Die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 in München © Karl Schillinger

Die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 in München © Karl Schillinger

Am 20. März beginnt für das Festival MaerzMusik eine neue Zeitrechnung – um exakt 9 Uhr 38 und 42 Sekunden. Eine durchaus ungewöhnliche Uhrzeit, um eine Zeitenwende zu terminieren, und eine Wegmarke, wie sie passender kaum sein könnte – beginnt doch exakt zu dieser Sekunde über Berlin eine Sonnenfinsternis, die Teile der Nordhalbkugel des Globus in völlige Dunkelheit tauchen wird. Und eine Sonnenfinsternis, so drückte es der zu früh verstorbene Filmkritiker Michael Althen in seinem gemeinsam mit Dominik Graf inszenierten Film „München – Geheimnisse einer Stadt“ aus, ist „der Moment, wo Vergangenheit und Zukunft in eins fallen, wo all das Sehnen, aber auch all das Erinnern für einen Moment Ruhe hat.“

Die Sonnenfinsternis als Punkt, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – Eckpunkte unseres vom Tag- und Nachtwechsel rhythmisierten Zeiterlebens – sich bündeln und in eine Erfahrung des Aus-der-Zeit-gefallen-Seins münden, so kann man das Finale von Pink Floyds großem Album „The Dark Side of the Moon“ (1973) begreifen. Im „Eclipse“ betitelten, letzten Stück des Albums singt Roger Waters: „And all that is now / And all that is gone / And all that’s to come / And everything under the sun is in tune / But the sun is eclipsed by the moon.“ Die Sonnenfinsternis, das war also von jeher ein Moment, der außerhalb der Zeit steht, der sie stillstellt, gewaltsam oder poetisch unterbricht – oder ein Vorzeichen ihres Endes.

In der Offenbarung des Johannes zählt die Sonnenfinsternis zu den Vorboten der Apokalypse und beendet das Zeitalter des Menschen: „Und ich sah, dass es das sechste Siegel auftat, und siehe, da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack, und der Mond ward wie Blut.“ Eine dreistündige Sonnenfinsternis markiert in der biblischen Überlieferung die Zeitspanne zwischen Kreuzigung und Tod Christi: „Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Matthäus 27, 45) Und auch im Islam zählen die Mond- und Sonnenfinsternis zu den Vorzeichen des Weltendes, wie die 75. Sure „Al-Qiyámah“, die Auferstehung, andeutet: „Wenn das Auge geblendet ist, / Und der Mond sich verfinstert, / Und die Sonne und der Mond vereinigt werden. / An jenem Tage wird der Mensch sprechen: ‚Wohin nun fliehen?‘“ (75, 7–10)

Warnung vor der Sonnenfinsternis © S. Klüsener

Warnung vor der Sonnenfinsternis © S. Klüsener

„Weder der Mond noch die Sonne verfinstern sich wegen des Todes oder der Geburt eines Menschen“, diese Worte werden dem islamischen Propheten Mohammed zugeschrieben, der den Tod eines Sohnes während einer Mondfinsternis betrauert. Das rituelle Gebet Salat-al-Kusuf, während einer Sonnenfinsternis laut zu sprechen, soll dem bevorstehenden Jüngsten Gericht, das sich in der Verdunkelung der Sonne ankündigt, gedenken.

Die schriftlichen Zeugnisse einer Sonnenfinsternis reichen jedoch noch Jahrtausende weiter zurück. Bereits die älteste überlieferte Sonnenfinsternis, die sich um das Jahr 2159 v. Chr. in China ereignete, hinterließ literarische Spuren im konfuzianischen „Buch der Urkunden“. Die zwei Hofastronomen Hi und Ho versäumten der gut eineinhalb Jahrtausende jüngeren konfuzianischen Erzählung zufolge die von ihnen erwartete Vorausberechnung der Sonnenfinsternis und wurden vom erzürnten Kaiser Zhong Kang zum Tode verurteilt. Die erste erfolgreiche Vorausberechnung einer Sonnenfinsternis wird im Jahr 585 v. Chr. dem griechischen Astronomen, Philosophen und Mathematiker Thales von Milet zugeschrieben. Zudem habe Thales, dem Philosophiehistoriker Diogenes Laertios zufolge, „die Jahreszeiten eingeführt und das Jahr in 365 Tage geteilt.“

Auf der Suche nach den Grundlagen und Grenzen unserer Zeitrechnung stoßen wir immer wieder auf das Phänomen, an jedwedem Anbeginn unserer kulturellen und künstlerischen Traditionen scheint die durch den Mond verdunkelte Sonne als Rätsel, formatives Erlebnis, Faszinosum oder Drohgebärde zu stehen. Das 20. Buch der „Odyssee“ etwa schließt mit diesen Versen: „Oh, ihr Armen, welch ein Übel befiel euch? In Nacht / Sind eure Köpfe gehüllt und Gesichter und unten die Kniee. / Wehgeschrei entbrennt, von Tränen benetzt sind die Wangen, / Und vom Blute bespritzt sind Wände und das schöne Gebälke; / Und von Schatten ist voll das Vorhaus, füllt sich der Hof an, / Die zum Érebos ziehn ins Dunkel, aber die Sonne / Ist vom Himmel getilgt, und böse Finsternis aufsteigt.“ Ein Zeitstrahl der westlichen Literaturtradition tut sich hier auf, der bis zu Stephenie Meyers Bestseller „Twilight: Eclipse“ (2007) in die Gegenwart der Popkultur hineinreicht.

