Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie das 36. Theatertreffen der Jugend.

„Alice“ © Arno Declair

Die Bühne ist pink, einfach nur das. Es gibt keine Kulisse, die Schauspieler sind nicht verkleidet. Die erste Frage, die ich mir stelle, ist: Bin ich zu früh? Ist das noch die Probe? Doch dann lese ich, dass dem nicht so ist. Auf der Eintrittskarte steht Haus der Berliner Festspiele, Beginn um 20 Uhr. Ich bin also richtig. Doch vor mir auf der Bühne sprechen sich die Schauspieler immer noch mit ihren richtigen Vornamen an. Also lese ich noch einmal den Namen des Stückes nach. Im Programmheft steht: „Alice – nach Lewis Carroll, aufgeführt vom Jungen Deutschen Theater.“ Ich erwarte einen verrückten Hutmacher, Kartensoldaten, die weiße Königin. Doch nichts davon kommt. Es ist anders.

Es gibt nicht nur eine Alice, die Abenteuer im Wunderland erlebt. Es gibt 16 Jungen und Mädchen, alle im Alter zwischen 9 und 19 Jahren. Sie sind alle Alice. Viele von ihnen haben noch nie zuvor im Theater mitgespielt. Als Bewerbung sollten sie einen Brief über sich selbst schreiben. Ehrlich, kreativ, individuell. Lewis Carroll hat nämlich Brieffreundschaften zu Kindern gepflegt. Und ein ganz besonderes Mädchen – Alice – hat ihn 1865 zu seinem Werk inspiriert. Doch dieser Briefwechsel ist verschollen und die Lücke sollte so gefüllt werden. Beantwortet wurden alle Bewerbungsbriefe, doch genommen wurden nur die Jugendlichen vor mir auf der Bühne.

Gerade stehen dort zwei Jungen. Sie haben sich ihre Oberteile ausgezogen und vergleichen ihre Muskeln, das Licht zeichnet die Konturen ihrer Körper nach. Das Publikum muss lachen. Ich auch. Doch ich werde auch nachdenklich. Und das ist auch so gewollt: „Die Zuschauer sollen sich selbst hinterfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Und auch: Bin ich glücklich?“, so die Dramaturgin Birgit Lengers. Die Fragen sind kurz, doch die Antworten zu finden dafür umso schwieriger. Durch den ganzen Abend begleiten sie mich und es kommen immer neue hinzu. Sie legen sich wie ein Mantel um meine Schultern und wollen beantwortet werden. Erst flüstern sie mir nur leise ins Ohr, dann schreien sie nach Aufmerksamkeit.

Die Stimme der Herzkönigin reißt mich aus meinen Gedanken. Sie trägt einen neonfarbenen Tüllrock und eine Perücke – eine der wenigen Requisiten in dem Stück. Sie befiehlt nicht nur ihren Dienern auf der Bühne etwas, sondern auch den Zuschauern. Erst einem, dann allen. Sie sollen kurz aufstehen, nur um sich im nächsten Moment wieder hinzusetzen. Mehrmals geht das so. Dann setzt sich ein Schauspieler auf den Schoß meines Nachbarn. Der wusste vorher nichts davon, doch der Junge spielt weiter seine Rolle. Und während Gemüse über die Bühne fliegt, sich die Jugendlichen in Schweine und in Blumen verwandeln, vergeht der Abend. Manchmal höre ich englische Sätze und dann wird mir auch klar, warum: Es sind Originalzitate aus dem Buch.

Später kann ich nicht einmal sagen, ob ich das Stück gut oder schlecht finde. Es ist anders. Anders als alles, was ich zuvor gesehen habe. Und vielleicht ist auch das der Grund, weshalb die Produktion so erfolgreich ist: Das Ensemble reist quer durch Deutschland, unter anderem zuletzt auch nach Mannheim. „Dort ist die Bühne kleiner, die Laufwege der Schauspieler waren anders. Vieles musste noch einmal geprobt werden. Einen ganzen Tag brauchen die Jugendlichen dafür Zeit“, sagt die Dramaturgin. Auch beim Theatertreffen der Jugend war das nicht anders. Doch dafür stehen dort auch noch andere Sachen im Vordergrund: „Ich habe hier viele neue Leute kennengerlernt. Viele waren älter als ich, doch wir haben uns alle super gut verstanden. Das war schön“, sagt die neunjährige Sofia Theodorou.

Aber schließlich teilen die neun Gruppen aus ganz Deutschland auch eine Leidenschaft: Das Theater. Die Schauspielerei. Dabei ist es egal, woher sie kommen. Ob aus Hamburg, Dresden, Frankfurt oder Düsseldorf. Sie alle verstehen es als Kompliment, dabei sein zu dürfen. Und eines trifft noch auf alle Ensembles und ihre Stücke zu: Es ist ein Zitat von Lewis Carroll. „Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet.“

Der Bundeswettbewerb Theatertreffen der Jugend fand vom 29. Mai bis 6. Juni 2015 im Haus der Berliner Festspiele statt.