Wenn man Runenlieder wie „Kokko“, „Schöpfer Adler“ oder „Feuer Fisch“ entdeckt, in denen drei verschiedene Volksmythen über den Ursprung des Feuers im Wald erzählt werden, dann ist es, als fände man uralte Skulpturen aus der Steinzeit, goldene Masken oder Tierfiguren aus Ägypten oder Reliefmotive aus dem Zweistromland. Die Mythen sind uralt und die Tatsache, dass sie uns auch heute noch als spannend erscheinen, lässt uns erkennen, dass Geschichte in uns lebt.

Die Natur ist die Kirche der Norweger*innen, heißt es oft. Gerade im Wald, am Meer oder in den Bergen empfinden wir uns voller Ehrfurcht mit der Natur, dem großen Ganzen und dem Kosmos verbunden. Die Finn*innen gehen in die Sauna und sind nach wenigen Stunden des Erhitzens und Abkühlens wie neu geboren. Die Waldfinn*innen kamen im 17. Jahrhundert nach Finnskogen in Norwegen und praktizierten dort Brandrodung: Sie verbrannten große Waldflächen und säten Roggen in die Asche. Und das erste Gebäude, das sie errichteten, war eine Sauna, die in alten Zeiten auch rituell genutzt wurde. Die Sauna diente bei allen wichtigen Lebensereignissen als Kirche. Noch heute sagen die Leute in Finnskogen, dass der Saunageist Saunahenki als Erster baden muss und dass man Wasser auf den Ofen gießen soll, damit Saunahenki einen guten Löyli, einen Gluthauch, genießt. Der finnischen Folklore zufolge kommt das beste Brennholz von Bäumen, die vom Ukko, dem Blitzschlag, getroffen wurden, oder die am Meeresufer „ertrunken“ sind. Väinämöinen, Hauptgott und Figur in vielen Mythen, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle und man sagt, dass der Teer aus seinem Schweiß besteht. Andere Geschichten erzählen von Goldopfern, die dem Geist des Wassers gebracht werden, bevor das Wasser in der Sauna verwendet wird. Viele der Runenlieder sind eigentlich kleine magische Gebote, die den Saunageist auffordern, in Gestalt des Löyli die Wunden und Schmerzen der Menschen zu heilen. Auch die Saunagöttin Sanervata herrscht über und durch Löyli und man sollte sie bei Betreten der Sauna stets begrüßen. Schon in der Steinzeit versammelten sich die Menschen um Wärmequellen und bauten erste Saunen. Bei Grabungen wurde eine Art Sauna mit einem Durchmesser von ca. einem Meter und einer Tiefe von 30 cm entdeckt, in deren Mitte zwei oder drei Steine lagen. Der Überbau dieser Sauna war mit Zweigen versiegelt. Der Tradition zufolge wurde die Sauna als weiblicher Körper, als „Mutter“  betrachtet, und nach einem Bad  war der Mensch neu geboren. Ich selbst bin mit dem Brauch aufgewachsen, jeden Freitag in der Sauna zu baden. Mutter Aila, die aus Karelien stammte, führte die Familie in diesen Brauch ein. Und sie schenkte mir auch meine erste Kantele.

 

Sinikka Langeland © ecm

 

Die Inspiration für „Sauna Cathedral“ fand die Künstlerin in Mythen, verschiedenen Formen von Feuer und der Sauna als rituellem Ort. Das Stück besteht aus Runenlyrik, komponierten Abschnitten und Improvisationen. Die Runenlieder der finnischen Waldkultur haben mit runischem Schreiben nichts zu tun, sondern sind vielmehr poetische Gebete und Beschwörungen. Sinikka Langeland dichtete diese Texte nach, entwickelte die Musik und fügte beides zu einem integrierten Werk zusammen. Die Rune „Kokko“, mit der das Stück beginnt, handelt von einem feurigen und aggressiven Kriegeradler und wurde 1821 in Finnskogen gefunden, zusammen mit „The Fire Fish“, einer Rune, die davon erzählt, dass das Feuer durch einen Blitzschlag entstand, sich aber dann in einen Fisch verwandelte, der noch gefangen werden muss. Im darauf folgenden Teil erklingen Gebete um Heilung von Trauer und Schmerz: „Sanervatar“ ist eine karelische Saunagöttin. „Grief“ enthält sowohl eine komi-permische Rune als auch ein Gebet an den Gott Ukko, das ebenfalls in Finnskogen gefunden wurde. „Löyli“ ist sowohl die Bezeichnung für den Dampf über dem Saunaofen als auch für einen heilenden Saunageist. „When I Was the Forest“, verfasst von dem Mystiker Meister Eckhart (1260 – 1328), handelt vom Einssein mit der Natur und von der Kraft Gottes hinter dem Kosmos. Die beiden Liebesrunen hingegen, aus denen sich das Finale zusammensetzt, „Full Moon Rune“ und „Come into my Garden“, wurden durch Runentexte der finnugrischen Völker des Urals inspiriert. Auch Johann Sebastian Bach mischt in dieser Musik mit. Sinnika Langeland hat sich ausführlich damit befasst, folkloristische Varianten von Kirchenliedern, die Bach in seinen Chorälen verwendet, neben eben diese Orgelchoräle zu setzen. Im Falle von „Sauna Cathedral“ geht die Bewegung in die entgegengesetzte Richtung: Sinikka Langeland überlässt Bach die musikalische Leitung in einigen Passagen ihrer folklore-inspirierten Musik.

Sinikka Langeland beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der finnischen Waldkultur in Norwegen. Sie entwickelte dabei eine ganz eigene und moderne Musikform, die sie mehrfach aufnahm und auf dem deutschen Label ECM veröffentlichte. Mit ihren einzigartigen Spielweisen unterstützen verschiedene international renommierte Jazzmusiker*innen Langelands besonderen Musikstil, der vor allem durch ihren Gesang und ihr Kantelespiel gekennzeichnet ist. Der Saxofonist Trygve Seim, der Schlagzeuger Markku Ounaskari und der Bassist Mats Eilertsen gehören zu ihren treuesten musikalischen Weggefährten, während die Zusammenarbeit mit dem Trompeter Eivind Nordset Lønning und der Keyboarderin Maja S.K. Ratkje neue und spannende Impulse setzt. Allesamt sind sie höchst kreative Musiker*innen, die auf der ganzen Welt auftreten. Auch der Toningenieur Pål Terje Antonsen ist als Meister seines Fachs anerkannt.

„Sauna Cathedral“ ist am 3. November beim Jazzfest Berlin 2019 im atmosphärischen Ambiente der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu erleben.