Jan Fabre © Stefan Van Vleteren

Herr Fabre, Sie proben seit einem halben Jahr für „Mount Olympus“. Wie ist die Idee für dieses 24-Stunden-Projekt entstanden?

Wenn man meine Kunstwerke und Schriften aus den 1980ern betrachtet, dann war die griechische Matrix schon immer vorhanden. Die praktische Beschäftigung mit dem Projekt begann vor drei Jahren in Zusammenarbeit mit dem Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann und meiner Dramaturgin Miet Martens. Ich bat Jeroen Olyslaegers, einen in Belgien hoch geschätzten Autoren, die Tragödien umzuschreiben. Als Grundlage wählte ich die Familientragödien, in denen Macht, Status und sexuelle Konflikte sichtbar werden. Die Arbeit ist sehr spannend, wir proben schon seit sechs Monaten – so etwas wird in Europa heutzutage eigentlich nicht mehr gemacht. Außerdem arbeite ich mit einem Ensemble von nahezu 30 Menschen auf der Bühne, das bringt ganz eigene Schwierigkeiten mit sich. Und dann wäre da noch die reale Zeit von 24 Stunden. Wie wird diese lange Dauer die Darstellungen auf der Bühne beeinflussen, wie werden sich der Text und die physischen Handlungen gegenseitig verunreinigen?

Sie sind schon immer für Langzeit-Inszenierungen bekannt. Was bedeutet Dauer für Sie?

Im Theater gelten bestimmte Regeln für Zeit und die Zuschauer lassen sich deshalb auf eine andere Art von Zeit ein. Wir leben alle mit diesen neuen sozialen Medien, mit Facebook, Twitter, Handy… Wir nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise. Ich zeige ihnen Bilder des Menschen, die sie verdrängt oder vergessen haben. Ich appelliere an ihre gewalttätigen Impulse, ihre Träume und Begierden. Ich stoße einen Veränderungsprozess an. Dabei geht es nicht nur um die Verwandlung des Schauspielers, sondern auch des Zuschauers. Durch die Konfrontation mit diesem Leiden wird die Seele geläutert. Mein Theater ist eine Art Läuterungsritual. Etwas in Echtzeit 24 Stunden lang mit anderen Menschen zu teilen, wird zu einer spirituellen Erfahrung.

Ist Ihre Kunst ein Versuch, die Zeit anzuhalten?

Meine gesamte Arbeit ist eine Vorbereitung auf den Tod. Welchen Zustand wähle ich: durchgehend wach sein oder ewig schlafen? Eine meiner Gehirnhälften ist immer wach und die andere schläft. Ich habe weniger Angst vor dem Tod als vor dem Wachen. Mein Wachsein kapituliert nicht. In meinem Zustand von Wachheit, meinem unablässigen Schöpfungsdrang, realisiere ich meine Träume.

Was fasziniert Sie so an der griechischen Tragödie?

Mein Theater ist das Theater des Pharmakons – es kann vergiften oder heilen. Auch das Pharmakon war tief in der griechischen Gesellschaft verwurzelt. Dazu kommt, dass wir in der westlichen Gesellschaft eine Lösung für jedes Problem anstreben, dass aber die griechische Gesellschaft vielmehr das Ideal des Konflikts feierte. Für mich wird damit die Essenz des Dramas verkörpert: Es geht um Konflikt. Als Künstler zelebriere ich Konflikte – in meiner bildenden Kunst, meinen Schriften und meinen Bühnenarbeiten – weil ich durch Konflikte mein Gehirn zwinge, anders zu denken. Der Darsteller trägt den Konflikt in seinem Körper, dort liegt das Drama. Man kann sämtliche griechische Tragödien in unserer heutigen Gesellschaft finden.

Jan Fabre: Gokyo Ri, Himalaya (1989). Serie: Mountain tops, Material: Kugelschreiber auf Schwarz-Weiß-Foto, Größe: 20 x 29 cm (gerahmt: 42,5 x 53 cm) © Angelos bvba

Was an „Mount Olympus“ ist Ihnen am wichtigsten?

