„Schwindet der Widerstand, sorgen zurückgebliebene Plakate, Graffiti, Parolen oder Rhythmen dafür, dass das Erlebte ästhetisch präsent bleibt.“ (nGbK)

Die aktuellen Kämpfe zwischen türkischen, syrischen, PKK- und ISIS-Kräften, die Wahlen zur türkischen Nationalversammlung 2015, natürlich die Gezi-Proteste 2013: Die politische Lage in der Türkei ist immer wieder großes Thema in den deutschen Medien. Und sie ist es in Kunst und Kultur: Auch zum internationalen literaturfestival berlin (ilb), zu Gast im Haus der Berliner Festspiele, werden im September wieder Türkei-stämmige Autorinnen erwartet, die sich in ihren Büchern sensiblen und kontroversen gesellschaftlichen Themen der Türkei nähern:  Elif Shafak mit ihrem Roman „Der Architekt des Sultans“,  Zeynep Aygen und Perihan Mağden beim Programm „Visions 2030. Authors and Scientists on the Future of Cities”.

Auch vor 40 Jahren war das nicht anders. „Hilfe gegen Isolierung, Anregung zu Gestaltung, Aufforderung zu kritischer Wahrnehmung und selbständigem Urteil sind die Ziele“: Das ist kein Zitat aus dem Katalog zur aktuellen nGbK -Ausstellung, sondern eins aus der Publikation zur Ausstellung „Mehmet Berlin’de – Mehmet kam aus Anatolien“. Vor fast genau 40 Jahren, im Herbst 1975, wurde diese Ausstellung von den Berliner Festwochen, Vorgänger der heutigen Berliner Festspiele, und dem Kunstamt Kreuzberg im Haus am Mariannenplatz gezeigt, nicht weit entfernt von der heutigen nGbK. Warum in Berlin vor allem Kreuzberg der Ort für die Auseinandersetzung mit türkischer Politik wurde, versteht man nach einem Blick in den Katalog zur damaligen Ausstellung:  Umfangreiche Texte beschreiben 1975 die Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland, Hintergründe zu Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, Wohnungsnachweisen, zur rechtlichen Ungleichstellung der „Gastarbeiter“. Fotos zeigen, wie türkischstämmige Menschen lebten, abgeschoben in vernachlässigte und dringend sanierungsbedürftige  Wohngebiete am Rande Westberlins, in der Nähe der „Zonengrenze“ –  aber auch wie sie gegen Arbeits- und Lebensbedingungen in Berlin auf die Straße gingen.

Auch heute noch ist Kreuzberg Zentrum türkisch-migrantischer Kultur in Berlin, Wohnort und Ort politischer Auseinandersetzungen. Während der Gezi-Proteste demonstrierten Gegner und Befürworter, im Protestzelt am Kottbusser Tor wurde Solidarität gezeigt. Der „queere“ Südblock greift immer wieder türkische Themen auf, organisiert auch von politisch aktiven, jungen Menschen aus der Türkei, die in Berlin studieren, nicht unbedingt zur vieldiskutierten „3. Generation“ gehören. Im Vorfeld der Wahlen zum türkischen Parlament 2015 fanden in Kreuzberg Wahlveranstaltungen statt – schließlich leben in Deutschland 1,4 Millionen Menschen die an dieser Wahl teilnehmen durften. Am Kotti werden Wahlsiege türkischer Parteien entsprechend gefeiert und diskutiert.  Und auch wenn die Kreuzberger Oranienstraße längst nicht mehr so aussieht wie in „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989“ – voller türkischer Reisebüros mit Halbmond-und-Stern-Zeichen zum Beispiel – residiert hier weiter der Türkische Bund, es ist Anwaltswerbung auf Türkisch zu sehen. (Das Café „nix verstehen“ spielt ironisch auf die Vergangenheit an.) Die nGbK, ein 1969 gegründeter Kunstverein mit Sitz in der Oranienstraße ist mit ihrer Ausstellung also genau richtig, um eine für türkische Themen sensibilisierte Öffentlichkeit zu  erreichen.

