„Mondrian’s Music“ – so lautet der Titel einer Musikkassette, die ich mir Anfang der 80er Jahre in der damals gerade eröffneten „Gelben Musik“ von Ursula Block in der Schaperstraße 11 gekauft habe, unweit des heutigen Hauses der Berliner Festspiele. Die Kassette erschien 1981 in limitierter Auflage anlässlich einer großen Mondrian-Schau in Stuttgart. Sie zeigt auf ihrem kleinen Titelumschlag Piet Mondrian von hinten in seinem Atelier vor einem Plattenspieler.

Auf der A-Seite der Kassette sind sieben Stücke für Klavier aus der Reihe „Proeven van Stijlkunst“ (1913–1917) von Jacob van Domselaer (1890–1960) aufgezeichnet. Mit dem niederländischen Komponisten Domselaer war Mondrian während der 10er Jahre des 20. Jahrhunderts befreundet. Auf der B-Seite findet man eine Auswahl von Musikstücken, die den Schallplatten entnommen sind, die Mondrian besaß. Zum Beispiel:

oder

Damals war ich vor allem an der Bildenden Kunst interessiert, bei der Musik im Spiel war, und umgekehrt an Musik, die zum Bildnerischen tendierte, kurz an Übersetzungen von einem ins andere Medium. Mondrian war so ein Fall – ähnlich wie Paul Klee oder Wassily Kandinsky. Mondrians Bilder, insbesondere die aus seiner letzten Lebensphase wie die Reihen „Composition with Red, Yellow and Blue“, „Broadway Boogie Woogie“ usw., die inzwischen sattsam über Mode, Smartphone-Hüllen, Krawatten und Henkelbecher u.ä. verbreitet sind, weisen auf einen solchen Musik-Bezug seiner Arbeiten hin.

Mondriaanmode uit Parijs, japonnen gemaakt door Yves St. Laurent , de modellen in Haagse Gemeente Museum *12 januari 1966

Mondrian-Mode von Yves St. Laurent, 1966 © Sammlung Gemeentemuseum Den Haag

Nun, Mondrian hegte tatsächlich ein großes Interesse an der zu seiner Zeit aktuellen Musik. Er hat sich mit dem futuristischen Konzept der Geräuschmusik befasst, das damals mit der Gestik des „Épater le Bourgeois“ in die Öffentlichkeit trat. Er stand mit George Antheil, dem selbst ernannten Bad Boy of Music, in Kontakt, kannte Darius Milhaud, einen Vertreter der Groupe de Six und ist wohl auch Edgard Varèse begegnet. Allesamt Komponisten, die an den verschiedenen Paradigmenwechsel der Musik des 20. Jahrhunderts beteiligt waren.

Wirklich angetan jedoch hatte es ihm der Jazz. Es ist überliefert, dass er ein so leidenschaftlicher wie akribischer Tänzer war. Es heißt, dass er „gradlinig und gestrafft in Haltung und Schrittfolge getanzt habe – wie seine Bilder“. Wir wissen auch, was genau er gehört hat, denn seine umfangreiche Plattensammlung hat sich erhalten. Eine Auswahl davon befindet sich auf eben besagter Musikkassette:

Auf den ersten Blick fällt es einem schwer sich vorzustellen, wie Elemente der Jazzmusik, so wie Mondrian sie kannte, in seine Malerei eingeflossen sein mögen. Zu sehr scheinen die lebensbejahende Energie des Swing, das rasante Tempo des Boogie Woogie, ja überhaupt die Geste des Überbordens, der Regelwidrigkeit und der Körperlichkeit des Jazz der Strenge und Rationalität seiner Bilder zu widersprechen. Aus den schwarz-weiß gerasterten Flächen mit ihren mosaikartigen, auf die Primärfarben reduzierten Strukturen scheint jede emotionale Emphase getilgt, noch finden sich in seiner Maltechnik Spuren von der Energetik der Musik.

