Seit Ende der 1970er Jahre gastierte das Tanztheater Wuppertal regelmäßig bei den Berliner Festspielen. Anlässlich der Aufführung von „Palermo Palermo“, eine Koproduktion mit dem Teatro Biondo Stabile, Palermo, und Andres Neumann International, mit der die Company seit 1990 in Palermo, Mailand, Bari, Antwerpen, Paris, London, New York, Hannover, London, Kawasaki City, Düsseldorf, Weimar und Taipei auftrat, von 16. bis 19. Dezember 2016 im Haus der Berliner Festspiele veröffentlichen wir eine Sammlung von Texten und Zitaten zu den Gastspielen des Tanztheaters bei den Berliner Festspielen seit 1977 aus unserem Archiv.

Bei den 27. Berliner Festwochen im Herbst 1977 gastiert das damals noch als Tanztheater der Wuppertaler Bühnen bekannte Ensemble um Pina Bausch erstmals in Berlin. Im Theater des Westens zeigt es an drei Abenden im September die Stücke „Die sieben Todsünden“, „Das Frühlingsopfer“ und „Blaubart“. Im Magazin schreibt Jochen Schmidt:

Angst ist ein wichtiges Stichwort im Zusammenhang mit der künstlerischen Produktivität der Pina Bausch. Sie hatte nicht nur Angst vor dem Theaterbetrieb und seinen Zwängen, sie geht bei jeder neuen Arbeit, zu einem bestimmten Zeitpunkt, durch einen tiefen Tunnel , der mit blanker Furcht vor dem Versagen gefüllt ist. […] Da hilft es ihr dann, wenn Menschen da sind, die sie fordern, sie vorantreiben, ihr Mut machen: Tänzer, die sich unbedingt mit ihrer Arbeit identifizieren und einfach verlangen, dass sie weiterarbeitet, anstatt sich ins Schneckenhaus der eigenen Psyche zurück zu ziehen. Pina Bausch spricht ungern von sich und ausdauernd von der Gruppe, die sie leitet. Als Direktorin hat sie sich nie verstanden, „aber es war schwer, diesen Gedanken den anderen auszutreiben, die unbedingt eine Chefin haben wollten.“ Sie versteht das Tanztheater Wuppertal als ein Kollektiv, dessen Vordenkerin sie ist. […] Zu Beginn war es schwierig, den Tänzern verständlich zu machen, dass das, was sie von ihnen erwartet, nicht die Reproduktion eines – wie auch immer gearteten – Schulstils ist, der jeglichen Ausdruck sogleich durch Ästhetisierung abschwächt und glättet, sondern die möglichst kantige, raue, harte Bewegung als unmittelbaren Ausdruck von Emotionen. Da war ein Prozess zu verhindern, der bei Tänzern fast automatisch einsetzt, weil die Transponierung von natürlicher Bewegung in einen künstlichen Formenkanon ihnen eingedrillt ist. […] Von der „Iphigenie“ über die Choreographie zum Adagio der 10. Sinfonie Gustav Mahlers, vom „Orpheus“ über das Schlager Ballett „Ich bring dich um die Ecke“, vom „Sacre“ über den Kurt-Weill-Abend und den neuen „Blaubart“ wirkt Pina Bauschs Oeuvre wie sonst nur noch das ihres niederländischen Kollegen Hans van Manen, als ein einziges „work in progress“: eine kluge, genaue, teilnahmsvolle Untersuchung über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens sowie der Versuch, eine Körpersprache zu entwickeln, mit der sich jene zwischenmenschliche Kommunikation betreiben ließe, zu der die Sprache offenbar nicht fähig ist.

1980 wird das Tanztheater der Wuppertaler Bühnen mit dem Stück „Arien“ zum Theatertreffen eingeladen. Der damalige Juror und Journalist Roland H. Wiegenstein:

Pina Bauschs Erfindungen fürs (Tanz-)Theater haben auf eine vertrackte Weise mit Realität zu tun, ihre erkennbaren Partikel werden Teil eines künstlichen Environments, das diese Realität zugleich evoziert und – dementiert. Irritation ist genauso Teil ihrer theatralischen Arbeit wie das Wiedererkennen. Mit „Ballett“ hat das nur insofern zu tun, als ihre Akteure eben Tänzer sind, mit dem differenzierten Bewegungsrepertoire, dem Ausdrucksvermögen von Künstler, deren „Sprache“ sich körperlich vermittelt.

