„Bei der Amerika-Gedenkbibliothek hatte ich beim Wettbewerb gar nicht das Programm erfüllt, gar keinen Baukörper gemacht. Symbolisch gesehen hätte ich den Gedanken auf zwei DIN A 4 Seiten schreiben und abgeben können: den Gedanken, dass sie, wenn sie in eine Bibliothek kommen, unbedingt die direkte Kommunikation zum Buch haben müssen. Sie müssen möglichst die Bücher an den Leser heranführen, ihn frei wählen lassen und ihn so oft als möglich in den Regalen vagabundieren lassen, damit er auch aus den benachbarten Literaturen liest. Und dann müssen sie ihm helfen – Prinzip Ölfeld – die zusätzlichen Dinge zu finden, zu bohren, nach unten, ins Magazin. Deswegen habe ich die kleinen Aufzüge gemacht und alles von unten hochbringen lassen. Und so ist die AGB heute noch. Sie ist ja kein architektonisches Wunderwerk. Ist ja bloß ein Magazinbau oben und eine Halle darunter, alles flexibel.“

Fritz Bornemann (2001), aus: „Inszenierte Moderne. Zur Architektur von Fritz Bornemann“. Hrg. von Susanne Schindler unter Mitarbeit von Nikolaus Bernau. Jovis Verlag Berlin, 2003. S. 142

Wer heute das Wort browsen benutzt, denkt natürlich zuerst an das Browsen, das das Benutzen des weltweiten Netzwerkverbundes meint bzw. an die Computerprogramme, die Webbrowser, die das ermöglichen. Browsen, engl. für stöbern, schmökern, beschreibt eine schon in prädigitalen Zeiten vorhandene Geste der Recherche und der Wissensaneignung und das dafür notwendige Wissensarchiv wie es die Bibliothek beispielsweise repräsentiert. Nicht alle Arten der Aufbewahrung von Büchern ermöglichen jedoch diese Haltung, die die Ablenkung, das Durchstreifen, den Blick zur Seite zulässt, ja geradezu sucht. In einer Magazinbibliothek, die ihre Buchbestände eher verbirgt, muss sich der Leser über den Katalog orientieren, was nicht selten spitzfindige Suchtechniken erfordert. In der Freihandbibliothek dagegen sind die Bestände frei zugänglich und der Bibliotheksnutzer kann direkt auf sie zugreifen, sie durchstöbern und sich darin verlieren.

Die Amerika-Gedenkbibliothek war von Anfang an als Public Library und Freihandbibliothek konzipiert, in Deutschland nach 1945 durchaus Neuland. Fast alle Buchbestände waren frei zugänglich. Durch ein Aufzugsystem konnten Bücher zügig aus dem nahegelegenen Magazin zu ihren Lesern transportiert werden. Die offene Präsentation von Büchern und Medien hatte 1954 zur Eröffnung durch aus Symbolwert – ein Zeichen für Bildungs- und Meinungsfreiheit.

Warum der freie Zugang zu den Regalen so wichtig ist im Umgang und Leben mit Büchern, macht Umberto Eco unter anderem an der Möglichkeit zum Browsen fest :

„Eines der Missverständnisse, die den allgemeinen Begriff der Bibliothek beherrschen, ist die Vorstellung, dass man in eine Bibliothek geht, um sich ein bestimmtes Buch zu besorgen, dessen Titel man kennt. Natürlich kommt es oft vor, dass man in eine Bibliothek geht, weil man ein bestimmtes Buch haben will, aber die Hauptfunktion einer Bibliothek […] ist die Möglichkeit zur Entdeckung von Büchern, deren Existenz wir gar nicht vermutet hatten, aber die sich als überaus wichtig für uns erweisen […] nichts ist aufschlussreicher und spannender, als eigenhändig die Regale zu durchstöbern, die womöglich alle Bücher zu einem bestimmten Thema enthalten […]. Und neben dem Buch, deswegen man gekommen ist, ein anderes Buch zu finden, das man gar nicht ausgesucht hatte, aber das sich als fundamental herausstellt. Mit anderen Worten, die Idealfunktion einer Bibliothek ähnelt ein bisschen derjenigen der Bouquinisten am Seineufer, bei denen man Trouvaillen machen kann, und diese Funktion erhält man nur durch den freien Zugang zu den Regalen.“

Umberto Eco, „Die Bibliothek“, Hanser Verlag 1987, S. 24 

Im Rahmen unserer Reihe „Bornemann in Berlin“ richten wir nun, nicht nur angesichts der aktuellen Debatte, das Augenmerk auf die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor. Den großartigen Bau von Fritz Bornemann, dem Architekten unseres Festspielhauses, präsentieren wir in einer Fotoserie von Mila Hacke. Der Architekturkritiker Nikolaus Bernau, mit dem wir bereits kürzlich über Fritz Bornemanns Berliner Bauten sprachen, ordnet den Bau der Amerika-Gedenkbibliothek zeithistorisch in das Berlin der 1950er und 1960er Jahre ein.

Verkehrskanzel © Mila Hacke

Mit Förderung des Aktionsfonds City West hat Mila Hacke den Kalender 2015 „Nachkriegsmoderne – Berlin City West“ herausgebracht. © 2014 Dietrich Reimer Verlag GmbH, Berlin, € 19,90, ISBN 978-3-496-01502-4, Sonderpreis vom Reimer-Verlag: € 8,00
Ebenfalls frisch erschienen: „Edition Verkehrskanzel“. Fotografie „Verkehrskanzel“ © Mila Hacke, 2014, 30 x 40 cm Pigmentdruck auf Hahnemühle Matt Fibre 200 g, Limitierte Edition, 100 Exemplare, signiert, Sonderpreis € 70,00 (statt € 80,00) zzgl. Versand
Bestellungen Kalender + Edition bis 28. Februar 2015: mila.hacke@web.de oder Fax: +49 (0)30 89 74 89 96