Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016.

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Neben mir schlägt eine Bombe ein. Ich fahre hoch und bin wieder in der Bundesallee 53 in Berlin, im Jahr 2015. Es ist Frieden. Aber schließe ich meine Augen, werde ich von Mazen Kerbajs Klanginstallation „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war“ ins Jahr 2006, mitten in den libanesischen Bürgerkrieg versetzt.

Mazen Kerbaj hat im Libanonkrieg angefangen, Tonaufnahmen zu machen. Er spielt Trompete, in seiner Wohnung in der Altstadt von Beirut. Sein Spiel vermischt sich mit bellenden Hunden, Flugzeugen und Sirenen. Man erfährt in Radiofetzen den aktuellen Stand der Waffenstillstandverhandlungen und erlebt, wie Mazen mit Freunden und Familie auf Englisch, Französisch und Arabisch diskutiert. Und oft ist es auch einfach nur still, aber es ist eine angespannte, unruhige Stille. Zum Zerreißen gespannt. Mazens Klanginstallation wird bei der Märzmusik 2016 in einer Friedenauer Privatwohnung präsentiert. Auf dem Balkon, im Wohnzimmer und im Schlafzimmer werden die verschiedenen Minidiscs abgespielt. Insgesamt zwölf Stunden Tonmaterial.

Die Klanginstallation funktioniert in dieser nüchtern, fast schon spartanisch eingerichtete Wohnung erstaunlich gut. So wird man durch seine Umgebung nur wenig abgelenkt, in einer bunteren, vollgestellten Wohnung, wäre das sicherlich deutlich schwieriger gewesen. Mazen gibt den Besuchern seiner Klanginstallation einen Guide mit an die Hand. Nach CD und Track ist sekundengenau aufgelistet, was passiert: „4:22 Airplanes, 4:31 Trumpet while airplanes continue, 4: 31 Trumpet stops“. Das schafft eine paradoxe Situation: Als Zuhörer kann ich mitlesen, ich weiß schon im Voraus, wann wieder eine Explosion zu hören sein wird. Ich kann mich innerlich vorbereiten. In der Realität ist das natürlich nicht so.

Krieg ist bei der aktuellen politischen Lage ein allgegenwärtiges Thema in den Medien. Täglich sehen wir Bilder von zerbombten Straßenzügen in Syrien, von Bomben im Irak und Menschen auf der Flucht. Es ist eine Bilderflut, die abstumpfen lässt, denn sonst wäre dieses Leid gar nicht zu ertragen. Mazens Klanginstallation ist ein anderer Ansatz. Es ist mutig, Menschen, die sich oft so sehr auf ihre Augen verlassen, nur Tonaufnahmen zur Verfügung zu stellen. Es ist eine Herausforderung an sein Publikum, sich Zeit zu nehmen, denn es braucht Zeit, bis man sich aus seiner Umgebung löst und im Libanonkrieg ankommt. Es gilt eine Balance zu finden, dazwischen, in der Beschreibung mitzulesen und einfach nur zuzuhören. Schließe ich meine Augen, gebe ich die Kontrolle ab. Schreckliche Bilder von ausgestorbenen Straßen, in Trümmern liegenden Häusern und Verletzten nehmen in meinem Kopf Gestalt an. Ich male mir die Zimmer aus, in denen die Gespräche stattfinden, sehe erschöpfte Gesichter vor mir und schrecke jedes Mal zusammen, wenn eine Explosion zu hören ist.

Doch durch das Wissen, dass diese Tonaufnahmen im Libanonkrieg entstanden sind, stellt sich der Zuhörer automatisch eine Situation im Nahen Osten vor, weit weg von Mitteleuropa. Dabei sind die Dokumente, wenn man sie ohne Beschreibungen rezipiert, eigentlich zeitlos. Die Diskussion über die aktuelle politische Situation verorten die Aufnahmen natürlich schon, doch bellende Hunde, Stille und Sirenen gibt es in jedem Krieg. Somit steht Kerbajs Arbeit viel allgemeiner für das Leben, den Schrecken und das Leid im Krieg, viel stärker als Bilder das je könnten. Krieg in Berlin könnte sich genauso anhören.

Doch eins zeigte auch wieder diese Klanginstallation: So gut Filme, Fotos und Tonaufnahmen auch sind, sie werden Krieg trotzdem nie ganz begreifbar machen. Denn sobald man die Augen aufschlägt, ist man wieder in der Bundesallee 53. Doch Mazen Kerbaj hat es geschafft, Krieg begreifbarer zu machen. Das nächste Mal, wenn ich in den Nachrichten Bilder aus Syrien sehe, werde ich mich daran erinnern, wie ich hochgefahren bin, weil ich dachte, neben mir schlägt eine Bombe ein.

Mazen Kerbajs Installation „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war“ ist noch bis 16. März, 24:00 Uhr in der Bundesallee 53 zu sehen.