199,5 Stunden werden die Musiker des Solistenensembles Kaleidoskop live gespielt haben, wenn die letzte Vorstellung des „Orfeo“ im Berliner Martin-Gropius-Bau im Kontext des Musikfest Berlin im September vorbei ist. Jede Minute davon wird sich von allen anderen unterscheiden, denn die Zusammenstellung der Partituren wird ein Computer-Algorithmus vornehmen. Jeder Ton stammt aus der Feder von Claudio Monteverdi. Doch Kaleidoskop und das Team um die Regisseurin Susanne Kennedy werden die Reise des Sängers in die Unterwelt, zu seiner durch ein Unglück gestorbenen Eurydike, erfahrbar machen wie nie zuvor erlebt. In diesem Logbuch lesen Sie, wie die Orfeo-Maschine bis zur Premiere auf der Ruhrtriennale am 20. August 2015 erschaffen, gefüttert und perfektioniert wird.

Die Schauspielerinnen Bianca van der Schoot und Suzan Boogaerdt bilden gemeinsam mit Susanne Kennedy das dreiköpfige Regieteam von „Orfeo nach Claudio Monteverdi. Eine Sterbeübung“. Die beiden haben die Theaterschule Amsterdam absolviert und unterrichten heute dort. Nach der Produktion „Hideous (Wo)men“ der Toneelgroep Oostpool (2013), die auch an den Kammerspielen München zu sehen war, arbeitet das Dreierteam bei „Orfeo“ erneut zusammen, diesmal mit dem Solistenensemble Kaleidoskop.

Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot © Julian Baumann

Wie ergänzen Sie und Susanne Kennedy sich im Dreierteam?

Bianca van der Schoot (BvdS): Wir haben viele Berührungspunkte in unserer Faszination für die Frage, wo Theater beginnt. Wir arbeiten an der Mimeschool, einer Abteilung der Theaterschule Amsterdam. Unser Startpunkt ist der Null-Zustand. Eine Haltung, in der man vom Nichts ausgeht. Einfach da sein und hellwach und daraus alles sich entwickeln lassen. Susanne Kennedy hat einen ähnlichen Ansatz. In dieser Installation schauen wir darauf, was geschieht, wenn das Publikum in einen Raum kommt, in dem sich bereits jemand befindet. Worin besteht die Spannung zwischen Zuschauer und Performer? Genau in diese Frage treten wir ein, was geschieht dort in exakt diesem Moment?
Suzan Boogaerdt und ich betrachten diese Frage vom ganz physikalischen Standpunkt. Wir sind wie Tiere, die sich ganz in die Suche hineinbegeben. Susanne geht eher vom Kopf aus, von einem gedanklichen Standpunkt. Die Berührung dieser beiden Ansatzpunkte möchten wir ausarbeiten. Alles, wonach Susanne Kennedy sucht, haben wir schon, in unserer Körperlichkeit. Durch ihre Betrachtung werden wir uns dessen bewusst, was wir schon ganz natürlich tun.

„Orfeo“ kann man in Ihrer Definition als eine Art musikalischen Nullpunkt verstehen, oder? Wir betrachten Monteverdis Werk heute als die allererste Oper, die Musik spricht jeden auf irgendeine Weise an und auch zum Plot haben die allermeisten eine Beziehung.

BvdS: Damit beschäftigen wir uns seit etwa eineinhalb Jahren und haben viel mit Tilman Kanitz und Michael Rauter darüber gesprochen. Vor zwei Jahren hat Michael unsere Arbeit „Hideous (Wo)men“ gesehen. Und gleich danach, im Café, sprachen wir über genau das Gleiche – obwohl wir aus so verschiedenen Richtungen kommen. Über ein unbegreifliches und schwer in Worte zu fassendes Gefühl der Allgemeingültigkeit. Wir versuchten, so etwas wie Richtlinien aufzustellen, die wir in unserer körperlichen Arbeit und die Kaleidoskop in ihrer musikalischen Arbeit betrachten könnten. Jeden Morgen beginnen wir unsere Proben mit einem Körperbewusstseinstraining. Alle Musiker und Performer nehmen gemeinsam daran teil, denn wir haben herausgefunden, dass jede Gruppe das für sich schon längst machte.

Eine Art Fokussierung?

