Gayatri Spivaks Text „Can the subaltern speak?“ von 1988 ist nicht nur komplex, umstritten und aktuell, sein Titel ist in Variationen auch immer wieder verwendet worden. Martin Holbraad fragt 2011 „Can the thing speak“ und bezieht sich damit auf humanistische und post-humanistische Versuche, Dinge, die die menschliche Sphäre ausmachen, zu thematisieren. Damit reiht er sich ein in die Reihen derjenigen, die, wie Hannah Arendt etwa, das Politische als alle Dinge, die zum Zusammenleben der Menschen in einer gemeinsamen Welt gehören, beschreiben. Dinge sind es auch, die im agentiellen Realismus Karen Barads gemeinsam mit menschlichen Akteuren intra-aktiv eine Situation hervorbringen. Aber können Dinge wirklich sprechen? Und unter welchen Bedingungen kann eine Vortragende sprechen?

Die Bedingungen sind klar, da ist ein Haus, es ist ein kultureller Ort, in der Stadt, die den Namen Berlin trägt. Es sind Steine, aus denen das Haus gebaut wurde, nach den Plänen eines Onkels von Walter Gropius, Martin Gropius, und Heino Schmieden als Kunstgewerbemuseum zwischen 1877 und 1881. Bedingung ist auch, dass die Berliner Festspiele eine Veranstaltungsreihe zu „Immersion“ machen und die Vortragende eingeladen wurde zu sprechen, vielleicht, weil sie durch verschiedene Instanzen autorisiert wurde, öffentlich zu sprechen. Durch Universität, Beruf und Berufung scheint sie autorisiert zu sein, dies zu tun. Das alles muss nicht bedeuten, dass sie etwas zur Sprache bringen kann, das auch gehört werden kann. Es kommt auf das Antwortregister an. Es kommt darauf an, ob Sprache noch das Kalkül der Stunde ist. Es kommt darauf an, ob wir vom Aufwachen träumen, in dieser Wirklichkeit. Es kommt darauf an, ob diese Situation, die wir gemeinsam realisieren, öffentlich ist. Es kommt darauf an, ob Öffentlichkeit und öffentliches Sprechen existieren. Es kommt darauf an, wie das nicht Sagbare zur Sprache gebracht werden kann. Aber wir haben nicht die Sprache, die Sprache hat uns. Wir sind ihr Subjekt.

Wir mögen das Gefühl Hugo von Hofmannsthals teilen, der 1902 in einem fiktiven Brief an Francis Bacon davon sprach, wie der Nexus zwischen Ding und Worten ihm abhanden gekommen zu sein schien:

„Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“

Wenn Sprache das Politische markiert, dann sind auch Pilze, jedenfalls aus der Perspektive von Mykorrhiza-Forschern, politisch, schließlich kommunizieren sie womöglich sprachförmig mit Pflanzen über das Wood Wide Web.

Immersion mag die Kehrseite des Realismus sein. Natalität bedeutet bei Hannah Arendt Handlungsfähigkeit, aber nur dann, wenn wir in einer Gemeinschaft aufgenommen werden. Diese Gemeinschaft ermöglicht unser Sprechen, das eigentliches politisches Handeln im Sinne Hannah Arendts ist. Ulrike Hass bringt dies mit der Chorfigur zusammen. Der Chor sei eine zutiefst missverstandene Figur, so Hass, die aus der oralen Tradition des Rituals als Rest in den antiken Staatskult des Theaters überführt worden sei. Der Chor ist die Gemeinschaft, das Kollektiv, aus dem heraus eine einzelne Stimme hörbar werden kann. Es kann nur gesprochen werden, wenn das Kollektiv, das mehr ist als die Summe seiner Teile, mehr ist, als die gegenwärtigen Körper, dieses Sprechen nicht nur autorisiert, sondern auch vernimmt. Die Vortragende kann also situiert sprechen. Sie kann bedingt sprechen. Sie kann gemeinsam mit den anderen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen eine Situation zur Sprache bringen.

Der Vortrag wurde am 18. November 2016 in der „Schule der Distanz No. 1“ im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ der Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau gehalten.