Plakate der Arbeitergewerkschaft DISK, 1977, Sammlung TÜSTAV (links), CANAN: Femina, 2014

Noch bis 30. August 2015 ist hier die Ausstellung „77□13. Politische Kunst im Widerstand in der Türkei“ zu sehen (alle Arbeiten und ausführliche Hintergründe auf 7713.berlin). Ausgangspunkte des Projekts sind laut nGbK „zwei Hochphasen des sozialen Widerstands in der Türkei“: Der 1. Mai 1977, bekannt als „Blutiger Mai“, als bei einer Demonstration am Istanbuler Taksim-Platz mehr als 30 Menschen starben, 136 Personen verwundet und 453 Personen festgenommen wurden, sowie die Gezi-Proteste 2013.

Rund 20 Künstler*innen und Kollektive zeigen in der Ausstellung Arbeiten, die sich ungefähr zwischen 1977 und 2013 einordnen lassen – beide Ereignisse geben den Rahmen ab für umkämpfte Themen, die in den künstlerischen Arbeiten verhandelt werden:   die Folgen eines ungebremsten Kapitalismus,  die Situation von Minderheiten, Genderthemen, das Einfordern politischer Mitsprache. Während die Festspiele-Ausstellung 1975 die Situation von Menschen aus der Türkei in Berlin thematisierte, widmet sich die nGbK-Ausstellung mit Fotografien, Installationen, Videoarbeiten ausschließlich der innenpolitischen Situation der Türkei. Die Texte der Ausstellung sind – der einigermaßen frischen Internationalität der Oranienstraße entsprechend – deutsch und englisch. Der umfangreiche Katalog und die Projekt-Website zweisprachig deutsch und türkisch (teilweise auch englisch) – damit kann das Projekt, wie es im Eingangstext zur Ausstellung heißt, auch der türkischsprachigen Community in Deutschland und international „Plattform für einen lebhaften und kreativen Austausch von Erinnerung bieten und zur Reflexion anregen“.

Şener Özmen, The Flag, 2010: Die – in der Türkei allgegenwärtige – Flagge selbst ist nicht zu sehen, spielt aber die Hauptrolle.

Auch wenn Detailkenntnisse der Türkei für die konkrete Einordnung einiger Arbeiten – Muss das Kunst eigentlich leisten? – hilfreich sein dürften, wirken viele einfach für sich: Die Videoarbeit von Berat Işık, in der ein alter Mann in seinem Garten im Südosten der Türkei erzählt – kurz bevor der Garten durch die Hochhäuser des neoliberalen Baubooms überrollt werden wird. Auch ohne zu den sensiblen Themen Frauenrechte und Nacktheit in der Türkei zu wissen, erschließt sich das starke feministische Signal, das die Künstlerin CANAN, in ihrer Arbeit „Femina“ nackt und in lila, sendet.

Der 1. Mai 1977 steht zu Beginn: In der Videoarbeit „Akıl Takılması (Haunted Reason)“ von artıkişler Videokollektivs [Video auf Vimeo] sind demonstrierende Menschen vor dem Atatürk-Kulturzentrum am Taksim zu sehen, ein rotes Fahnenmeer, unterlegt von einer niedlichen Spieluhrvariante der Internationale – bis die Menschen in Panik fliehen. Auch 2013 war der Taksim-Platz im Herzen von Istanbul Zentrum der Demonstrationen, das Atatürk-Zentrum von Demonstranten besetzt und mit politischen Losungen geschmückt. Heute ist das symbolträchtige Gebäude schwerbewacht und unzugänglich, Demonstrationen werden unter Verweis auf einen neu angelegten – sicheren – Versammlungs- und Demonstrationsplatz abseits des Zentrums immer wieder untersagt.

