Den fiktiven britischen Fernsprechtechniker Leonard Marnham verschlägt es in Ian McEwans Roman „Unschuldige“ aus dem beschaulichen Elternhaus in Tottenham ins aufregende Berlin der 1950er Jahre – und ins Herz einer der größten bekannten Spionageaktionen in der Geschichte des Kalten Krieges, die McEwan als historisch belegten Hintergrund für seine tragische Liebes- und Mordgeschichte nutzt. Unter dem Decknamen „Operation Gold“ gruben die CIA und der britische Geheimdienst SIS in sechs Metern Tiefe einen 450 Meter langen Tunnel in den sowjetischen Sektor, um dort Telefonleitungen anzuzapfen, die nur einen halben Meter unterhalb der Schönefelder Chaussee verliefen. Gut drei Jahre blieb die Operation scheinbar unentdeckt, bis sie im April 1956 aufflog.

Tatsächlich war es so, dass der KGB bereits seit der Planungsphase über das Projekt unterrichtet war: der britische SIS-Mitarbeiter George Blake, der als Doppelagent tätig war, unterrichtete den sowjetischen Geheimdienst bereits nach dem allerersten offiziellen Planungstreffen. Von russischer Seite aus entschied man jedoch, zunächst nicht einzugreifen, sondern das Projekt laufen zu lassen und so einerseits die Kräfte des politischen Gegners zu binden und ins Leere laufen zu lassen – und andererseits ohne eigenen Aufwand ein Instrument zur gezielten Streuung von Desinformation zu erhalten.

Der Tunnel, der von Rudow im Amerikanischen Sektor nach Altglienicke in Ost-Berlin führte, wurde am 25. Februar 1955 fertiggestellt, und „Operation Gold“ war bis zur Nacht auf den 22. April 1956 aktiv. Nach starken Regenfällen und daraus resultierenden Störungen an den Telefonleitungen nutzte man diesen unauffälligen Zeitpunkt zur Freilegung des Tunnels, ohne den Verdacht auf George Blake zu lenken und dessen Enttarnung zu riskieren. Im Anschluss wurde der Tunnel, deklariert als Bruch internationalen Rechts, als Propagandainstrument eingesetzt und der Presse präsentiert. Die bei dieser Präsentation entstandenen Fotos gingen um die Welt, wir präsentieren eine Auswahl aus den Beständen des Bundesarchivs.

Teile des Spionagetunnels sind heute in der Dauerausstellung des AlliiertenMuseums in Berlin zu sehen.

Aus Ian McEwans Roman „Unschuldige“ liest Alexander Khuon am 25. Januar 2015 im Rahmen von Ein Tag mit… Ian McEwan.