Das Klavier allein und in Kombination mit Stimme bestimmt in der diesjährigen Ausgabe des Musikfest Berlin die Kammermusikkonzerte. Der französische Ausnahmepianist Pierre-Laurent Aimard wird sich an drei Abenden Klavierwerken widmen, die alle auf jeweils unterschiedliche Weise die Grenzen des Instruments Klavier und seiner spieltechnischen Möglichkeiten ausgelotet haben: Bereits am Vorabend des Festivals dem kompletten „Catalogue d’Oiseaux“ von Olivier Messiaen. An zwei weiteren Klavierabenden stehen Franz Schuberts Klaviersonate in G-Dur op. 78 „Fantasie“ und Ludwig van Beethovens „Hammerklaviersonate“ auf dem Programm, jeweils kombiniert mit einem Werk von Helmut Lachenmann. Musikalische Unikate präsentiert der russische Pianist Alexander Melnikov mit Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique“ in einer Fassung für Klavier , erstellt von Franz Liszt und einer Auswahl aus Giaocchino Rossinis letzte Werken, den „Péchés de vieillesse“ (Alterssünden).

 

Aimard, der französische Pianist mit Lebensmittelpunkt Berlin, erhielt 2017 den Ernst von Siemens Musikpreis, die höchste Auszeichnung neben dem japanischen Praemium Imperiale. Sie setzt ein Lebenswerk in progress voraus, dessen Linien erkennbar über die eigene Zeit hinaus in die Zukunft weisen. Beim Musikfest Berlin gibt Aimard drei Konzerte. Er setzt dort an, wo seine musikalische Laufbahn begann: bei der Musik seiner Gegenwart, die ihn von Kind an faszinierte. Mit zwölf Jahren lernte er Olivier Messiaen und dessen Werke kennen. Am Pariser Conservatoire studierte er bei Yvonne Loriod, Messiaens Frau und pianistischer Hauptinterpretin. Das große, kompendienhafte Werk, das Aimard für den Prolog zum Musikfest Berlin wählte, war lange ihre ausschließliche Domäne: der „Catalogue d’Oiseaux“, ein dreizehnteiliges Opus in sieben Bänden, Dauer: knapp unter drei Stunden. Messiaen löste damit ein, was Debussy einst gefordert hatte: dass sich die Künstler die Natur zur Lehrmeisterin nehmen sollten. Das musikalische Material besteht überwiegend aus transkribierten, durch eine spezifische Akkordik in den Klavierklang übersetzten Vogelstimmen. Sie heben sich von einem Hintergrund ab, der die Grundtönung der Stücke bestimmt wie das wechselnde Licht der unterschiedlichen Tageszeiten. Vorder- und Hintergrund, sind durch das verbunden, was der Komponist schon früher als seine „musikalische Sprache“ entwickelt und begründet hatte: ein eigenes System von Skalen, Rhythmus- und Klanggestalten. Die bearbeitete Natur bringt eine neue Gestik und neue Formansätze im Kleinen ein; dadurch weiten sich die Perspektiven des Klavierstils ähnlich, wie Liszt dies einst mit seinen „Études transcendentales“ gelang. Die Auszeichnung von 2017 – eine von zahlreichen, die Aimard verliehen wurden – galt einem Interpreten, der neues wie überliefertes Repertoire mit der Akribie eines Forschers erschließt und seine Person hinter das Werk stellt, das er vermitteln will. Erkennende Präzision und leidenschaftliche Gestaltung kommen bei ihm überein. In den beiden anderen Konzerten verlängert er die Perspektiven in Richtung Geschichte und aktuelle Gegenwart.

 

 

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve

 

Eine Grundfrage zieht sich durch alle Programme: Wie entsteht große Form, wie entsteht Zusammenhang in der Musik, wie spannt sie den weiten Bogen der Zeit? Wie verhalten sich Agieren und Hören im musikalischen Werk, seiner Interpretation und Rezeption? Messiaen, Beethoven, Schubert und Lachenmann geben grundverschiedene Antworten. Dennoch: Nicht nur Messiaen, auch Beethoven lässt in seiner „Hammerklaviersonate“ den Kosmos des Werkes aus dem Diskontinuierlichen, bisweilen Abrupten, aus Ruf und Abbruch entstehen. Einflüsse und Formen aus anderen Gattungen wandern in die Sonate ein, von der bei Messiaen die Diversität der Sätze und die Erwartung bleiben, dass sich am Ende der Eindruck eines Ganzen bilde.

In Schuberts G-Dur-Sonate, die er auch eine „Fantasie“ nannte, spielt das Ideal des (transformierten) Gesangs herein, den Helmut Lachenmann in „Got Lost“ als fragenden Partner zum Klavier holte. Zu Beginn scheint Schubert dem Verklingen von Motiven und Tönen nachhorchen zu wollen, das Lachenmann dann zum Gegenstand seiner „Musique concrète instrumentale“ machte. Es gehört zur hohen Kunst der Interpretation, solch untergründige Verbindungen jenseits des Stils in die Erkenntniszone neugierigen Hörens zu spielen; es gehört zum Mut des Interpreten, auf Konzentration und Offenheit eines Auditoriums zu vertrauen, das die Begegnung des Heterogenen als Quelle des ästhetischen Erlebnisses zu schätzen weiß.

 

 

Alexander Melnikov © Julien Mignot

 

 

Alexander Melnikov gehört zu den Sensiblen unter den Pianisten, ein Kammermusiker allein wie im Zusammenspiel mit anderen. Mit Pierre-Laurent Aimard teilt er die Grundeinstellung: forschende Genauigkeit als Basis interpretatorischer Freiheit. Die Auseinandersetzung mit der tradierten Klavierliteratur warf für ihn auch die Frage nach den Instrumenten auf, aus deren Klang sie erfunden wurde. Er stellte Programme zusammen, die er auf verschiedenen Flügeln spielt. Die Schärfung des Klangsinns, die sich damit zwangsläufig verbindet, wirkt sich auch auf das Spielen moderner Instrumente und auf die Suggestionskraft seiner Interpretationen aus. Sie ist das Thema seiner Matinee beim Musikfest Berlin. Er interpretiert Werke von Musiktheatralikern – zunächst eine Auswahl der Klavierstücke, die Gioacchino Rossini nach seiner Opernkarriere komponierte. Sie sind in einem narrativen musikalischen Freistil geschrieben und nehmen in ihrer Ungebundenheit einen Eric Satie, Charles Ives und Richard Strauss in einem vorweg. Mit seiner Klavierbearbeitung der musikalischen Szenen, die Hector Berlioz als „Symphonie fantastique“ bezeichnete, demonstrierte Franz Liszt die große Kunst der Suggestion, die aus dem Klavierklang heraushören lässt, was in seiner Physis nicht vorhanden ist. Er traf damit einen Wesenszug der Musik.

Der erste Klavierabend mit Olivier Messiaens „Catalogue d’Oiseaux“ mit Pierre-Laurent Aimard findet am 30. August in der Philharmonie statt. Im zweiten Konzert am 6. September spielt Aimard Werke von Ludwig van Beethoven und Helmut Lachenmann. Seinen letzten Auftritt hat er am 12. September zusammen mit der Sopranistin Yuko Kakuta mit Musik von Franz Schubert und Helmut Lachenmann. Alexander Melnikov tritt am 1. September in einer Matinee um 11 Uhr im Kammermusiksaal auf. Auf seinem Programm stehen Werke von Gioacchino Rossini und Hector Berlioz in der Bearbeitung von Franz Liszt.