Le Calvé praktiziert eine ernsthaft teilnehmende Beobachtung und bemüht sich, gleichzeitig der Kunst und der Wissenschaft zu dienen. Aus den entstehenden Reibungen kommen diese Bilder.

© Maxime Le Calvé

12. Oktober 2017 – Haus der Berliner Festspiele
Bühnenprobe: Das Orchester ist endlich wieder dabei. Kundry fragt, ob es okay wäre, ihre Beine frei im Graben schaukeln zu lassen. Die Musiker*innen stimmen zu: Es ist ja eng im Graben, aber das ist noch in Ordnung. Dass die Sängerin noch am Tag vor der Generalprobe ihren Spielraum auslotet demonstriert, welch ein Maß an Freiheit und Vertrauen den Darsteller*innen geschenkt wird – und wie aktiv sie diesen Spielraum ausnutzen.

© Maxime Le Calvé

Am Regietisch sind alle ziemlich entspannt während der letzten Proben. Künstler Meese schreibt weiter auf einen Stapel A4-Papier. Er hat heute ein besonders niedliches Kuscheltier auf den Tisch gesetzt, um die Spannungen der gestrigen Musikprobe durch gute Stimmung auszugleichen. Das scheint zu funktionieren, alles läuft ganz locker und glatt. Der kleine Stoffhase, in einem gelben Ei platziert, wird bald an die Choreografin Steinhauser verschenkt.

© Maxime Le Calvé

Im Graben erscheint das Klangforum Wien unter Dirigentin Young. Der Graben ist so eng, dass sie am Boden des Zuschauerraums auf ein paar Kisten sitzt. Diese kompakte Konfiguration hat auch Vorteile: Sänger*innen und Musiker*innen sind dem Publikum viel näher, als sie es in Wien sein konnten.

© Maxime Le Calvé

Ein anderer unerwarteter Vorteil dieses zu engen Orchestergrabens ist die Präsenz prägender Komponenten der Musik: Am rechten Rand ist ein Jazz-Trio zu sehen. Der Schlagzeuger spielt zwischen Wand und Vorhang, wie hineingezwängt. Kontrabass und Saxofone sind im Raum offen zu sehen: Der zweite Akt beginnt mit einem großartigen improvisierten Solo.

© Maxime Le Calvé

Auf der linken Seite sind die Synthesizer zu sehen, und durch ihre Monitore zu hören. Auch hier spielt die räumliche Verbreitung eine große Rolle: Die elektronischen Töne, die die Musik von Bernhard Lang stark prägen, sind viel distinkter zu hören als zuvor in Wien. Jeder hält den visuellen Kontakt zur Dirigentin auf einen eigenen flachen Bildschirm.

Am 15., 16. und 18. Oktober 2017 ist „MONDPARSIFAL BETA 9–23 (VON EINEM DER AUSZOG, DEN „WAGNERIANERN DES GRAUENS“ DAS „GEILSTGRUSELN“ ZU ERZLEHREN)“ im Rahmen des Programms Immersion im Haus der Berliner Festspiele zu erleben.