Mit „En avant, marche!“, einem die Grenzen zwischen Tanz-, Musik- und Sprechtheater überschreitenden Projekt von Frank Van Laecke, Alain Platel und Steven Prengels wird Foreign Affairs 2016 eröffnet. Mit von der Partie ist die Zentralkapelle Berlin – ein Blasorchester, das sich großer sinfonischer Blasmusik widmet, ein multikulturelles Repertoire spielt und ganz und gar nichts von einem spießigen Blasorchester hat. Doch was ist eigentlich ein Blasorchester? Und was versteht man unter Blasmusik?

Das Bild zeigt den Japanischen Kaiser Hiroito bei der Inspektion der sogenannten Kriegstuben – Apparate, die wie gigantische Tuben aussehen, aber zum Abhören des Luftraumes bestimmt waren. Foto vor 1945, Wikimedia Commons

Wenn man das Wort Blasorchester hört, kommt einem zunächst alles Mögliche in den Sinn. Das Spektrum reicht von der straff organisierten, im Gleich- und Stechschritt marschierenden Militärkapelle bis zur Blaskapelle im Trachtenlook aus den südlicheren und westlicheren Gefilden unseres Landes, die die Bier- und Weinseligkeit musikalisch untermalen. Manch einer hat die wild spielenden Brass Bands vom Balkan im Ohr, eine andere erinnert sich an die Spielmannszüge ihrer Kindheit oder an den Posaunenchor aus der evangelischen Kirchengemeinde. Wieder andere kennen Blasmusik nur aus der Reklame, wenn des „Generals“ umfassende Reinigungskraft angepriesen wird, oder aus dem einen oder anderen Film.

Wenn man an Blasorchester denkt, so stellen sich auch ganz bestimmte Klangbilder ein, die viel mit den verschiedenen Wurzeln dieses besonderen Orchestertyps zu tun haben. Da ist einmal der Marschrhythmus, begleitet von Trommeln oder schellenartigen Klängen. Da ist das Laute, der sich bereits aus der Ferne ankündigende signalartige Ton der Trompeten, Posaunen und ihrer tiefen Verwandten. Aber auch ein satter harmonischer Sound assoziiert sich mit dem Klang einer großen, nur aus Bläsern bestehenden Band. Hier spielen meist die Hörner eine wichtige Rolle, die mit den anderen besonders gut verschmelzen.

Blasorchester ist also nicht gleich Blasorchester. Es besteht aus Holz- und Blechblasinstrumenten und Schlagzeug. Also Flöten, Klarinetten, Oboen, Fagotte und Saxophone (alles Holzblasinstrumente) plus Hörner, Trompeten, Posaunen, Tubas, Basstubas (alles Blechblasinstrumente), oder auch aus Instrumenten mit so schönen Namen wie Euphonium (ein tiefes Blechblasinstrument, das auch als „Infanteriecello“, als das „Violoncello“ der Blasinstrumente bezeichnet wird). Die Anzahl der jeweiligen Instrumente kann dabei variieren. Damit ist der Unterschied zur reinen Blechblaskapelle benannt, wie sie die Brass (=Blech) Bands oder die Posaunenchöre darstellen. Mitentscheidend für die Herausbildung des heutigen Blasorchesters, von der kammerartigen Kapelle bis hin zu ihrem sinfonischen Zuschnitt, war der Fortschritt in der Instrumentenbaukunst – die Entwicklung der Ventiltechnologie bei den Hörnern und Trompeten und vieles andere mehr –, der die Eingliederung der Blasinstrumente in die temperierte Stimmung ermöglichte.

