George Lewis©Patricia Hofmann

George Lewis © Patricia Hofmann

George Lewis, ein Querdenker und Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Kunst, Kunst und Politik, Autor, Forscher, Komponist und Musiker in einem, hatte für den 30. Oktober 2015 die Einladung von „Certain Sundays“ zu einer außer der Reihe stattfindenden Soirée des musikalischen Salons im Prachtwerk in Neukölln angenommen. Seine sehr persönlich gestimmte Lecture an diesem Abend befasste sich mit der Frage, wie Wissenschaft in die künstlerische Praxis überführt werden könnte, wie man die immer noch existierende Demarkationslinie zwischen diesen beiden Sphären überwinden kann.

Wie viele anwesende Musiker*innen wollten auch wir gerne wissen, wie dieser Künstler denkt, dessen Komposition „Creative Construction Set“ vom Splitter Orchester am Eröffnungsabend des Jazzfest Berlin realisiert wird. Eine Formation, die sich aus Musiker*innen der Berliner Echtzeitmusik-Szene speist und die in den letzten Jahren das Genre improvisierter Musik erheblich neu gedacht haben. Was hat ein Composer-Performer wie George Lewis für ein Ensemble parat, dessen Mitglieder extensive Klangforschungen betreiben, an der Schnittstelle von analog-digital laborieren und sich in verschiedenen Ensemble-Exerzitien in der Echtzeitmusik erprobt haben? Auf welch anderes Musikdenken wird das Berliner Jazzfest-Publikum hier treffen?

Vier seiner Arbeiten – die interaktive audiovisuelle Installation „Information Station No1“, die Klangkomposition „Travelogue“, die immersive Multimedia-Installation „Whispering Bayou“ und die Bildungsoper „Afterword“ – den roten Faden, an dem entlang er seine Arbeitsgrundlagen an diesem Abend vorstellte.

In seinen Arbeiten fließen stets verschiedene – jeweils unterschiedlich gewichtete – Tätigkeiten zusammen: die Recherche über einen bestimmten Ort, eine Stadt, eine musikalische Praxis; das Einbeziehen der Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Projekt zu tun haben, das Fieldrecording, die Arbeit in Klangarchiven, das Komponieren, die Anordnung von Bild und Ton in einem interaktiven, computerunterstützten Setting, das stets auf die Eigenaktivität des Besuchers setzt. Sein künstlerisches Interesse zielt dabei mit Vorliebe auf das Hybride, auf das nicht auf den ersten Blick Vereinbare.

Ob es sich um Klangkomposition, Klanginstallation oder Oper handelt, seine Arbeiten bewegen sich zwischen Dokumentation und Herstellung von Situationen, in denen nicht nur die am kreativen Prozess Beteiligten mitentscheiden, sondern auch die Betrachter, Hörer und Besucher zu integralen Faktoren werden. Das, was im üblichen Sinn unter künstlerischer Forschung verstanden wird, heißt für ihn nicht nur, sich in einem gewissen theoretischen Raum zu bewegen, was er übrigens äußerst geschmeidig tut. Es heißt vielmehr, diese Theorie auf ihre Praxistauglichkeit im Feld der Kunst zu überprüfen oder wissenschaftliche Strategien, wie z.B. die der Ethnologie eines James Clifford, in die künstlerische Praxis zu implementieren. Für George Lewis ist entscheidend – und hier scheint mir die Kraftquelle seines Künstlertums und seines Gestaltungswillen zu liegen, für all das neue Formen zu finden, die auch die ideologischen Dispositive der Kunst, das, was das Musikmachen, das Hören und Sehen in unserer Kultur leitet, widerspiegeln.

Die Verbindung von Improvisation und Orchester war im 20. Jahrhundert bereits mehrfach Gegenstand von bahnbrechenden Experimenten. Dort wurde erprobt, wie das Orchester die Rolle des Repräsentanten einer bestimmten, in sich geschlossenen Musikkultur auch hinter sich lassen und Träger neuer musikalischer Formen werden kann – man denke nur an die Musica Elettronica Viva, Cornelius Cardews Scratch Orchestra, Lawrence „Butch“ Morris’ Prinzip der „conductions“ oder auch Versuche, Orchestermusiker selbstbestimmt handeln zu lassen, wie es Mathias Spahlinger in seinem Orchesterstück „doppelt bejaht“ gemacht hat.

Diese neue, andere Musik lebt gewissermaßen von einem utopischen Gedanken. Diesem zufolge gehen die verschiedenen Stile und Gattungen ineinander über, und hierarchisch strukturierte Regeln lösen sich auf. Es kommt dabei weniger zu einer üblichen Aufführung von Musik; es wird auch nicht musiziert, um einen Gegenstand (sprich: eine Ware) zu produzieren, sondern um an einem kollektiven Spiel zu partizipieren. In diesem gilt die unmittelbare Kommunikation – in Echtzeit also – ohne verschmockte Rituale, unablässig auf der Suche und daher instabil, risikoreich und schwer in Balance zu halten. Noch ist diese Form der Musik ein Modell, das nur im Moment des Spiels aufscheint.

In „Creative Construction Set“ wird das Zusammenspiel über ein Set von – ja, nicht Instruktionen im Sinne von Anweisungen durch die Autorität des Komponisten, sondern von „Konstruktionen“ organisiert. Das heißt, George Lewis eröffnet Spielmöglichkeiten, die interaktiv einen musikalischen Prozess in Gang setzen und die Musiker*innen immer wieder auf neue Bahnen führen.

Das Splitter Orchester spielt am Eröffnungsabend des Jazzfest Berlin 2015 die Uraufführung eines Werks des gefeierten amerikanischen Komponisten George Lewis. Im Prachtwerk in Neukölln hat er über sein Musikschaffen gesprochen.