Georges Méliès: „Eclipse de soleil en pleine lune“ (1907) – Quelle: archive.org

Fast 40 Filme mit dem Titel „Eclipse“ verzeichnet die Internet Movie Database bis heute, knapp 20 Episoden von TV-Serien – und, von „Full Eclipse“ (1993) über „Total Eclipse“ (1995) bis zur „Eclipse of Reason“ (1986) unzählige weitere Titel, vom Horrorfilm bis zum literarischen Biopic, die das hochassoziativ aufgeladene Bild der Sonnenfinsternis verwenden. Deren Faszinationskraft hat sich bereits sehr früh in die Kinogeschichte eingeschrieben: Unter dem Titel „Eclipse de soleil en pleine lune“ schuf Georges Méliès, der Magier des frühen Films, bereits 1907 eine verspielte Fantasie um das Zusammentreffen anthropomorpher Sonnen- und Mondfiguren sowie einen revueartigen Tanz der Sterne. Den Beobachter schlagen die astronomischen Spektakel derart in ihren Bann, dass er im Bestreben, den Blick ihren Höhen weiter anzunähern, in die Tiefe und aus dem Fenster stürzt.

„[G]erade wenn die Sonne selbst verdeckt wird, ist sie besser sichtbar als sonst. Weil nur dann die Flammen des Strahlenkranzes erkennbar sind. In Antonionis Filmen herrscht eine ständige Sonnenfinsternis: Indem er die Peripherie zeigt, macht er das Zentrum sichtbar. Die verdunkelte Sonnenscheibe wäre das Sinnbild für das Geheimnis der Welt, das dieses Werk umschreibt.“ – Michael Althen

Den verspielten Zauber des mélièsschen Kinos konnte sich die Sonnenfinsternis als filmisches Motiv nicht bewahren. In „L’eclisse“ (1962) wählt Michelangelo Antonioni sie als titelgebendes Leitmotiv, ohne sie jedoch konkret in Erzählung und Bild zu setzen. Tatsächlich lässt Antonioni die Sonnenfinsternis von „L’eclisse“ im Rahmen einer Trilogie direkt auf „La notte“ (1961), die Nacht, folgen – und platziert sie so als Störmoment in der Monotonie des Tag- und Nachtwechsels. Sowohl am Beginn wie am Ende der Trilogie steht dabei ein Verschwinden, eine Auslöschung – zunächst das unaufgelöste, schockhafte Verschwinden einer Hauptfigur (in „L’avventura“, 1960), schließlich das Beharren der leergewordenen Räume in der Schlusssequenz von „L’eclisse“ – Jonathan Rosenbaum zufolge „perhaps the most powerful sequence in Antonioni’s work“ – vom flackernden, surrenden Licht einer Straßenlaterne unter Strom gesetzt. Was von einer Liebe, was von einer Sonnenfinsternis übrig blieb, unter dem kalten Licht der urbanen 1960er-Jahre.

Leander Russ: Die Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842

Leander Russ: Die Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842

Das Wunder, die Zeitenwende, das formative Erlebnis, all das ist bei Antonioni nur noch im Erlöschen denkbar. Das wohl schönste Zeugnis der Sonnenfinsternis als erleuchtende individuelle Erfahrung ist in einem kleinen Prosatext von Adalbert Stifter zu entdecken, der „Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842“ ausführlich beschrieb. „Es gibt Dinge, die man fünfzig Jahre weiß, und im einundfünfzigsten erstaunt man über die Schwere und Furchtbarkeit ihres Inhalts“, so setzt Stifter zu erzählen an und erzählt von Dingen, die er in den zwei Minuten jener totalen Sonnenfinsternis über Wien durchlebte, „an die ich weder wachend noch träumend gedacht hatte, an die keiner denkt, der das Wunder nicht gesehen.“ Das Andersartige, Horrible der Erfahrung beschreibt Stifter in eindrücklichen Sätzen: „Wir hatten uns das Eindämmern wie etwa ein Abendwerden vorgestellt, nur ohne Abendröte; wie geisterhaft ein Abendwerden ohne Abendröte sei, hatten wir uns nicht vorgestellt, aber auch außerdem war dies Dämmern ein ganz anderes, es war ein lastend unheimliches Entfremden unserer Natur“. Und doch bleiben vor allem anderen die Gefühle von Erhabenheit, Erschütterung, religiöser Erleuchtung zurück, „es war nicht anders, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden.“

Am 20. März 2015 um 9:38:42 Uhr beginnt mit der Eröffnung von „Thinking Together – The Politics of Time“ MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2015.