Seiner Herkunft nach ist das Blasorchester zur einen Seite aus der sogenannten Harmoniemusik hervorgegangen, einer Instrumentenformation vom Quintett bis zum Oktett, die nur aus Bläsern bestand und ihre Funktion vor allem in höfischem Kontext erfüllte: als Begleitung zu Aufzügen (militärischer und friedlicherer Art), zu Spaziergängen, zu großen Festessen, aber auch konzertierend mit eigens angefertigten Kompositionen.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Ouverture für Harmoniemusik op. 24 (1824/ rev. 1838)

Natürlich ist das Blasorchester in seinem Ursprung auch dem Militärischen verbunden. Vor allem galt ihr Spiel den Funktionen, die eine Militärkapelle hatte, die ja nicht nur den Kampf ansagte, als signalgebende Truppe diente, den Feind durch möglichst lautes Blasen in Angst und Schrecken oder gar in die Flucht schlagen sollte, sondern die Rituale Ein- und Abzug der Regimenter je nach Art mit unterschiedlicher Musik begleitete, und bei besonderen Staatsakten unverzichtbar wurde. Hier fusionierte die oben kurz charakterisierte Harmoniemusik der Holz- und Blechbläser mit Elementen der sogenannten Türken- oder Janitscharenmusik, die durch die Türkenkriege Europa bekannt wurde. Insbesondere das Schlagzeug in Form von Basstrommeln, Triangeln und Cimbeln kam hinzu.

Louis Spohr (1784-1859): Notturno für Harmonie und Janitscharenmusik op. 34 (1815)

Diesem Hybrid der Herkunft nach entspricht bis heute ein weit gefächertes Repertoire, das die unsägliche Spaltung in ernstes und unterhaltendes Genre nicht kennt, vielmehr das Nebeneinander von Marsch, Divertimento, Serenade, Tanz und Schlager zu seiner Spezifik gemacht hat. Und mit diesem mitunter als Freiluftmusik nicht nur zur Unterhaltung vieler beigetragen hat, sondern auch – in Zeiten ohne elektroakustische Medien – auch die Verbreitung der jeweils neusten Musiken mitbesorgte.

Der Große Zapfenstreich, der für hochrangige Gäste vom Stabskorps der Bundeswehr inszeniert wird und dessen festgelegtes Ritual unverzichtbar ist bei der Verabschiedung und Ehrung von aus dem Amt scheidenden Politikern und Politikerinnen gibt für dieses gemischte Repertoire ein schönes Beispiel ab. Mit der Verabschiedung der Bundespräsidenten Horst Köhler und Christian Wulff oder der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas de Maizière fanden in den letzten Jahren etliche Große Zapfenstreiche statt. Interessant war dabei die Kombination der gespielten Musiken. Die Geehrten dürfen sich für die „Serenade“ (einem bestimmten Abschnitt in dem minutiös festgelegten Verlauf) die Musik auch selbst aussuchen. So gesellten sich zu dem „Preussischen Zapfenstreichmarsch“ oder dem „Yorckschen Marsch“ und der obligatorischen Nationalhymne Hits wie „Smoke on the Water“ (für zu Guttenberg), „Life is Life“ ( für de Maizière) oder „Somewhere over the Rainbow“ (für Christian Wulff).

Die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt als die große Zeit der mit professionellen Musikern besetzten Militärorchester, die als Streich-, vor allem aber als Blasorchester auch das allgemeine Musikleben mit gestalteten. Werke der jeweils neuen Musik wurden für Blasorchester bearbeitet und so trugen diese Kapellen wesentlich zur Verbreitung und Popularisierung der zeitgenössischen Musik mit bei. Mitunter waren Komponisten wie Liszt, Wagner, Brahms, Verdi und andere um die Blasorchesterbearbeitungen ihrer Werke durch die Kapellmeister der Militärkapellen bemüht.

Gleichzeitig aber verschob sich in zwei Phasen das Blasorchesterwesen von den professionellen Militärblasorchestern zu den Amateuren. Nach 1848 und dem Ende des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 gründeten ausgediente Militärmusiker zivile Blaskapellen und -orchester und sorgten für eine breite Basis dieser Musikkultur. Auch wenn das für einen Großstädter von heute kaum noch nachvollziehbar ist, so spielen bis heute diese Amateur-Blasorchester bei den Festen und Jubiläen einer dörflichen Gemeinde oder kleineren Stadt eine wichtige Rolle: Keine Kirchweih ohne Umzug mit Tschingderassabumm, kein Bierzelt oder Weinfest ohne Blasmusik, die zur musikalischen Unterhaltung und Tanz aufspielt. Und bei keiner „großen Leich“ darf die Blaskapelle mit angemessenem Trauermarsch fehlen.

