Für seine außerordentlichen Verdienste um das deutschsprachige Theater verlieh die Stiftung Preußische Seehandlung Herbert Fritsch im Rahmen des 54. Theatertreffens den Theaterpreis Berlin 2017. Die Laudatio hielt Frank Castorf.

Thomas Oberender zur Verleihung des Theaterpreises 2017 an Herbert Fritsch © Piero Chiussi

Herbert, du hast mal gesagt, dass der Mensch unverletzbar ist, wenn er spielt. Und vielleicht ist das die eleganteste Art, mit dem Ende einer besonders fruchtbaren Ära an dieser hundert Jahre alten Volksbühne umzugehen. Dein tieftrauriger „Pfusch“ scheint mir Antwort und Frage zugleich zu sein: Wohin mit der Kunst? Wie umgehen mit dem Scheitern? Wie umgehen mit Erfolg? Ich erinnere mich an deine erste Einladung zum Theatertreffen, 2011 war das: Du warst gleich mit zwei Inszenierungen nach Berlin gekommen – mit „Nora“ aus Oberhausen und „Der Biberpelz“ aus Schwerin. In den Schlussapplaus der „Biberpelz“-Premiere brüllte damals Claus Peymann: „Werde wieder Schauspieler, Herbert! Regie kannst Du nicht!“

Diese interessante Fehleinschätzung hat mehrere interessante Ebenen. Auf ein paar davon will ich kurz eingehen: Zunächst bist du ein tiefer Künstler. Dir muss man nicht sagen, dass es immer noch ein schwärzeres Schwarz gibt. Das weißt du sehr gut. Aber deine Arbeiten suchen das, was im Dunkeln glänzt. Jeder und jede, die deine Arbeiten sehen, spüren das – dieses Licht. Das hat nichts mit blödem Frohsinn, im Gegenteil. Dass deine Arbeiten unterhaltsam sind, und staunen machen, und richtige Maschinen sind, die 1A funktionieren, ist vielen verdächtig. Aber warum? Als Schauspieler bist du über die Rampe, in den direkten Kontakt gegangen, hast die Form gestresst, bis sie Realität wurde. Nun machst du das mit dieser ganzen Apparatur des Theaters. Du nimmst diesen Wunderbau, und alles, was technologisch geht, das machst du, wie in Las Vegas, und wer kann dir da das Wasser reichen – nur dass das eben bei dir zu etwas anderem führt als in Las Vegas.

Ich kenne keinen Theaterkünstler, der mehr Bescheid weiß über das auf der Bühne Machbare als du – du kennst wirklich jedes Detail dieses sehr komplexen Apparats. Du arbeitest lange schon mit CAD-Programmen und konstruierst deine Bühnen 3D, wo andere noch mit Papier basteln, was ja auch gut ist. Du tüftelst mit den Forschern vom Fraunhofer-Institut am 4D-Sound und hast mit ihnen für „Hamlet X“ ein Haus gebaut wie eine Hörspielpyramide – voller verlassener, stimmenerfüllter Kammern.

Und daneben sind mit den Jahren riesige Musikpyramiden entstanden – erst vor wenigen Tagen sind bei „Theater der Zeit“ Bühnenkompositionen von dir und deinem kongenialen Partner Ingo Günther erschienen, was nicht nur eure enge Zusammenarbeit würdigt, sondern auch deutlich macht, wie wichtig für dich Rhythmus ist, Melodie, Klang – so wichtig, dass diese Elemente nicht zum reinen Inhalt werden, aber Inhalt kreieren. Und das schafft dir die Möglichkeit, für deine Arbeiten Stoffe und Autoren auszugraben, die wohl niemand für theatergeeignet halten würde oder auf dem Zettel hat. Die Offenbarung des Johannes oder die Gedichte von Conrad Beyer, oder eben „Murmel Murmel“ nach Dieter Roth. Du hast halt Hinterland, sammelst Inspiration, Elemente des Dramas und subtile Stoffe fernab der Bühne, weil du sie in allem siehst.

Deine Arbeit führt lange schon raus aus der Ideendramatik und führt dem System „Theater“ so Substanzen und Erzählweisen zu, die es beleben, sein Gedächtnis auffrischen, weil sie an die 1920er-Jahre, die Nähe zu den Avantgarden der bildenden Kunst, der Musik anknüpfen, und dabei doch keine erborgte Sprache sprechen, sondern etwas, das, an dem Punkt bist du aufregend konservativ, nur Schauspieler können, nur sie – und Victoria Behr. Theater darf bei dir auf die Kunst der eigenen Kunst vertrauen, und das geistvoll, würdevoll, gefühlvoll.

Nun – Schluss, ich halte nicht die Laudatio, das macht Frank Castorf, an dessen Ideentheaterraumschiff du zu Hause bist. Letztes Jahr hast du den Geist der Volksbühne beschworen, diesen Geist, der sich aus allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses zusammensetzt. Deine Arbeiten beschwören diesen Miteinander nicht, sondern leben es: Denn sie entstehen im kollektiven Arbeiten an einer Sache, die jede Anstrengung wert ist.

Gut, dass du heute diesen Preis bekommst. Auch wenn er dem nicht gerecht werden kann, was du für das Theater geleistet hast.

Verleihung des Theaterpreises 2017 an Herbert Fritsch © Piero Chiussi

Das 54. Theatertreffen findet vom 6. bis 21. Mai 2017 statt.