#Austausch

Manfred Linke - Utopist und Netzwerker
Manfred Linke (rechts im Bild) mit George Tabori Manfred Linke leitete mehr als drei Jahrzehnte das Internationale Forum des Berliner Theatertreffens. In diesen Jahren ist er vom Bruder zum Großvater der Teilnehmenden geworden, wie er selbst einmal schrieb: „So viele Geschwister (am Anfang war ich etwa gleichaltrig wie die Teilnehmer), Kinder und Enkel zu haben, eine Familie, die von ähnlichen Motiven geleitet ist und sich durch die gleichen Ziele verbunden weiß, bedeutet großes Glück.“ Das Internationale Forum ist fast so alt wie das Theatertreffen selbst. Es wurde 1965 unter dem Namen „Begegnung junger Bühnenangehöriger“ gegründet – Manfred Linke leitete es von 1969–2005. Dabei gestaltete er einen ganz neuen Ort des Austauschs, wie Manfred Beilharz in der Publikation „40 Jahre Internationales Forum“ beschreibt: „[Er] hat das Internationale Forum stets an den zeitgenössischen Problemen des Theaters orientiert und mit diesem Forum einen Ort des lebendigen Austauschs und der engagierten Einmischung in die politische und ästhetische Diskussion geschaffen“. Nachdem das Akademieprogramm des Theatertreffens 1973 in „Internationales Forum junger Bühnenangehöriger“ umbenannt wurde, öffnete es Manfred Linke für andere Länder und ging Kooperationen mit Institutionen in Österreich sowie mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia ein. Als Utopist hegte er die Vision eines entgrenzten Dialogs zwischen Künstler*innen aus der ganzen Welt, lange bevor Begriffe wie Globalisierung, Interkulturalität und Internationalisierung zum selbstverständlichen Vokabular der Theaterbetriebe gehörten. Damit war Manfred Linke seiner Zeit weit voraus und trug maßgeblich zur Etablierung des Internationalen Forums als besondere Begegnungsplattform von bemerkenswerter Reputation bei. Ab 1980 konnte das Internationale Forum in Verbindung mit dem Goethe-Institut schließlich Künstler*innen auf der ganzen Welt erreichen. Zu diesem Zeitpunkt veränderte sich auch die Ausrichtung des Programms von vordergründig theoretischem Diskurs und Erfahrungsaustausch hin zu praktisch-künstlerischer Arbeit, wobei die Workshops unter der Anleitung erfahrener Theaterkünstler*innen zu einem tragenden Bestandteil wurden. Damit setzte Manfred Linke ein Zeichen gegen die beginnende Ökonomisierung und Neoliberalisierung der Theaterbetriebe, denn – in seinen eigenen Worten– sollte so „ein Probieren ohne Leistungsdruck und Produktionszwang“ ermöglicht werden, „weil am Schluss kein vorzeigbares Produkt steht.“ Vielen Theaterpersönlichkeiten, die in der Folgezeit große Karrieren eingeschlagen haben, war Manfred Linke Wegbegleiter, Inspirationsquelle und Förderer: darunter Andrea Breth, Klaus Pierwoß, Friedrich Schirmer, Jossi Wieler, Hermann Beil und viele mehr. Uwe Gössel, selbst Stipendiat bei Manfred Linke und dessen Nachfolger, bezeichnete seinen Mentor als einen „Mäzen ganz besonderer Weise: Er stiftete Möglichkeiten und Begegnungen.“ Manfred Linke ist am 8. April 2018 verstorben. Er bleibt in bester Erinnerung, nicht zuletzt durch seine große internationale Theaterfamilie.