Am 5. Januar 2016 starb der französische Komponist Pierre Boulez im Alter von 90 Jahren in seiner Wahlheimat Baden-Baden. Pierre Boulez hat nicht nur als Komponist mit seinem kompositorischen Schaffen der neuen Musik nach dem zweiten Weltkrieg ihr Profil gegeben. Auch als Dirigent, Autor, Lehrer, Förderer und weit voraussehender Impulsgeber hat er als Erneuerer des zeitgenössischen Musiklebens gewirkt.
1957 war Pierre Boulez erstmals Gast der Berliner Festwochen als Dirigent und als Komponist. Zuletzt– im Jahr seines 85. Geburtstages – widmete sich das Musikfest Berlin 2010 dem Oeuvre von Pierre Boulez und präsentierte einen umfänglichen Ausschnitt aus dem Katalog seiner Chef d’Oeuvres – als Ausdruck der Wertschätzung und Bewunderung. Die Berliner Festspiele trauern um einen großen Künstler.

2010 führte Pierre Boulez mit den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin sowie namhaften Solistinnen und Solisten Igor Strawinskys „Le Rossignol“ und sein eignes Werk „…explosante-fixe…“ auf. Das Bild zeigt ihn bei den Proben. © Kai Bienert

„Boulez ist für mich ein Künstler der durch und durch abgedunkelten, ja düsteren Farben und Energien. Die meisten Komponisten arbeiten mit Helligkeitsgraden, Boulez scheint die Abschattierung des Dunkels zu erforschen. Es herrscht ein Klang der Distanz …, des fernen Dröhnens. Seine Gewalt liegt in seiner Diskretion … ln der Instrumentalmusik von Pierre Boulez, besonders in den Orchesterwerken … lässt sich der Klang vernehmen, als schlüge auf ihm das Kondensat anderen Klingens sich nieder. Die Körnigkeit dieses Niederschlags vermittelt den Eindruck düster feierlicher, niemals aber affirmativer Pracht. Vordergründig handelt es sich um Mischklänge, deren Geheimnis – ihre Alchimie – auch darin liegen könnte, dass (gerade zur Anrufung des Dunkels) die Mittellagen nicht tabuisiert werden … Die in engen Verwandtschaftsgraden gefächerten Farben erinnern an eine verborgene Monochromie. Der gestufte Reichtum Cézannes lässt sich assoziieren … Boulez steigert den Verschmelzungsgrad der klanglichen Mittellagen durch Anspielen von Mixturklängen, aus denen die Obertöne der Grundmischung herausschwingen … Zwischen den aufblitzenden Klängen bildet sich eine imaginäre Melodik, die jeder Hörer wohl anders wahrnimmt Die hervorschimmernden Einzeltöne leiten melodische Energie weiter, als wären sie Synapsen, … alles bewegt sich und vibriert dennoch auf der Stelle. Dem Hörer teilt sich diese innere Vibration des Klanges unterschwellig mit, so dass er, selbst bei schroffster Gestik der rhythmischen Parameter, das Gefühl des dialogischen Kreisens von Figuren und Doppelungen innerhalb eines prismatischen Kontextes behält.“

Wolfgang Rihm

(Wolfgang Rihm, „ausgesprochen. Schriften und Gespräche“, Mainz 1998, Bd.I, S.306ff)