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Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele
Wider die Monokulturen - Terre Thaemlitz' Soulnessless
Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele Kreppsohlen schmatzen auf Steinboden wie Störgeräusche, Ledersohlen liefern sanfte Percussion, härtere Absätze beißen sich wie Snare-Drums in den Raum. In der Nacht von Samstag auf Sonntag entwickelt sich Terre Thaemlitz‘ mit etwas mehr als 32 Stunden immer noch den offiziellen Weltrekord des längsten Albums der Welt haltende Improvisationswerk „Soulnessless“ mit jeder Minute weiter von der eigentlichen Musik weg. Während Thaemlitz am Samstagnachmittag noch persönlich vor dem leicht versetzt in der Mitte des Lichthofs des Gropius Bau stehenden Flügel sitzt und in sedierenden Abständen Akkorde in den weitläufigen Raum setzt, driftet man als Besucher nämlich sukzessive ab. Auf Matratzen liegend beobachtet man abwechselnd die neoklassizistische Architektur des Baus, die in ihrer dezenten Angeberei dieser Performance diametral entgegenzustehen scheint, und die ankommenden und gehenden Menschen – oder vielmehr das, was jeder von ihnen dem Abend hinzufügt. Live wandelt sich „Soulnessless“ zu einer subtilen Sinfonie der übersehenen und überhörten Details: Dem Schlüssel, der in der Jackentasche unabsichtlich im Takt klimpert, dem Rascheln von Wolle auf Polyester, dem knackenden Knöchel, den verschiedenen Symptomen der allgegenwärtigen Erkältung, die dieser Tage wie eine innere Résistance die Menschen punktuell aus dem gleichförmigen Wertschöpfungskreislauf wirft. Die Details gehen eine seltsame Symbiose mit den Kargen Akkorden ein. Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner Festspiele Das alles hat etwas Meditatives, was ziemlich komisch ist. Schließlich verabscheut Terre Thaemlitz Meditation. Sie wissen schon, Spiritualität und so. Allerdings bewegt sich „Soulnessless“ weit außerhalb einer Suche nach Erkenntnis. Die endlosen Stunden bieten vielmehr den passenden Zwangsrahmen, um mal über gewisse Dinge nachzudenken. Nachdem man die wöchentlichen To-Do-Listen abgehakt hat, landet man schnell bei der dem Marathon-Album zugrunde liegenden Frage: Warum gilt eigentlich das 30- bis 45-minütige Album weiterhin als state of the art im Musikgeschäft? Ursprünglich war diese Länge schließlich reine Notwenigkeit – mehr passt kaum auf eine Vinyl-Platte. Die CD veränderte mit ihrem größeren Fassungsvermögen diesen Rahmen, 70 bis 80 Minuten wurden in den späten Achtzigerjahren zum Standart. Durchgesetzt hat sich jedoch das kurze, leicht verdauliche A-und-B-Seiten-Narrativ. Zugegeben, in letzter Zeit brachen zunehmend erfolgreiche Künstler*innen die alte Formel auf. Rapper wie Drake aus Toronto oder die von Migos aus Atlanta veröffentlichten Alben, die mehr lose Mixtapes waren, als in sich geschlossene Kunstwerke. Weit über 20 Tracks und Spielfilmlänge inklusive. Das ist im Grunde nur logisch. Migos jüngstes Album „Culture 2“ wurde von ihrem Label Quality Control gleich dreimal beim Streamingdienst Spotify hochgeladen, was der länge eines Wintertages entspricht – und allerhand Streams verspricht. Die Superstars wissen also längst, was im Turbokapitalismus gefragt ist: Musik, die man anklickt und vergisst, während sie läuft. Nebenbei spült sie so auch noch reichlich Geld in die Kassen. Terre Thaemlitz: Soulnessless, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner In der Breite lebt die Musikwelt aber in der Vergangenheit. Bei Labels, Agenturen und Promotern schreibt man weiterhin das Jahr 1965, weswegen Neuerungen meist keine Chance haben. Übel nehmen kann man das niemandem, schließlich hängen an den Strukturen Jobs – und an den Jobs Familien. Trotzdem ist es gefährlich: Während sich die Gegenwart mit Algorithmen und ihren künstlichen neuronalen Netzen rasend schnell in Richtung einer neuen Realität bewegt, in der theoretisch und teilweise bereits praktisch Musik autark von Computern generiert werden kann, in der die Empfehlungsfunktionen der Streaming-Giganten das Mittelmaß fördern und gerade in der Musik Monokulturen drohen, klammert sich die Industrie an alte Gewissheiten. Und wiederholt eisern einen Duktus: Die neue Technik ist böse. Punkt. Das schließt jede produktive Diskussion über die Zukunft pauschal aus – ein schwerwiegender Fehler. Die Zukunft ist schließlich längst da. Noch können wir sie formen, doch müssen wir unseren Platz im exklusiven Gesprächskreis einfordern. Über unreflektierte Ablehnung und retrofuturistische Endzeitfantasien lachen sich die großen Tech-Firmen bloß kaputt. Man wird ziemlich abrupt in die Gegenwart zurückgeholt, die Sinfonie der Kleinigkeiten mündet in ein Crescendo. Die Besucher bewegen sich in Richtung eines Ausstellungsraums am Kopfende, aus dem ein drohender Klang kommt. DJ Sprinkles, Terre Thaemlitz männliches DJ-Alter-Ego, beginnt sein Set. Mit Funk-betonendem House zeichnet er eine musikalische Gegenwart, die zumindest für den Moment sicher scheint. Ob man Antworten gefunden hat? Nein. Aber Fragen – die sind ohnehin viel wichtiger. DJ Sprinkles, MaerzMusik 2018 ® Camille Blake/Berliner  
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