Am 17.03.2018 wurde im Bensheimer Parktheater der Gertrud-Eysoldt-Ring 2017 an Sophie Rois verliehen.

Sophie Rois © Thomas Oberender

Sophie Rois ist für mich eine der reellsten Künstlerinnen auf der Bühne, die ich kenne. Nicht, weil sie dort wie „im Leben“ spielt – einfühlungswahr und ohne, dass man das Spiel bemerkt –, sondern weil sie zunächst eher ein bisschen drüber ist, intensiver, geistesgegenwärtiger. Auf der Bühne legt sie richtig los und ich glaube, sie trägt ihr Kinn, wenn sie Theater spielt, oft ein wenig erhoben, erhobener als die meisten Menschen im Alltag, und das macht ihre Art zu sprechen so verwegen, spröde und bezaubernd. Ihre Art zu sprechen ist ein rauchiges Verkünden und exaltiert auf eine fein tarierte Weise, aber keineswegs immer exaltiert.

Neulich las ich in einem Interview über ihre Zeit an der Schauspielschule, dass ihr diese Übungen, bei denen man ganz persönlich sein sollte, bei denen man das ausdrücken soll, was in einem ist, der blanke Horror waren. „Aber gab man mir eine Krone und ich konnte sagen: ‚Werft ihn den Krokodilen vor!‘, damit konnte ich was anfangen.“ Unter dem Interview stand der Leserkommentar „Rolls Rois“ und das fasst gut zusammen, wie Sophie Rois spielt, eben mit erhobenem Kopf, souverän, als Königin. Opferrollen liegen ihr nicht. Sie wäre keine Rose Bernd. Aber ein toller Bernd Rose.

Ja, warum nicht aus der Haut fahren, warum nicht die Bühne dafür nutzen; und warum nicht, statt innerhalb bestimmter Grenzen zu spielen, mit den Grenzen selbst spielen. Mit den Grenzen des Geschlechts, des Erlaubten, des Gekonnten, des Solidarischen, des Verständlichen. Mir schien, innerhalb dieser Grenzen war es Sophie Rois zu langweilig, zu vertraut, zu gutmenschlich. Ihre Figuren haben die volle Dosis unserer gesamten kulturellen DNA: Sie haben ihre Wurzeln in den amerikanischen Melodramen der Vorkriegsjahre, in den Songs von Nick Lowe, in Stummfilmgesten und im Glamour des Varieté. Mit dem Überschreiten der Grenzen einer psychologisch schlüssigen oder von ihrer Psyche vielmehr eingeschlossenen Figur befreit sich Sophie Rois als Künstlerin und mit ihr jede ihr gegebene Rolle.

Leute, die sich auskennen, sagen, dass Sie, liebe Sophie, eine extreme Bühnensicherheit haben. Nie, so fühle ich das selbst, würde man Sophie Rois mit einem Hänger hilflos in der Szene verenden sehen. Sie wüssten sich immer zu retten. Notfalls fragen Sie halt laut die Souffleuse, auch das ist reell. Und durch Gesten wie diese wird das Theater als Veranstaltung selbst eine reelle Sache, eine gemachte Wirklichkeit, die nichts nachmacht, sondern selber etwas ist. In dieser verabredeten Welt ist Sophie Rois scheinbar völlig angstfrei und hemmungslos. Sie hat keine Angst davor, dass „etwas passiert“. Ganz im Gegenteil liebt sie offenbar die Herausforderung, dass man auf der Bühne, zumindest auf der Volksbühne, die 25 Jahre ihre Bühne war, sein Gegenüber nicht ganz berechnen kann.

Aus der ersten Rolle an der Berliner Volksbühne, für die sie besetzt war, ist sie ausgestiegen und das war für ihre Entwicklung zur selbstbewussten Künstlerin vielleicht nicht das, was sie sich zum Start gewünscht hat, aber wichtig. Sie ist als Schauspielerin eben nicht nur Material, nicht nur Verkörpernde, sondern auch Schöpferin, die eigene Impulse für das Bühnenbild gibt oder mit René Pollesch improvisierend den Stücktext selber mit entwickelt. Es muss auch für sie „stimmen“ – die großen Regisseure, bei denen sie spielte, Castorf, Schlingensief, Bondy, Marthaler, Fritsch und Pollesch, waren künstlerische Partner, für die sie sich entschieden hat und denen sie ihren klug eskalierenden Sound, das Hinterland ihrer Ideen, Bezüge, ihre Entflammbarkeit und Kompetenz in allen irdischen Fragen zur Verfügung stellte. Ihre Rollen in Schlingensiefs „Schlacht um Europa“ und „Rocky Dutschke“, in „Die (s)panische Fliege“ von Herbert Fritsch, dem „Pariser Leben“ von Christoph Marthaler, den „Diktatorinnengattinnen“ von René Pollesch und Frank Castorfs „Faust“ erzeugen für mich die Kometenspur der jüngeren Volksbühnengeschichte. Hauptsache, es wird intensiv.

