Ausgehend von der orientalischen Geschichte des Buchstaben alif komponieren Stefan Goldmann und Samir Odeh-Tamimi Musiken für das Projekt „alif::split in the wall“. Stefan Goldmann entwickelt kontinuierliche Klangflächen und Klangräume. Samir Odeh-Tamimi konzipiert Musiken für unterschiedliche Formationen – Solos, Duos, Trios und für ein 11-köpfiges Instrumentalensemble. Dabei werden die Auftritte der Musiker in der Installation Chiharu Shiotas genau choreografiert.

Die Probentage beginnen um 10 Uhr. Für mich ist das ein guter Moment um mir die noch frischen Gedanken und Erzählungen der Beteiligten einzuholen. Ich sehe zum ersten Mal die Partituren und erfahre, dass der Flötist Jeremias Schwarzer und der Elektroniker Stefan Goldmann sich 2012 im Rahmen eines Kulturaustauschs durch das Goethe-Institut in Kyoto, Japan kennenlernten. Sie diskutierten über Techno, neue Musik und die Frage, was die musikalische Wahrnehmung eines Clubbesuchers von der eines klassischen Konzertgängers unterscheidet. Dabei kamen sie auch auf den palästinensisch-israelischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi zu sprechen, dessen Musik wegen ihrer eruptiven Kraft beide faszinierte. Und so tauchte bald die Frage auf, wie man mit ihm für ein gemeinsames Projekt zusammenkommen könnte. Sie saßen damals, so muss man es sich wohl vorstellen, im Garten der Villa Kamogawa in Kyoto, und Jeremias Schwarzer berichtete auch von den der raumeinnehmenden Installationen Chiharu Shiotas, denen er bei seinem Konzert im Museum in Marugame begegnet war. Shiota hatte zu dieser Zeit schon begonnen, mit Pumpen- und Schlauch-Installationen zu arbeiten und die mit Flüssigkeit befüllten Schläuche weiter zu erforschen.

Goldmann und Odeh-Tamimi bekamen daraufhin von Jeremias Schwarzer und dem in der Zwischenzeit auch zum Projektteam hinzugestoßenen Zafraan Ensemble den Auftrag, neue Werke zu komponieren. Grundlage war die von Schwarzer vorgegebene alte orientalische Geschichte des alif, in der die Wiederholung des immer Gleichen schließlich zu einer blitzartigen, gewaltsamen Energieentladung führt. Goldmann konzentrierte sich in seiner Arbeit vor allem auf elektronische Klänge, die stellenweise durch Improvisationen der Musiker*innen angereichert werden. Odeh-Tamimi dagegen komponierte speziell für die Musiker*innen des Zafraan Ensemble. So entstand „alif“ für 11 Instrumentalstimmen und den Gesang Salome Kammers, was auch in diversen Vorproben vorbereitet wurde. Zudem wurden diverse schon bestehende Kammermusikwerke Odeh-Tamimis in kleineren Einheiten wie Trios, Duos und Solos in verschiedenen Instrumentierungen probiert und an das musikalische Gesamtkonzept von Schwarzer gemeinsam angepasst. Dabei nutzte Odeh-Tamimi auch das Wissen und die Improvisationsfähigkeit der Zafraan-Mitglieder, um bestimmte Qualitäten der Instrumentalstimmen herauszudestillieren und mit anderen zu verbinden.

Samir Odeh-Tamimi © Bastian Zimmermann

Ich höre von mehreren Musiker*innen: „Samirs Musik hat eine ganz eigene Klangsprache, die du nicht nur aus den Noten erfährst. Du musst ihn darüber sprechen hören. Diese Musik ist direkt, sie ist eine Sprache, ein Sprechen. Das lässt sich nicht einfach nur niederschreiben und über eine Partitur vermitteln.“ So ist es auch einfacher zu verstehen, dass beispielsweise das Saxofon und die Bassklarinette gerade eine Posaunenstimme in die Hand gedrückt bekommen.
Odeh-Tamimis Musik ist unglaublich direkt, intensiv, ja, sie IST Intensität: Sie ist da, wenn sie erklingt, und verschwindet wieder – so als ob jemand spricht und dann schweigt. Wenn man etwas stärker behaupten möchte (und nicht gestützt wird von einer autoritären Position), dann muss man es wiederholen, immer wieder, lauter werden, oder es mal anders formulieren, eine andere Stimme mit reinholen. Die „alif“-Komposition und die Bearbeitungen der kleineren Werke von Odeh-Tamimi entspringen solch einer Idee: die Solos, Duos oder Trios bauen sich häufig aus ähnlichem Material auf, und auch in den Tutti-Stellen des großen Stücks entspringen die Stimmen derselben Rede, die das elektronische Klangkontinuum von Goldmann durchbricht. Die Erprobung des immer gleichen Alifs.

Im Probenraum, heute noch ohne die alif-Installation (Shiota arbeitet unermüdlich am Befüllen der Schläuche), wird unterdessen der Grundriss der bespielten Fläche entworfen, werden Wege für das Pubikum eingezeichnet und die Notenständer der Musiker in Position gebracht – denn gleich dem Redecharakter der Musik Odeh-Tamimis stehen die Musiker verteilt im Raum und sprechen zueinander und zu den Anderen, den Gästen dieser musikalischen Ausstellung.

„alif::split in the wall“ wird am 18. und 19. März jeweils von 19:00 – 24:00 Uhr im Rahmen von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen im Radialsystem V zu erleben sein. Die Installation „alif“ von Chiharu Shiota ist außerdem am 19. und 20. März von 12:00 – 18:00 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich.