Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016.

Mein Herz, in diesem Bache

Mitten in
März
Wochen
Weltmittelpunktsverlust

Mitten in
Monatelanges
Sinnsuchen
Sehnsuchtssucht

Mitten in
Mitten in
Mir

Trifft die alte Leier
Einen Nerv

Gesteigertes Schmerzempfinden

Wenn tausende
Finger tosende
Tropfen lösen

Und trotzdem
Bin ich allein
Und höre nichts
Außer mir

Ob es mir denn entgangen,
Dass ich geweinet hab?

 

Als ich gestern am Bahnhof saß und auf meinen Zug wartend Menschen beobachtete, setzte sich ein alter Mann auf meine Bank. Er trug eine zerschlissene Jacke und in seinem Gesicht lag die Müdigkeit zwischen den Falten. Nach kurzer Zeit wurde er von einem Sicherheitsbeamten angesprochen. Hausieren sei in diesem Bahnhof verboten. Der Alte hielte sich nun schon über zwei Stunden hier auf, länger würde gegen die Vorschrift verstoßen. Mit der nächsten Bahn müsse er verschwinden. Später sah ich durch das Fenster meines Waggons, wie der alte Mann sich erhob und mit langsamem Schritt das Gleis entlang ging, bis er einen Waggon betrat. In meinem Kopf sang der Wanderer aus Schuberts Winterreise: „Und ich wandre sonder Maßen/Ohne Ruh, und suche Ruh.“ Und auf meinen Wangen froren die Tränen.

Was kann ich Neues über die Zeitlosigkeit, über die Aktualität von Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ schreiben? Was kann ich der Präsenz und Prägnanz von Endlichkeit, Sehnsucht, Liebe oder Einsamkeit hinzufügen? Die Stimme des Wanderers klingt in mir – verkörpert von Ian Bostridge und Julius Drake – sie singt beständig von Rastlosigkeit. Rastlos treibt sie mich durch ein Leben von Terminen, immer neuen Zielen – und zwingt mich zum Innehalten. Zum Nachdenken über das Wohin und das Warum.

„Winterreise“, Ian Bostridge und Julius Drake, Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin, 15.03.2016

Unter die Stimme Bostridges mischt sich in meinem Kopf ein neuer Ton. Ein etwas raues Flüstern, eindringlich und beinah provokant: „Wir sind alle Fremde. Wir haben alle hier ein Quartier gebucht. Was haben Sie zu verbuchen?“, raunt Sophie Rois die Worte Elfride Jelineks in mein Ohr. Die Auseinandersetzung Jelineks mit der Winterreise greift nicht nur die zentralen Begrifflichkeiten der Verse Wilhelm Müllers auf, sondern platziert sie in einen gesellschaftskritischen aktuellen Kontext. Mit genialen Wortspielen wird Frage um Frage aufgeworfen, die schließlich jeder nur für sich selbst beantworten kann.

„Winterreise. Ein Theaterstück“, Sophie Rois liest Elfriede Jelinek (c) Camille Blake

Was zählt? Das, was ich tue? Das, was ich hinterlasse? Das, was ich nicht tue, was ich unterlasse? Was zählt, ist das Innehalten, die gemeinsame Stille nach dem Konzert. Die einsame Gemeinsamkeit. Noch nie habe ich einen so lautlosen und zugleich derart tosenden Applaus erlebt, wie nach der Aufführung der „Winterreise“ durch Ian Bostridge. Niemand hat ein Wort gesagt, Bravorufe ertönten erst nach dem ersten Vorhang. Niemand hat bereits seine Jacke angezogen und sich durch die Sitzreihen gedrängt. Es war weniger eine Anerkennung der Leistung von außen, als vielmehr ein Versuch der Befreiung von innen, bestärkt durch eine tiefe Ehrlichkeit. Diesen Effekt habe ich so bei noch keinem Konzert Neuer Musik beobachtet.

„The Cold Trip“, Bernhard Lang (c) Camille Blake

In der Meta-Komposition „The Cold Trip“ von Bernhard Lang kommt nochmals ein gänzlich anderer Blickwinkel auf die Winterreise zum Ausdruck. Die Stimme, hier eine „Wanderin“, scheint stärker, verrückter als der melancholisch bekannte Wanderer, und vor allem eigenartig ironisch. Fast schon absurd wirken die sich selbst remixenden Musiker, als gäbe es einen Sprung in der Platte. Die immer ähnliche Struktur der Lieder kann gewollt sein, erschöpft sich aber schnell. In der Kälte der Elektronik im zweiten Teil manifestiert sich der Winter des „Cold Trip“. Ich stelle fest: wir sind gefangen im Kontext der immer alten Leier. Wurde etwa schon alles gesagt? Mit den Worten von Jelinek: „Das Vergangene wiederholen wir jetzt alle gemeinsam. Damit wir wiederholen können, dass wir gelebt haben.“ Vielleicht. Doch das Ende der Winterreise spricht nicht nur vom Ende. „The End is about carrying on“, meint Ian Bostridge. Womöglich geht es letztlich nicht um einen prägnanten Schlusspunkt, um ein bestehendes Monument, sondern um jeden neuen Schritt. Der alte Mann, der aus dem Bahnhof verwiesen wurde, ohne Gepäck und mit gebeugtem Kopf, er soll nicht in diese schnelle, schöne, saubere Welt gehören, in der alles eine Funktion haben muss. Aber vielleicht treibt es ihn wie den Wanderer durch die Welt, vielleicht träumt er von seiner Vergangenheit und vielleicht hat er mit seinen langsamen Schritten schon mehr erreicht, als man glauben mag.

Rund um Franz Schuberts Winterreise hat MaerzMusik 2016 einen Festivalschwerpunkt gestaltet, mit Sophie Rois‘ Lesung aus Elfriede Jelineks „Winterreise. Ein Theaterstück“ von 2011, Bernhard Langs „The Cold Trip“ von 2014 und Ian Bostridges Recitation des Schubert-Originals im Kammermusiksaal.