Offensichtlich begegnen sich Musik- und Bildelemente auf einer anderen, abstrakteren Ebene, die die Analogiebildung oder Synthese zwischen musikalischen und bildnerischen Strukturen ermöglicht. Im Fall von Mondrian liegt das gemeinsame Dritte, auf das sich Musik und Bild beziehen lassen, auf der Ebene des „Rhythmus“. Oder, anders formuliert, in der Überlagerung von regelmäßigen Rastern und dem Abweichen davon – oder in der Sprache der Musik gesagt, zwischen Beat und Off-Beat –, so jedenfalls eine mögliche Interpretation. Die im rechten Winkel zueinander stehenden geraden schwarzen Linien auf weißem Grund repräsentieren so das Grundraster, den Beat. Die eher unregelmäßige Verteilung der rhythmisiert versetzten Farbflächen den darübergelegten Off-Beat.

Schaut man sich die Bilder in der zurzeit im Martin-Gropius-Bau gezeigten Ausstellung an, dann sieht man sehr klar, dass Mondrian sich Schritt für Schritt aus dem Darstellenden, Abbildenden gelöst hat. Der Bildgegenstand löst sich zunehmend in Flächen mit waagrechten und senkrechten Linien auf.

In der Phase der zunehmenden Abstraktion hat er seine Bildsprache zunehmend reduziert auf die Komponenten Nicht-Farbe und Farbe, auf Schwarz, Weiß und Grau und die Primärfarben Rot, Gelb und Blau. Er hat sich sozusagen sein kompositorisches Material erarbeitet, aus dem er dann seine Bilder „komponiert“. Mit der Rasterung der weißen Fläche schafft er, seinen eigenen Worten nach, einen „reinen Rhythmus“, den er durch eine ausbalancierte Verteilung unterschiedlich großer, in den Primärfarben gehaltener Flächen ins Gleichgewicht bringt. (Das „Gleichgewicht“ stellt ebenfalls eine ästhetische Kategorie dar, die für ihn formbildend war.)

Die Musik war für Mondrian nicht nur eine Art Katalysator auf dem Wege zur Abstraktion. So wie er die bildnerischen Mittel radikal auf den Dualismus Farbe – Nicht-Farbe reduzierte, postulierte er auch in seinen Texten eine vergleichbare Reduktion auf der Seite der Musik, und zwar auf das Verhältnis Ton – Nicht-Ton. Ihm geht es also um solche Gestaltungsmittel, die letztendlich ermöglichen, dass man aus den gleichen Mitteln sowohl Musik als auch Bilder generieren kann.

„… es wird möglich sein, den Reichtum und die Fülle der Gemälde der neuen Gestaltung mit ihren sparsamen Farben durch eine winzige Zahl von Tönen und Geräuschen zu zeigen. – Ebenso wird die gleichwohl kurze Dauer einer Komposition ein „Klangbild“ hervorrufen.“
Piet Mondrian: Neue Gestaltung, Neoplastizismus, Nieuwe Beelding

Eine Vision, an deren Realisierung die Protagonisten der Farblichtmusik (angefangen bei Louis-Bertrand Castel und G.F. Telemann) mit ihren Farbenklavieren, des abstrakten Films und der visuellen Musik schon arbeiteten bis hin zu Künstler-Forschern wie Carsten Nicolai, die das heute auf dem Stand der avanciertesten Technik tun. Das duale Prinzip, das Mondrians Stilmittel prägt, entspricht einem Prinzip der Computertechnik, das auf der Grundlage des Binären Zahlensystems basiert („0“ und „1“). Und er forderte für diese neue Gestaltung von Kunst und Musik nicht nur neue Instrumente, sondern auch neue Orte und Räume, die sich vom traditionellen Konzertsaal fundamental unterscheiden. Stellt man sich das vor, so nehmen sich seine Bilder, ob „Fox Trot A“ (1930), „Victory Boogie Woogie“ (1942–44) oder „Composition with Red, Yellow and Blue“ wie Moment-Aufnahmen aus einer raumgreifenden Bild-Projektion aus, zu der Musik aus Jacob van Domselaers „Proeven van Stijlkunst“ erklingen könnte.

Die Ausstellung „Piet Mondrian. Die Linie“ ist noch bis zum 6. Dezember 2015 im Martin-Gropius-Bau zu sehen.