Der dringende Impuls für mich, diese Produktion zu entwickeln, ist das Nachdenken darüber, was Katharsis heute für uns bedeutet – politisch, sozial und philosophisch. Vor fünf Jahren lernte ich auf einem internationalen Kongress zur Hirnforschung in Belgien den neuropsychologen Giacomo Rizzolatti kennen. Rizzolatti hat eine einzigartige Art von Neuronen entdeckt, die ‚Spiegelneuronen‘. Mit ihrer Hilfe konnte die Empathie wissenschaftlich erklärt werden. Also fühlen wir dank dieser Spiegelneuronen Empathie und Mitgefühl. Die Zuschauer empfinden dasselbe wie die Darsteller, dieselbe Erlösung. Das ist wunderschön. Man spürt, dass das Publikum eine körperliche und mentale Katharsis erreicht. Wir teilen etwas so Tiefes, dass man es mit Worten nur unzulänglich ausdrücken kann.

Die griechische Tragödie wäre ohne Spiritualität nicht denkbar. Wie spirituell sind Sie selbst?

Die Tragödie zeigt uns das menschliche Wrack, nur noch Opfer der Geier und Hunde. Die griechische Tragödie ist vor allem eine Elegie auf das, was nach diesem ersten ,Sparagmos‘ übrigbleibt, wenn der Mensch in Stücke gerissen wurde. Ich danke Gott dafür, Atheist zu sein. Natürlich weiß man, dass es etwas gibt, das stärker ist als man selbst. Die Menschen auf der Bühne sind meine Helden, meine Krieger der Schönheit. Sie ringen ständig mit ihrer eigenen Hybris. Und dann entsteht manchmal etwas Göttliches, wie eine Wolke göttlicher Energie. In diesem Sinne besinnt man sich dann auf die Tragödie, weil man die eigene menschliche Unzulänglichkeit dieser göttlichen Energie preisgibt. Vor ein paar Monaten habe ich eine neue Skulptur erarbeitet. Sie stellt mich selbst in Lebensgröße dar und ich balanciere ein großes Kreuz, vier Meter hoch, in meinen Händen. Ich glaube, in der Aufführung geht es auch um diese ewige Suche, dieses Zweifeln an dem, woran wir glauben.

Wie wird man das in der Aufführung spüren?

Die Aufführung bringt Dinge zusammen, die wir nicht sehen oder mit Worten ausdrücken können, die aber nichtsdestotrotz da sind. Man spürt die Ernsthaftigkeit, wie eine Art elektrische Ladung. Es ist eine Art Spiritualität, und ein denkbarer Name für diese Schönheit ist Gott. Sexualität und Spiritualität sind zwei Mächte, zwei spirituelle Energiefelder, die immer wieder gewaltsam auseinandergerissen werden. Können wir Künstler diesen Riss, diese Wunde heilen, wenn wir an die Kunst glauben?

Gustav Koenigs © Phil Griffin

Was bedeutet eine 24-stündige Anwesenheit auf der Bühne für die Schauspieler?

In „Mount Olympus“ bewohnen die Darsteller ein selbstauferlegtes Exil, in dem die Zuschauer sie besuchen. Ich möchte eine traumähnliche Landschaft erschaffen, in der die abwechselnd wachenden und schlafenden Schauspieler ihre utopischen Sehnsüchte, Ängste und Visionen darstellen und träumen. Das Podium von „Mount Olympus“ wird Stunde um Stunde von verschiedenen Figuren aus den Mythen und Tragödien bewohnt werden, die einander auf den Schlachtfeldern von Krieg und Liebe begegnen. Götter und Halbgötter, mythische Figuren, Helden und gewöhnliche Menschen… Nichts Menschliches wird in dieser Aufführung fehl am Platze sein. Dem Publikum kommt eine entscheidende Rolle zu: Sie schauen nicht nur zu, sondern sie durchleben die Aufführung, sie erleben sie körperlich. Die Aufführung verlangt aktives Engagement und verspricht im Gegenzug eine einzigartige Theater-Erfahrung. Ich glaube, dass so eine Komplizenschaft zwischen den Figuren, den Darstellern und den Zuschauern und Mit-Erlebenden erreicht werden kann.

Jan Fabres 24-stündige Inszenierung „Mount Olympus. to glorify the cult of tragedy (a 24H performance)“ wird vom 27. Juni, 16:00 Uhr, bis zum 28. Juni, 16:00 Uhr im Rahmen von Foreign Affairs 2015 im Haus der Berliner Festspiele zu sehen sein. Zahlreiche Fotos und weitere Informationen zur Erarbeitung des Projekts finden Sie unter mountolympus.be. Dieses Interview ist erstmals erschienen im Foreign-Affairs-Programm in taz. Die Tageszeitung vom 25. April 2015.