Wieso ist das deutschsprachige Theater eigentlich immer noch so interessant? Beim Theatertreffen dieses Jahr gibt es bis auf „The Situation“ kein Stück, von dem man sagen könnte, es wird noch vom Blatt gespielt. Es ist die Zeit der offenen Form, der Archivsimulation von Hans Werner Kroesinger, der skulpturalen Setzung bei Ersan Mondtag – wir erleben mehr Flexibilität für die Bühnen, mehr Nähe und Involviertheit der Zuschauer, die Community rückt dichter ran. Kein klassischer Theatertext hat es in die Auswahl geschafft, statt dessen Bearbeitungen von Filmen wie heute Abend Fellinis „Schiff der Träume“, Romanen wie bei „Väter und Söhne“, „Mittelreich“ und „Effi Briest“, Textmontagen wie bei „der die mann“, Überschreibungen berühmter Ibsen-Stücke durch Zeitgenossen wie bei „Ein Volksfeind“ und „John Gabriel Borkman“ – es fehlt eigentlich nur noch die „Bürgerbühne“ aus Dresden. Und die haben wir deshalb extra als Gastspiel für unseren Focus „Arrival Cities“ eingeladen.

Und die bildende Kunst? Die ist schon seit Wilfried Minks auf der Bühne. Wir haben ihr mit unserem Schwerpunkt zu Isa Genzken einen Fokus gewidmet, weil die bildende Kunst eine große Rolle spielt in den Arbeiten dieses und der vergangenen Jahre, von Herbert Fritsch, Susanne Kennedy, Ersan Mondtag – hier entstehen neue andere Konzeptionen nicht nur von Bühnenraum, sondern auch andersartige Wege zur Figur, der Erzählung und Theatersituation selbst.

Thomas Oberender zur Eröffnung des 53. Theatertreffens am 6. Mai 2016. © Piero Chiussi

Wenn das 19. Jahrhundert das der Ausstellung war und das 20. das des Theaters, so sind wir unterwegs zu einer Begegnung dieser Kunstformen mit anderen Welten – der des Gamings, des politischen Aktivismus, der Netzwerkintelligenz – sie führen Schritt für Schritt zu neuen Ritualen der Begegnung. Das alles passiert gerade jetzt. Heute Abend. Hier, wo sich die Theaterrepublik Deutschland trifft, versuchen wir diese Entwicklung in den nächsten Wochen zu reflektieren, eine Entwicklung, die neben Kampnagel und HAU auch moderne und hybride Repertoiresysteme wie die Schaubühne, das Theater Dortmund, die Münchner Kammerspiele, das Maxim Gorki Theater oder das Staatstheater Karlsruhe vorantreiben – es wären viele zu nennen.

Diesen Entwicklungen widmen Yvonne Büdenhölzer und ihr Team Künstlergipfel und Workshops. Sie verbinden unser Ausstellungshaus mit dem Festspielhaus und schlagen eine Brücke zur gerade zu Ende gegangenen re:publica – das Theatertreffen-Camp untersucht verstärkt immersive Kunstformen, andere Formen des Entertainments und ein Theater virtueller Identität. Bitte sagen Sie nicht: Das war doch alles schon mal da gewesen. Schauen wir in den nächsten drei Wochen genau hin, was da wirklich passiert in der deutschsprachigen Theaterlandschaft, die von der Globalisierung und Digitalisierung genauso umgestülpt wird wie die Politik und Wirtschaft. Die Veränderungen unserer Stadtgesellschaften spiegelt der Fokus „Arrival Cities“, denn dieses Gleichen von Innen und Außen ist das Thema und auch die Form vieler Produktionen des Camp-Focusprogramms und des Stückemarktes.

Doch so belebt ich hier gerade von den Schwerpunkt-Themen spreche – sie kämen uns nicht halb so nahe, und blieben ohne Form, ohne die Schauspieler, diese lebensklugen Spieler, für deren Gipfeltreffen ich in der nächsten Wochen bei Regen zu Fuß aus Potsdam hierher laufen würde: Lina Beckmann, Charly Hübner, Robert Hunger-Bühler, Birgit Minichmayr, Josef Ostendorf, Annette Paulmann, Caroline Peters, Ruth Rosenfeld, Dimitrij Schaad, Steven Scharf, Oliver Stokowski, Kate Strong, Michael Wittenborn oder Martin Wuttke.

Ich freue mich auf die szenischen Lesungen, die Vorträge von Arne Vogelgesang, Dorothea von Hantelmann, Carolin Emcke, Milo Rau, Barbara Gronau und Doris Kolesch, die uns die Evolution der Theaterformen genauer betrachten helfen – all das zählt zum enormen Reichtum dieses Festivals. Aber vergessen wir nicht: Die Theater müssen nach wie vor und viel, viel mehr kämpfen. Das Aufblühen des Theater Rostock wurde zum Trauerspiel, das Kunstfest Weimar darf, aufgrund energischer Proteste, nicht zuletzt von Klaus Dieter Lehmann, zumindest weiter hoffen.

Die Einladungen aus Karlsruhe und Kassel zeigen, wie reich und extrem das deutschsprachige Theater auch jenseits der Metropolen arbeitet, die eingeladenen Aufführungen bezeugen die Diversität der Theaterformen, was wesentlich mit den sehr jungen Regisseurinnen und Regisseuren einer nächsten Generation zu tun hat, die auf diesem Festival zu entdecken ist. Und auch das muss man sagen: Berlin gibt erheblich und wahrnehmbar mehr für Kultur aus, drei Berliner Theater sind dabei, und endlich kommt auch etwas von der Citytax bei denen an, die sie für Berlin einst erfunden haben, auch wenn das nicht genug ist. Der Kulturetat auf Bundesebene ist in Zeiten der schwarzen Null um 60 Millionen Euro gewachsen und diese Millionen gehen auf das Konto von Monika Grütters, auf deren Rede ich mich nun sehr freue.

Das 53. Theatertreffen wurde am 6. Mai 2016 eröffnet.