BvdS: Es ist ein Fokussieren, das zu 50 Prozent nach innen gerichtet ist und zu 50 Prozent nach außen. Es ist völlig unmöglich, diese Balance des Bewusstseins ständig genauso beizubehalten, aber wir arbeiten daran. Beim Singen etwa kann man, besonders in der Oper, alles nach außen geben, was man hat, oder aber sich ein wenig in sich kehren. Das gilt für jede Ausdrucksform, Singen, Spielen, sich Bewegen, Sprechen, Schauen. Wir haben diese Richtlinien noch nicht ganz gefunden, aber wir suchen nach Anleitungen, die auf jeden Bereich anwendbar sind, in dem wir arbeiten.

Wie übertragen Sie diese Fokussierung auf Ihre Arbeit am „Orfeo“? Das Hauptaugenmerk liegt ja auf Eurydike, wie gehen Sie mit der Figur um?

BvdS: Sie ist für uns hauptsächlich ein Körper. Auch in der Geschichte ist sie ja eine Muse, keine wirkliche Figur. Sie ist ein Abbild, und wir versuchen dieses Abbild in einen Körper zu verwandeln. Sie ist mit im Raum, aber Sie können nicht wirklich mit ihr in Kontakt treten, da ist so etwas wie eine gläserne Wand zwischen dem Publikum und ihr. Ihr Körper ist anwesend, aber ihre Person ist es nicht, sondern sie ist eine Projektionsfläche – was ja auch eine Muse im Grunde genommen ist. Es geht nicht darum, wer sie ist, sondern darum, dass sie da sein muss – in der Oper oder als Muse ganz allgemein. Wir haben die Balance gefunden darin, dass sie da ist und gleichzeitig nicht da ist.

Darin liegen ja ganz viele Betrachtungsebenen. Was geschieht, wenn man Eurydike als Archetypus für eine Frauenfigur sieht? Oder was, wenn jemand ganz auf seinen Körper reduziert wird und zum Objekt wird? Eurydike könnte sogar Spiegelfläche für jeden Zuschauer sein, ganz gleich ob männlich oder weiblich, denn jeder kann in ihr sich selbst entdecken. 

BvdS: Mir gefällt die letzte Möglichkeit am besten, weil wir dann „Inspirations-Impulse“ gesetzt haben würden. Was er aber am Ende in der Performance entdeckt, bleibt dem Zuschauer überlassen. Aber natürlich sind die Ebenen alle darin enthalten. Wir haben sie alle diskutiert und suchen nun die physische Übersetzung dafür. Und dann geht es auch um einen weiblichen Blickwinkel auf diese Oper. Uns interessiert, wie es ist, eine Projektionsfläche oder ein Objekt zu sein, das anwesend sein muss, damit die Oper oder die Kunstform stattfinden kann. Wir haben viel darüber gesprochen, was passiert, wenn man diese „Orfeo“-Installation betritt. Wir schaffen eine Unterwelt, die aber nicht eine Welt des Todes, sondern des Sterbens ist. Eine Welt, in der man loslassen soll. „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ von Sogyal Rinpoche ist ebenfalls eine Inspiration für unsere Arbeit. Es sagt, dass wir jeden Tag das Loslassen üben können, dass also unser ganzes Leben eine Vorbereitung auf den Tod ist. Wir versuchen, den Blickwinkel des Buches mit einzubeziehen, der besagt: Wenn man auf sein Selbst, seinen Körper oder das so genannte Ich sieht, dann erkennt man, dass man nur aus einer Verkettung von Geschichten oder Ereignissen besteht. Wir sind nichts. Die Anhäufung von Erlebnissen gaukelt uns vor, dass wir jemand sind, somebody, aber in Wirklichkeit sind wir nur some body, irgendein Körper.

Suzan Boogaerdt (SB): Mir dieser Illusion, dass man eine Persönlichkeit sei, damit haben wir uns schon in „Hideous (Wo)men“ beschäftigt. Wieder spielen wir in Masken und ohne selbst zu sprechen? Das Gesicht, die menschliche Stimme, alles, was eine Person ausmacht, nehmen wir weg. In der „Orfeo“-Installation sendet Eurydike keine Signale aus, nichts Persönliches und dadurch gewinnt das Publikum Raum, um zu reflektieren. Das beobachten wir schon lange, je weniger der Performer aussendet, desto mehr Möglichkeit gewinnt der Zuschauer, sich selbst im Umgang mit der Kunst zu spüren. Wir lassen das Publikum buchstäblich einen Prozess durchlaufen. Mit jedem Schritt durchwandert man sein eigenes Selbst. Und gegen Ende geht es auch um den eigenen Körper. Wo bin ich, wo setze ich mich hin, wo sind die anderen Körper um mich herum? Hier wird man sich bewusst, dass man selbst eines Tages sterben wird oder geliebte Menschen sterben werden.