Und jetzt dasselbe noch mal von der Zentralkapelle Berlin im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Blasorchester spielen aber nicht nur an der frischen Luft, als Freiluftorchester, oder in Bewegung. Auch im Konzertsaal sitzend sind sie zu finden. Neben den Bearbeitungen der „Hits“ der jeweils zeitgenössischen Musik entstand auch Zug um Zug ein Korpus an Werken, die eigens für diese Besetzung komponiert wurden. Vor allem aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist zunehmend ein eigenständiges Repertoire für Blasorchester jenseits der Marschmusik entstanden. Wichtige Impulse kamen da aus England von Gustav Holst und Ralph Vaugham Williams, die neue Maßstäbe setzten und sich deutlich von der Bearbeitungs- und Marschliteratur absetzten. Sie versuchten mehr den Ton authentischer Volksmusik zu integrieren, setzten die Blechbläser als Melodie führende Instrumente ein, und griffen auf das Formenvokabular der Suite zurück.

Nach dem ersten Weltkrieg startete der Komponist Paul Hindemith eine Initiative. Er erkannte, dass eine Vielzahl an Laienblasorchester einem großen Defizit an anspruchvollen, aber spielbaren Werken gegenüberstand. Deshalb rief er 1926 für die Donaueschinger Musiktage Komponisten dazu auf, für genau diese Zielgruppe Blasmusiken zu komponieren. Ernst Krenek, Ernst Toch, Hindemith selbst und einige andere kamen diesem Aufruf nach und Werke wie Kreneks „Drei lustige Märsche“ op. 44, Tochs „Spiel“ op. 39 und Hindemiths „Konzertmusik“ op. 41 entstanden.

Doch die Idee Hindemiths von einer künstlerisch anspruchvollen Gebrauchsblasmusik hat nicht reüssiert und die Kompositionen von Donaueschingen „wanderten“ aus. Sie gingen in den 1930er Jahren in das Repertoire der US-amerikanischen Universitätsblasorchester ein, die einen US-spezifischen Strang dieser Musikkultur repräsentieren.

Die neue Musik nach 1945 stand insgesamt populären Musikkulturen, also auch der Blasorchesterkultur, kritisch gegenüber. Ausgenommen Maurizio Kagel. Er komponierte 1979 die „10 Märsche um den Sieg zu verfehlen“, die sich an Profis wie Laien-Professionals richten und mit viel Ironie und Witz Marschmusik-Topoi dekonstruierend ins Wanken bringen.

Etwas früher, 1976, gründete sich das Sogenannte Linksradikale Blasorchester. Eine wilde Formation, die unter anderem die Komponisten Heiner Goebbels, Rolf Riehm und Alfred Hardt in ihren Reihen zählte. Sie war eingebunden in die Frankfurter Spontiszene und zweckentfremdetet populäre und avantgardistische musikalische Mittel, um eine politische Musik – die der undogmatischen Linken – zu kreieren. Bewusst und respektlos setzte man den strammen Blaskapellen der K-Gruppen und ihren Kampfliedern freie Improvisation und musikalische Collage entgegen. Und wurde 1980 prompt zum Jazzfest nach Berlin eingeladen.

Die Zentralkapelle Berlin, die bei Foreign Affairs in der Aufführung von „En avant, marche!“ spielt, ist ein Kind dieser Musikkultur, die sich immer wieder neu erfindet. Und so macht auch die Blaskapelle nicht Halt vor John Cages berühmtem stillem Stück „4’33’’“.

Die Zentralkapelle Berlin spielt im Eröffnungsstück von Foreign Affairs 2016, „En avant, marche!“ von Frank Van Laecke, Alain Platel und Steven Prengels. Das Stück ist zu sehen und hören am 5. Juli 2016 um 20:00 Uhr und am 6. Juli 2016 um 19:00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.