Gulsin Ketencis Foto „Tag 8 der Proteste im Gezi Park“ blickt 2013 aus dem Atatürk-Kulturzentrum hinaus. Das Foto selbst ist Teil einer Wandinstallation im hinteren Teil der Ausstellung:  Die verschieden grauen Farbflächen sind nicht etwa unfertige Malerarbeiten, sondern zitieren die graue Farbe, die im Zentrum Istanbuls  heute allgegenwärtig ist: In den frühen Morgenstunden werden weiter täglich Graffitis und Botschaften der vorangegangenen Nacht grau übermalt.

Gulsin Ketenci: Tag 8 der Proteste im Gezi Park (Blick aus dem Atatürk-Kulturzentrum auf den Taksim-Platz)

Fotografie ist stark vertreten, vor allem mit Arbeiten aus dem Bestand des großartigen türkischen Fotografenkollektivs Nar Photo: Saner Şens „Millionen-Dollar-Aussicht“ von 2014, ein Blick auf die unaufhörlich wachsenden Trabantenstädte Istanbuls, Stringers „Der Fall Hrant Dink“ (2012), das Tausende Protestierende am 5. Jahrestag des Attentats auf Hrant Dink zeigt. Fotos der regenbogenbeflaggten Gayprides und von lila leuchtenden Frauentagsdemonstrationen. Schön, beeindruckend, aber durchaus auch Fotoagentur-ästhetisch – ist das schon (politische) Kunst? Die neuen Arbeiten wirken bekannt; die medialen Bilder sind aus Facebook und TV noch sehr frisch im Gedächtnis. Die Auseinandersetzung mit älteren Materialien scheint, künstlerisch-recherchierend , tiefer zu gehen: Zum Beispiel die dokumentarisch-fotografische Installation „Bir Rüyaya Yolculuk (A Journey to A Dream)“ der Fotografen Cihangir Duyar und Ekim Ruşen Kapçak von 2013. Sie erzählen eine Familien- und Liebesgeschichte um den inhaftierten und 1992 ermordeten Vaters Ruşens, in Briefen, alten Fotos, Dokumenten.

Beim Hinausgehen fragt man sich, ob eine solche Ausstellung heute in Istanbul organisiert werden könnte – zu wünschen wäre es. Zumindest einzelne Künstler und Werke wurden und werden von Galerien in Istanbul oder auf der Istanbul Biennale ausgestellt.

artıkişler : Akıl Takılması (Haunted Reason), 2012 (Videostill)

Von der nGbK geht es zurück zum Kottbusser Tor: Kuruyemiş („Studentenfutter“ aller Art), Selçuk Photoworld, Melek pastanesi (Bäckerei Engel), das traditionelle Hasir Restaurant – und inzwischen auch viele neue Hasir-Ableger drumherum, brandneu Chickenberg und Schnitzeljoint. Anders als früher sind viele Touristen und internationale Studenten in Kreuzberg unterwegs. Es gibt eine starke Nachfrage nach Wohnraum in den inzwischen nicht mehr vernachlässigten Sanierungsgebieten – 25 Jahre nach dem Fall der Mauer nun mitten in Berlin. Gegenüber vom Südblock am Kottbusser Tor steht seit drei Jahren ein „Protest-gecekondu“ (türkisch für „über Nacht gebautes Haus ohne behördliche Genehmigung“). Ein selbstgezimmertes Haus, mit dem die Mietergemeinschaft Kotti & Co. gegen Verdrängung, hohe  Mieten und Gentrifizierung protestiert. Am Taksim-Platz in Istanbul wäre diese Form des politischen Protests heute nicht mehr möglich.

Die Ausstellung „77□13. Politische Kunst im Widerstand in der Türkei“ ist noch bis 30. August 2015 in der nGbK, Oranienstraße, Berlin-Kreuzberg, zu sehen. Der Eintritt ist frei.