Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie das 36. Theatertreffen der Jugend.

„Kritische Masse“ © Suna Gürler

Laut und wild brechen die „Aktionist*innen“ aus Berlin vom Jugendclub des Maxim Gorki Theaters alle Tabus. Sie schreien ihre Wut frei heraus, sie befreien sich lautstark von gesellschaftlichen Konventionen. Sie schreien auch, weil es Spaß, das Publikum zu überraschen. Weil sie anders sein können als weit verbreitete Rollenbilder sie definieren. Die 13 jungen Darstellerinnen haben die Zuschauer voll in der Hand, vom ersten provozierenden Blick bis zum letzten Brüllen. Sie sind stark. Ehrlich und direkt erzählen sie von ihren eigenen Erfahrungen, was es heißt, Frau zu sein. Es geht um die Wahrnehmung des eigenen Körpers und dem der anderen, um weibliche Reize und Rollenbilder und darum, ob und warum sie sie ausfüllen. Was ist schön? Und wer entscheidet das?

Die jungen Frauen vom Maxim Gorki Theater treten dabei in der Masse auf, als kritische Masse, aus der immer wieder Einzelne hervortreten. In schlichten Kostümen und mit etwas dramatischem weißem Staub tanzen, rennen, sprechen und schweigen sie sich durch die Vorstellung. Mit einer unglaublichen Energie erschaffen die Schauspielerinnen explosive ebenso wie zarte und sehr ernste Momente. Jede von ihnen hebt sich mindestens einmal von den anderen ab, hat eine individuelle Geschichte zu erzählen, eine andere Meinung zu äußern. Da steigt eine mit ein, widerspricht und die nächste und noch eine. Und dann reden sie plötzlich alle durcheinander und sind wieder eins, haben sich zur Masse verdichtet. Einer individuellen Masse.

„Kritische Masse“ ist dennoch kein Stück, das als feministisch gelten möchte. Die Inhalte ließen sich genauso auf Männer anwenden. Schließlich gibt es Rollenbilder für Männer ebenso wie für Frauen. Dass die Gruppe sich vollständig aus weiblichen Teilnehmerinnen zusammensetzt, ist dem Zufall zuzuschreiben. Die jungen Schauspielerinnen waren lediglich die ersten, die sich für die alljährliche Ausschreibung des Jugendclub von Gorki X anmeldeten.

„Kritische Masse“ © Suna Gürler

In vielem, was die Schauspielerinnen sagen, kann ich mich wiederfinden. Kann ich sagen: so geht es mir auch, so ist es einer Freundin ergangen. Diesen persönlichen Zugang zum Stück scheine nicht nur ich zu finden. Die gefüllten Zuschauerreihen sind das Pendant zur kritischen Masse auf der Bühne: das Publikum lacht, applaudiert, zieht die Luft ein und schweigt betroffen. Am Ende gibt es Standing Ovation und nicht enden wollenden Applaus.

In Gedanken noch beim Stück, stehe ich später vor dem Spiegel und richte unbewusst meine Haare, ordne meine Kleidung. Da realisiere ich, was ich tue – so ist schön – und breche mitten in der Bewegung ab, begegne meinem schuldbewussten Blick. Aber dann setze ich meine Handlung augenblicklich fort. Es ging ja nicht darum, nicht mehr in den Spiegel zu schauen, sondern darum, die gesellschaftlichen Rollenbilder zu hinterfragen, eine Reflexion anzuregen. Das ist gelungen.

Der Bundeswettbewerb Theatertreffen der Jugend findet vom 29. Mai bis 6. Juni 2015 im Haus der Berliner Festspiele statt. „Kritische Masse“ von Jugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater war am 30. Mai 2015 um 20:00 Uhr zu sehen.