Die zweite Einladung zum Theatertreffen erfolgt 1981 mit dem Tanzabend „Bandoneon“, die dritte vier Jahre später mit dem Stück „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“. Fragen, Themen und Stichworte aus den Proben listet das Magazin von 1985:

Eine Last tragen / Schuldgefühle verscheuchen / Eine kleine Bauchtanzbewegung machen / 6 x Po-Hauen / Etwas ganz Wichtiges bejahen / Waldfeen / Schadenfroh / Einfache Dinge, die zu Waffen werden / Mit Liebesliedern etwas erotisieren / Tanzbewegungen abbrechen / Sich verführerisch hindrapieren / Unbedingt weinen wollen / Der Wunsch, Berge zu versetzen / Einen unheimlichen Tatendrang verspüren / Schwärmen / Eine ganz kleine Geschichte mit Eurer Stimme und Euren Füßen erzählen / Etwas ganz Kleines, damit man Mitleid mit Euch hat / Von etwas Schönem Abschied nehmen / Jemandem mit einer Maske Angst machen / Ansatz dafür, dass alles besser wird / Traumhaus / Vor unserem Auftritt / Liebe suchen / Fallen – Pose.

Das Cover des Programmhefts der Berliner Festwochen 1999.

Das Cover des Programmhefts der Berliner Festwochen 1999. Foto: Ulli Weiss

Mit dem Doppelabend „Café Müller“ und „Das Frühlingsopfer“ sind Pina Bausch und ihr Tanztheater 1999 bei den 49. Berliner Festwochen zu Gast. Aus diesem Anlass schreibt Norbert Servos „Melancholie der Sehnsucht – Kraft der Gefühle“ – über die turbulenten Anfänge des Tanztheater Wuppertal, neue Ästhetiken, substanzielle Fragen und die Gefühlsmacht von Bauschs Choreografien:

Will man eine zurückgelegte Wegstrecke abmessen, muss man ihren Anfangspunkt kennen. Der war im Fall des Tanztheaters Wuppertal von zahlreichen Turbulenzen begleitet. An Pina Bausch schieden sich von Anfang an die Geister. So heftig die inneren Erschütterungen waren, so massiv äußerte sich in den ersten Jahren der Widerstand von Publikum und Presse. Unvergessen sind die skandalumwitterten Premieren, bei denen das angestammte Abonnentenpublikum, oft unter lautstarkem Protest, das Wuppertaler Opern- und Schauspielhaus verließ. Manche gar mussten ihrem Unmut durch anonyme Anrufe oder tätliche Angriffe Luft machen. […] unter den vielen Vorwürfen etablierte sich vor allem das Verdikt des „Wuppertaler Wohnküchenmiefs“. Die Tänzer seien zu groß, zu klein,  zu dick oder zu dünn und könnten vermutlich nicht einmal anständig tanzen. Wovon sie in ihren Stücken erzählten, lasse jede künstlerische Überhöhung vermissen. „Arm“ sei dieses Tanztheater und allemal zu nah an der „miefigen“ Realität, die jeder kannte. […] Inzwischen sind die Proteste längst verhallt. Das Tanztheater der Pina Bausch hat sich als moderner Klassiker des 20. Jahrhunderts etabliert – und zwar im Tanz und keineswegs im Schauspiel. [Aber] […] die Massivität der Gegnerschaft [ist] ein guter Indikator für die Qualität dieses Tanztheaters […]. In Wuppertal  wurden nicht nur ein neuer Stil und eine neue Kunstform entwickelt. Die Verstörung, die das Tanztheater auslöste, beruhte nicht allein auf einer veränderten Ästhetik. Die Fragen, die Pina Bausch sich selbst und ihrem Ensemble stellte, rührten – und rühren nach wie vor – an die Substanz der menschlichen Wünsche und Ängste. Dabei war die Provokation nicht gesucht, sie ergab sich notwendig aus der Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit des Blicks. […] Keine Einsamkeit wird ausgespart, kein verbissener Zweikampf auf den Abwegen der Verständigung beschönigt, aber auch kein Augenblick des kurz aufscheinenden, fast kindlich unbekümmerten Glücks verheimlicht. Ungemein reich ist das Tanztheater in den Spielarten, in den Charakteren und Typen, die es seinem Publikum anbietet. Es präsentiert Archetypen des Glücks wie des Unglücks, der Verzweiflung wie der gelingenden Nähe, die doch in jedem Moment fest in der Gegenwart verankert sind. Und mit keiner Geste bedeutet dieses Theater der Sinne und der Erfahrung, dass es klüger sei als seine Zuschauer. […] Gemeinsam mit dem zweieinhalb Jahre später kreierten „Café Müller“ stand das „Frühlingsopfer“ auf dem Programm der ersten großen Auslandstourneen und gab dem Ensemble den Schlüssel zu weltweiter Anerkennung in die Hand. Wo immer die Truppe auftrat, löste sie die ganze Bandbreite von möglichen Reaktionen aus: von begeisterter Zustimmung bis zu schroffer Ablehnung. Wichtig ist die enorme Gefühlsmacht der Choreographie. Zeigt „Café Müller“ einen traumverlorenen Sehnsuchtsmoment, so entäußert sich „Das Frühlingsopfer“ in einer radikalen Kraft des Leidens, die auch ein Aufstand ist. Der Eindruck existentieller Not wird durch keine Abstraktion, keine formale Lösung gemildert. Die Choreographie fordert die Tänzer tatsächlich bis an den Rand der Erschöpfung. Es ist diese Unmittelbarkeit, die diesen Doppelabend zum Meilenstein in der Choreographie des 20. Jahrhunderts macht. Mit der Arbeit des Tanztheaters beginnt eine neue Epoche in der Geschichte des zeitgenössischen Tanzes. Weit lässt er alles symbolische Bedeuten hinter sich und nutzt den Tanz, um durch die emotionale Wucht der Bewegung eine Erfahrung am eigenen Leib herzustellen, die unausweichlich ist.

2001 zeigt das Tanztheater Wuppertal im Rahmen der Theaterwelten im Haus der Berliner Festspiele „Kontakthof“, ein „Stück von Pina Bausch. Mit Damen und Herren ab 65“. 2007 gastiert es mit „Rough Cut“ bei spielzeit’europa. Im Programmheft schreibt Norbert Servos über den Zustand „Zwischen Angst und Gelassenheit“ im Tanztheater der Pina Bausch:

[Pina Bauschs] Kernthema ist die menschliche Sehnsucht, geliebt zu werden. Ihre Arbeit, das ist eine groß angelegte Untersuchung darüber, was einen dem Sehnsuchtsziel nach Nähe und Geborgenheit näher bringt und was einen davon entfernt. Auf der Bühne des Tanztheater geht es zu wie im Labor des Lebens selbst – pendelnd zwischen Versuch und Irrtum. Wichtig ist nicht, die eine, einzige Lösung zu finden. […] Wichtig ist, die Wirklichkeit genau zu befragen und bei der Suche nach dem Glück nicht aufzugeben. […] einen genauen Blick auf die Verhältnisse werfen und doch Hoffnung auf Besserung, auf Erfüllung der Sehnsucht behalten. […] Mehr und mehr hat Pina Bausch mit den Jahren ihr Augenmerk auf die mögliche Aussöhnung zwischen Angst und Gelassenheit gelegt. So sind auch in „Rough Cut“ die Begegnungen der Frauen und Männer vor einer zerklüfteten Eiswand häufig zärtlich und vorsichtig. Man führt einander kleine Kunststücke vor, um sich zu imponieren […]. Man beteuert, wie sehr man sich wünscht, sich ineinander zu verlieben, und manchmal ist die Liebe so groß, dass ein Paar nichts weiter tun kann, als sich still anzustrahlen. Freude kann man sich auch selbst verschaffen, indem man etwa aus lauter in die Luft geworfenen Papiertüchern seinen eigenen Schnee erzeugt. Oder man dreht beseligt auf der Stelle, bis man seinen eigenen Rausch, eine kurze Glückseligkeit erschaffen hat. Dagegen setzt Pina Bausch auch in diesem Stück die fast panikartigen Beschleunigungen, die Stürze in eine existentielle Not, die alle umtreibt. Es ist das stete Auf und Ab der Gefühle, das auch die zahlreichen Solotänze im Stück beherrscht. Mal erscheinen sie wunderbar selbstvergessen und dann wieder scharf akzentuiert, als fordere das Verlangen sofortige Erfüllung. Die Bewegungen erkunden das sich Öffnen und Verschließen des Körpers, das stete Pendeln zwischen Hingabe und dem Bedürfnis nach Alleinsein.

Norbert Servos ist Choreograf und Autor, u.a. des Buches „Pina Bausch. Tanztheater“. K.Kieser Verlag, München 2012. Er arbeitete mehr als dreißig Jahre eng mit Pina Bausch zusammen.

Auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele ist das Tanztheater Wuppertal zuletzt  im Rahmen von spielzeit’europa 2009, nach dem Tod von Pina Bausch, mit „Die sieben Todsünden“, zu sehen. Ein Abend, der aus Brecht/Weills „Die sieben Todsünden“ und Pina Bauschs „Fürchtet euch nicht“ besteht. Dies war das letzte Gastspiel der Company in Berlin.

„Palermo Palermo“ ist von 16. bis 19. Dezember 2016 im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Noch bis zum 9. Januar 2017 gibt die Ausstellung „Pina Bausch und das Tanztheater“, ein Projekt der KAH Bonn im Martin-Gropius-Bau, Einblicke in die Arbeit von Pina Bausch. Im Mittelpunkt stehen die Grundlagen ihrer Arbeit, ihre Vorgehensweise, die wesentlichen Aspekte und die Menschen, die sie auf ihrem (Arbeits-)Weg begleitet haben. Herzstück der Ausstellung ist ein Nachbau der „Lichtburg“ – jenes legendären Proberaums in einem alten Wuppertaler Kino, in dem Pina Bausch den größten Teil ihrer Stücke gemeinsam mit ihren Tänzer*innen entwickelt hat.