Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an.

Ein Tisch mit Stuhl, ein Erzähler samt seiner Handvoll Requisiten – und das Shakespeare’sche Drama kann beginnen.

Im Ernst, das soll jetzt alles sein? Seit über 400 Jahren arbeiten sich unzählige Theater auf der ganzen Welt an immer aufwendigeren und tiefgründigeren Inszenierungen ab, ob nun der Fokus dabei auf der authentischen Sprache oder auf sprühenden Effekten liegt, mit denen die jahrhundertealten Dramen ins 21. Jahrhundert gehievt werden sollen. Dass es auch anders geht, will die englische Künstlergruppe Forced Entertainment beim diesjährigen Festival Foreign Affairs der Berliner Festspiele unter Beweis stellen. Und damit nicht genug: gleich das gesamte Werk Shakespeares soll es sein, alle 36 Dramen des englischen Dichters kommen in der Festivalwoche zur Aufführung. Und dafür brauchen die ambitionierten Künstler nicht mehr als – nun ja – einen Tisch, einen Erzähler und eine Handvoll Requisiten.

Was macht die sechs ehemaligen Studienkollegen eigentlich so sicher, dass ihre ungewöhnliche Idee beim Publikum ankommt? „Natürlich werden unsere Inszenierungen einem Experten auf dem Gebiet, dem Stil und Sprache Shakespeares am Herzen liegen, unter Umständen weniger zusagen“, erklärt Richard Lowdon, Designer und Erzähler bei Forced Entertainment. Und auch, was das allgemeine Publikum betrifft, sei man sich in Bezug auf die Wirkung keineswegs immer sicher gewesen. Er hält das Projekt dennoch für einen vielversprechenden Ansatz, die Dramen für ein breiteres Publikum zu öffnen und so in manchen Fällen einen neuen Zugang zum Inhalt zu finden.

Forced Entertainment: „Complete Works: Table Top Shakespeare“ © Christopher Hewitt

Bereits nach der ersten Aufführung wird deutlich, dass das dem Ensemble gelingt. Der Handlungsverlauf wird durch den Erzähler beschrieben und durch verschiedene Anordnungen der Flaschen, Büchsen, Gläser…, die die Protagonisten darstellen, deutlich gemacht. Die minimalistische Ausstattung regt in ungeahnter Weise die Fantasie des Zuschauers an und lässt ihn eintauchen in eine einzigartige Welt der Shakespeare’schen Adligen und Königshäuser, Liebschaften und Intrigen, Irrungen und Wirrungen. Einzigartig auch deshalb, weil dem Zuschauer keine Bilder und Deutungen aufgedrängt werden, jeder einzelne im Saal erfährt die Geschichte auf eine andere Weise. Die Sprache ist ebenfalls minimalistisch, ganz nach dem Prinzip: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Jeder Satz ist ein Wunderwerk an prägnanter, treffender Ausdrucksweise.

Auf diese Weise lassen sich dann auch groß angelegte Dramen wie „Hamlet“ oder „Ein Sommernachtstraum“ in das gewählte Format von 30–40 Minuten bringen, kein Stück geht wesentlich darüber hinaus. Doch warum gerade diese Zeitspanne? „Wir waren uns ziemlich sicher, dass dies eine Dauer sein würde, die den Zuschauer bei der gewählten Darstellungsweise nicht überfordert, bei der die Spannung hochgehalten werden kann“, so Richard Lowdon.

Dabei sollte die enorme Erfahrung nicht unterschätzt werden, die die Company aus Sheffield mitbringt. Seit über 30 Jahren ist die Besetzung unverändert und hat in dieser Zeit mit den verschiedensten Formen von Avantgarde-Theater experimentiert. Alle konnten sie damals den traditionellen Theaterformen nichts mehr abgewinnen. So begannen sie zunächst mit Versuchen zur Improvisation und neuen Erzählstrukturen.

Bei der Frage, ob er diese Form des Theaters als „Rebellion“ sehe, ist Lowdon jedoch zögerlich. Sicherlich sei ihr Ansatz „eine Art Rebellion gegen das etablierte Theater“ gewesen, doch gebe es auch und gerade dort Grauzonen, in denen beides nicht immer zweifelsfrei zu trennen sei. Er sieht sich mit dieser Meinung eher in einer „europäischen Tradition“ als in einer „britischen“, wo traditionelles und Avantgarde-Theater strikt getrennt seien. In den Jahren gemeinsamer Arbeit haben sich zwei verschiedene Inszenierungskonzepte herausgebildet. Dies sind zum einen groß angelegte, abend- und bühnenfüllende Inszenierungen, bei der eine vergleichsweise große Zahl an Schauspielern wie Statisten beteiligt sind. Und da sind auf der anderen Seite Projekte wie beispielsweise „Complete Works: Table Top Shakespeare“, bei denen nur ein bis zwei Akteure auf die Bühne treten.

Forced Entertainment: „Complete Works: Table Top Shakespeare“ © Christopher Hewitt

Der Erzähler, sagt Richard Lowdon, müsse immerzu die „Vorstellungskraft des Zuschauers anregen“, ja, sich um den Zuschauer „kümmern“: „Schon leise Anzeichen von Unruhe beim Zuschauer sollten für den Erzähler auf der Bühne eine erste Warnung sein.“ Nachlassende Spannung, abschweifende Gedanken – was tun? Der Kontakt zwischen Erzähler und Publikum sei während der gesamten Inszenierung von großer Bedeutung, doch: „Die ersten 30 Sekunden einer jeden Vorstellung sind die wichtigsten.“ Dieser Satz aus „Showtime“, einer Produktion der Company aus dem Jahr 1996, ist damals wie heute von Bedeutung. Wer einmal eine Aufführung aus dem Table-Top-Shakespeare-Zyklus besucht hat, weiß warum: Ein Erzähler allein ist dafür verantwortlich, was sonst eine Vielzahl von Darstellern mit Bühnenbild auf viele Schultern verteilen können. Ein Erzähler muss Spannung aufbauen, den Zuschauer fesseln, seine Fantasie anregen. Wer einen von ihnen in den ersten Momenten genau beobachtet, wird feststellen, dass diese wenigen Sekunden immer schon eine Überraschung, Wendung oder Fährte mit sich bringen. Die Sprache wird noch prägnanter, der Zuschauer soll nicht schon zu Beginn den Faden verlieren.

Das ist bei Shakespeare nicht immer leicht, sind doch viele seiner Komödien wie „Der Widerspenstigen Zähmung“ oder „Komödie der Irrungen“ von Figuren geradezu bevölkert, die angesichts der Verwechslungen und Täuschungen mitunter selbst den Überblick verlieren. Dass sich durch die einschneidende Reduzierung in allen Aspekten die Verwirrungen auf der Bühne in den Gedanken des Zuschauers immer wieder zu überraschend klaren Mustern ordnen, ist einer der vielversprechendsten Aspekte dieser Shakespeare-Inszenierungen.

„Complete Works: Table Top Shakespeare“ baut auf durchweg traditionellen Erzähltechniken auf. Die Verwendung der Requisiten ist, im besten Sinne, an die Idee des Puppentheaters angelehnt. Zwar haben die Büchsen und Flaschen keinen direkten Bezug mehr zur dargestellten Figur, doch die Idee ist in beiden Fällen dieselbe: Manchmal bewirkt ein Weniger an Ablenkung und Aktion ein Mehr an lebhafter Anteilnahme des Zuschauers am Geschehen. Schön zu wissen: Auch die immer gegen das allzu Konventionelle aufbegehrende, vor Ideen sprühende Avantgarde besitzt Konstanten.

Im Rahmen von „Complete Works: Table Top Shakespeare“ zeigten Forced Entertainment bei Foreign Affairs 2015 36 Uraufführungen über die gesamte Festivaldauer.