Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte des Jazzfest Berlin 2015.

Ich hatte im Programm das Stichwort „Echtzeitmusik“ überlesen. Oder mir zumindest etwas ganz anderes darunter vorgestellt. Echtzeitmusik gehört laut Wikipedia der gleichen Kategorie wie Freejazz an: der neuen Improvisationsmusik. Ich will jetzt nicht so tun, als ob ich genau wüsste, wie man da unterscheidet. Ich höre privat weder Freejazz noch Echtzeitmusik – ich steh mehr auf klassischen Jazz. (Anders gesagt: ja, man kann mich als spießig bezeichnen.) Auf Funk, auf Swing und auf Keith Jarrett. Hauptsache tonal. Und am liebsten noch mit Rhythmus.

Als dann am Donnerstag das Jazzfest Berlin mit der Performance des Splitter Orchesters begann, war ich sehr gespannt. 24 Musiker in einer Uraufführung von George Lewis. Ein riesiges, aufwändiges Set. Das Cello begann, nach und nach mischten sich andere Instrumente und Electrosounds dazu. Jedem sein eigener Ton, sein eigenes Tempo, seine eigene Welt. ZerSPLITTERt eben. Und so ging das dann eine Dreiviertelstunde. Zwar hielten sich die Musiker gegenseitig Schilder mit Spielanweisungen hoch, doch es war so viel auf einmal los, dass die Umsetzungen unmöglich zu erhören waren. Daraus wurde also ein atonales, rhythmusloses Stück. Und was war davon improvisiert? Es ist ja schließlich eine Komposition von George Lewis – wie viel ist also wirklich frei entstanden?

George Lewis und Splitter Orchester © Camille Blake

Ich meine, ich habe Respekt vor der Arbeit und der Leidenschaft, die in dieses Construction Set geflossen sein muss. Und ja, das ist eine Art von Musik, die einfach nicht jedermanns Sache ist.
Aber ich habe ich trotzdem gefragt, wer denn sowas gerne hört. Ich hab also nach dem Konzert Leute nach ihren Meinungen gefragt. Von „Katzenmusik“, „schrecklich“, „besser als ich erwartet hatte“ bis zu „interessant“ und „total geil“ war alles mit dabei. Scheint also wirklich eine Geschmackssache zu sein.

Vielleicht ist es eine Altersfrage? Ich möchte niemandem auf die Füße treten, aber ich lag mit meinen 18 Jahren locker 20 Jahre unter dem Altersdurchschnitt in diesem Konzert. In der Eröffnungsansprache des neuen Festivalleiters Richard Williams ging es auch darum, dass er das Jazzfest jünger machen will, durch junge Musiker und junge Musik. Aber hören junge Menschen solche Musik? Und machen alle jungen Musiker nur solche Musik? Ich halte das für Quatsch. Die jungen Musiker des Splitter Orchesters haben schließlich auch unter der Leitung des nicht mehr ganz so jungen George Lewis gespielt. Und ich kenne persönlich eine ganze Menge junger Jazzmusiker, und die haben mir auf meine Frage, wie sie Freejazz finden, dieses Bild geschickt.

Vielleicht geht es darum: Bei Freejazz hört man nicht, wie viel Arbeit da eigentlich drinnen steckt. Jeder, der ein paar Geräusche und dazu ein ausdrucksstarkes Gesicht macht, wirkt ähnlich. Wie bei moderner Kunst. Wenn mein kleiner Bruder einen Topf Farbe auf einer Leinwand umwirft, sieht das auch wie ein modernes Werk aus. Aber der existenzielle Unterschied ist die Absicht dahinter. Die Botschaft, das künstlerische Genie, die Idee.

Also sollte man bei solchen Stücken wie dem des Splitter Orchesters vielleicht nicht die Schönheit der Musik an sich, sondern vielmehr das Große und Ganze versuchen zu verstehen. Wieso bei einem durchkomponierten Stück noch andere Anweisungen geben? Wieso sitzen die Streicher getrennt? Was möchten sie rüberbringen? Man muss versuchen, sich darauf einzulassen und aus seiner eigenen Komfortzone rauskommen. Hab ich probiert, und ich würdige es und finde es interessant. Gefallen tut es mir aber trotzdem nicht so wirklich.

Aber das ist das ist das Besondere am Jazzfest: Nichts ist gleich, es gibt immer etwas, das man noch nicht kennt. Und es ist garantiert was dabei, das sich lohnt, entdeckt zu werden.

Das Jazzfest Berlin 2015 findet vom 5. bis 8. November statt. Das Splitter Orchester + George Lewis traten am 5. Oktober 2015 im Haus der Berliner Festspiele auf.