Bevor ungünstige Missverständnisse entstehen müssen wir zuerst einmal über den Klamaukbegriff sprechen, denn dieser wird zu oft falsch verstanden und besonders im westgermanischen Sprachraum gerne negativ konnotiert. Welch Schande und Verlust!

Der große Friedrich Nietzsche schrieb bereits in seinen Tagebüchern (wie in der Kritischen Gesamtausgabe (Collo, Giorgio / Montabene, Mazzino) nachzulesen ist), über eine interessante Situation, wie er sie in Bayreuth, bei einem Probenbesuch zu Richard Wagners „Parsifal“, erlebte: Der Meister selbst verzweifelte bereits einen ganzen Vormittag an der zentralen Grals-Szene des 3. Aktes. Hunderte Statisten waren zu arrangieren, riesige Kulissen mussten bewegt werden, das sinnlos verprasste bayrische Steuergeld reichte hinten und vorne nicht. Kultur kann eine fürchterliche Arbeit machen. Und dann noch das: Eine weiße Taube (ja, wirklich) sollte von hoch oben aus dem Bühnenturm einfliegen um auf dem Kopf von Amfortas zu landen, der mit dieser dann ein kleines Zauberkunststück durchführen sollte. Das alles wollte und wollte nicht gelingen, die gesamte Atmosphäre empfand der Meister immer wieder als zu ernst. Nach schweißtreibenden Stunden stürmte Wagner plötzlich ungehalten auf die Bühne, schmiss seine Partitur auf die heute heiligen Bretter und schrie: „Das ist mir alles viel zu wenig Klamauk! Hier gilt’s der Kunst! Verdammt noch einmal“

Was kann uns diese historische Szene heute sagen? Umgangssprachlich erst im 18. Jahrhundert entstanden, bezeichnete der Begriff Klamauk zunächst eine „lärmende Veranstaltung“, etwas wie „Geschrei oder Ulk“. Das kann Wagner aber nicht im Sinn gehabt haben, denn gerade in der Grals-Szene bemüht er sich in der Partitur doch um eine angestrengte Heiligkeit und Humor war ihm fremd. Drohte es ihm etwa, das er bei einem seiner gut besuchten Salons, über einen Witz lachen musste, der ihm erzählt wurde, entschuldigte er sich schnell, verschwand durch eine Tapetentür in den Keller und prustete und wieherte dort Minuten lang, bevor er in den Raum mit seinen Gästen zurück ging um zu sagen: „Finde ich nicht komisch.“

Ja, so war das damals in der Villa Wahnfried oder auch im Tribschen bei Luzern. Das kann man in jeder guten Biografie des Meisters nachlesen, wenn man sich die Mühe machen will, sich mit Dingen zu beschäftigen, die eigentlich fürchterlich langweilig sind.

Nietzsche kam dem Grund des weiter oben beschriebenen Wutausbruchs Wagners auch nicht auf die Schliche. Doch er handelte prompt und entschlossen: Er verkaufte seine Premierenkarten auf dem Schwarzmarkt, fuhr mit dem so erwirtschafteten Geld kurzer Hand ins Engadin und verfasste einen Text über Zarathustra und den „tollen Mann“ und die Erkenntnisse des teuren Klamauk: „Und wahrlich, hätte das Leben keinen Sinn und müsste ich Unsinn wählen, so wäre auch mir dies der Wählenswürdigste Unsinn. Lieber wäre ich ein Hanswurst als ein Heiliger!“

Aufgrund eines Wandels in der allgemeinen Befindlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird Klamauk heute nur noch als „billig“ apostrophiert. So kann es gehen, wenn Geschichte für einen Wimpernschlag durchdreht.

Aber bevor Sie sich wundern, was diese Ausführungen sollen, sollte ich nun endlich anfügen, das ich die Generalprobe gar nicht besuchen konnte, denn es gab keine Plätze mehr, der Laden war picke packe voll. Die Szenen, die an der Kasse des Theaters an der Wien zu beobachten waren und sich bis auf den Naschmarkt ausdehnten, erinnerten an Zustände eines kleinen gallischen Dorfes, welches den Besatzern des guten Geschmacks erfolgreich Widerstand leistet: Wohlhabende Wiener, kulturbeflissene Bürger, Bummelstudenten und Touristen schlugen sich mit großen Fischen, Schweinehälften und Extrawurstsemmeln. Sie bewarfen sich mit türkischem Konfekt und Backhendln, nur um an eine Karte zu kommen. Entweder an eine Restkarte oder einfach an die Karte eines Anderen. Der Mensch kann zum Tier werden, das wissen wir längst.

Nein, das mache ich nicht mehr mit, da bin ich zu alt dafür und außerdem schreibe ich alle meine Kritiken nur auf Vermutung hin und je nachdem ob der Gespritzte kickt oder nicht, schreibe ich gut oder schlecht. Und wissen Sie was, ich fahre gut dabei, denn wer liest denn schon so etwas.

„MONDPARSIFAL ALPHA 1–8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)“ von Jonathan Meese, Bernhard Lang und Simone Young ist am 4., 6. und 8. Juni 2017 bei den Wiener Festwochen zu sehen.

Am 15., 16. und 18. Oktober 2017 ist „MONDPARSIFAL BETA 9–23 (VON EINEM DER AUSZOG, DEN “WAGNERIANERN DES GRAUENS” DAS “GEILSTGRUSELN” ZU ERZLEHREN)“ im Rahmen des Programms Immersion im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.