Menschen wie David Bowie oder Peter Handke hadern bzw. spielen oft mit ihren sozialen und beruflichen „Rollen“, und in ihrer Gegenwart lernen wir, uns auf Überraschungen vorzubereiten, auf eine andere Form von Wert, Sexualität, Schönheit oder Sinn. Künstler*innen wie sie, und zu ihnen zähle ich Sophie Rois, sind keine „Kreativen“ im öden und ausgebeuteten Marktsinn, sondern kreativ in einer Weise, die es schwer hat in der Gesellschaft. Sie passen nicht hinein. Sie bezeichnen und zeigen, wie James Carse sagt, „die Rollen der Gesellschaft als theatralisch, ihre Stile als Posen, ihre Kleidung als Kostüme, ihre Regeln als Konventionen, ihre Krisen als arrangiert, ihre Konflikte als vorgetäuscht und ihre Metaphysik als ideologisch.“

Das Dramatische ist das Überraschende, das die theatralischen Spiele durchbricht, indem es nicht in diesen Codes, Kostümen und Konventionen spielt, sondern mit ihnen – sie aufgreift, sichtbar macht und auflösen kann zugunsten einer Freiheit, die im Leben scheinbar schwer zu finden ist. Vielleicht ja aber auch ganz leicht. Und manchmal geschieht das sogar auf dem Theater. Wenn ich Sophie Rois spielen sehe, dann sehe ich sie mit diesem „Theater“ spielen aufgrund ihrer Fähigkeit, aus der vorgesehenen Einrichtung heraus zu treten und etwas Überraschendes zu tun. Sie hat, was zum Genie ihrer Arbeit zählt, es zäh und kompromisslos immer mit denen gehalten, die solche Öffnungen im Theater des Theaters zuletzt hervorgebracht haben – Castorf, Schlingensief, Pollesch. Wobei mir eine andere Stelle ihres letzten Interviews einfällt: „Mir imponieren Kulturen, die das Spiel der Geschlechter stark kultiviert haben. Wenn die in Italien miteinander tanzen, Paartanz – das ist so schön, weil die geschlechtliche Spannung aufgehoben ist in einer Form. Und egal, wie die Leute beschaffen sind und wie sie aussehen, sie sind schön. Es ist die Form, in der sie sich bewegen, die ihnen diese Würde gibt.“

Wenn ich Sophie Rois auf der Bühne sehe, wie sie mit größter Grandezza ihre Figuren behandelt, wie sie sie schützt und mit Würde aus jeder noch so verfahrenen Situation durch Haltung rettet, kann ich nicht anders, als an die Rolle der Norma Desmond in Billy Wilders Film „Sunset Boulevard“ zu denken, speziell an deren letzten großen Auftritt, nachdem sie des Mordes überführt wurde. Wie soll sie mit ihrer Verhaftung umgehen, den Journalisten und Polizisten? Und so überrascht und erlöst es sie und auch alle Umstehenden, als ihr Butler Max, der am Fuße der imposanten Treppe zwischen zwei Kameras steht, plötzlich die großen Filmscheinwerfer einschalten lässt und ihr zuruft: „I am ready, Norma.“ Vom gleißenden Studiolicht in Blick und Haltung verwandelt, fragt sie wie im Traum: „What is the scene? What am I?“ Der Mann zwischen den Scheinwerfern überlegt kurz und ruft entschlossen: „This is the staircase of the palace!“, und daraufhin begreift sie: „Oh yes, yes“, sagt sie, „down below they are waiting for the princess.“ Beiläufig reicht sie ihr Tuch hinter sich und schreitet, majestätischer als je eine Diva zuvor, die Treppe hinunter. Wer gesehen hat, wie Norma Desmond am Ende ins letzte Close-up ihres Lebens tanzt, der konnte etwas von der Irrealität, dem Wahn, aber auch dem großen Trost und einer Freiheit sehen, die dem Leben durch den Triumph einer Form gespendet wurde, die nie privat wurde, nie authentisch im unguten Sinne, sondern vollendeter Stummfilm, und etwas mehr. Es braucht Menschen, die uns mit diesem „etwas mehr“ überraschen können. Die ein anderes Spiel spielen und die es so vollkommen ernst meinen können, ohne diesen anstrengenden Ernst, der alles schwer und mächtig macht.

Der Theaterkritiker Wilhelm Ringelband, der Stifter dieses Preises, hat Gertrud Eysoldt als Künstlerin bis zu ihrem Tod 1955 ungeheuer verehrt. Sie schrieben sich hunderte Briefe und die ältere Frau war dem jüngeren Mann eine entscheidende Ratgeberin. Aber sie haben sich nie getroffen. Das ist die Form, in der Gertrud Eysoldt und Wilhelm Ringelband sich bewegt haben. Das Befreiende solcher schützender Formen zu entdecken, ist die unberechenbare Kunst von Sophie Rois. Ich gratuliere ihr zu diesem Preis.

Sophie Rois wird bei der Eröffnung des 55. Theatertreffens in „Faust“ (Regie: Frank Castorf) zu erleben sein.
Fünfmal wird das fast siebenstündige Monumentalwerk am Haus der Berliner Festspiele gezeigt (4., 5., 7. und 8. Mai 2018), inklusive einer Voraufführung am 1. Mai 2018. Tickets für die „Faust“-Aufführungen gibt’s schon am 7. April 2018 um 10 Uhr zum vorgezogenen Vorverkauf!