Dem Schauspieler das Gesicht nehmen, dem Musiker seine Stimme – was löst das bei den Mitwirkenden aus?

SB: Wir versuchen, alle Eigenheiten zu eliminieren, wie sich jemand bewegt, wie er aussieht, wenn er etwas tut, wie er sich hält, wenn er sein Instrument spielt. Kaleidoskop hat das schon in anderen Arbeiten getan. Was geschieht, wenn man immer mehr von der persönlichen Ummantelung wegnimmt, worin liegt der Kern?

BvdS: Für Musiker wie für Performer liegt die einzige Möglichkeit, sich auszudrücken in den Augen. Alle tragen ja Masken mit Sehlöchern.

SB: Das macht die Atmosphäre der Installation aus, man stellt sich selbst Fragen. Über die Unterwelt oder den Übergang vom Leben zum Tod.

Sie sprechen von ‚Installation‘ und nicht von ‚Performance‘, vielleicht ist das der Schlüssel, nicht zu erwarten, dass man eine theatrale Entwicklung beobachtet, sondern sich selbst in einer Art Entwicklungsprozess befindet?

BvdS: Sie sind eher Teil des Seienden als auf das Seiende zu schauen, ja. Man muss sich als Zuschauer auch ständig neu auf die Situation einstellen.

Sie spielen selbst mit, wechseln also von der Eurydike-Seienden zur Sein-Betrachterin und umgekehrt. Wie wirkt sich das aus?

BvdS: So arbeiten wir immer, wir sind im Stück und leiten es gleichzeitig an, gehen also hinein und hinaus. Dadurch können wir genau nachvollziehen, was die Performerin braucht, um zu Eurydike werden zu können. Wir forschen praktisch in zwei Richtungen, wir fühlen die Impulse, die die Performerin etwas tun lassen und betrachten gleichzeitig, wie das von außen wirkt. Ich habe vorhin vom Nullzustand gesprochen. Den versuchen wir auszuweiten, einfach ganz darauf konzentriert sein, im Hier und Jetzt zu sein und sich nicht innerlich darauf vorzubereiten, dass man gleich Text sprechen wird oder einen choreografierten Bewegungsablauf zeigen wird.

SB: Wir vermitteln das oft in Workshops, auch an Menschen, die gar nichts mit Schauspiel zu tun haben, die in einer Bank arbeiten oder so. Man kann mit dieser Körperwahrnehmung sehr weit kommen. Jeder von uns hat einen Körper, und es gibt Wege, die Leute sich dessen bewusst werden zu lassen. Der Körper ist unser Instrument. Ich vergleiche das manchmal mit einer formbaren Puppe, nur dass der Puppenkörper nicht in unserer Hand ist, sondern dass wir selbst in diesem Körper sind. Wenn ich mich so hinsetze, bedeutet es etwas, wenn ich in dieser Haltung dastehe, bedeutet es etwas anderes. Blicke, Gesten, wir können uns dessen bewusst werden. Je mehr ich mich darauf konzentriere, desto mehr kann ich eine Situation herstellen oder kontrollieren. Das hat nichts mit Psychologie zu tun, sondern mit Körpersprache. Deshalb haben wir alle gemeinsam morgens unsere Aufwärmübungen, in denen wir uns in diese Aufmerksamkeit für uns selbst, aber auch für den „Gruppenkörper“ hineinbegeben. Du spielst nie, aber du bist da, und sich bewusst zu sein, dass man da ist, lässt eine Präsenz oder Spannung entstehen, die von außen wirkt wie Schauspiel.

BvdS: Wir haben „Orfeo“ zwei Jahre lang vorbereitet, jeder in seinem Feld, Susanne Kennedy, wir beide und das Solistenensemble Kaleidoskop. Jeder fügt immer wieder etwas hinzu oder nimmt etwas weg, akustisch, visuell, mit Licht oder der Anwesenheit einer oder mehrerer Personen. Da befinden wir uns gerade mitten im Prozess.

„Orfeo“ ist an zehn Tagen zwischen dem 18. September und dem 4. Oktober 2015 im Martin-Gropius-Bau zu sehen.