Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. 

PRO: Flügel für meine Fantasie, von Zina Alicja Gerlinger

Das Hören von Geschichten hat immer einen Zauber. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Kind beim Vorlesen meinem Vater lauschte und in meinem Kopf all das Gehörte entstehen ließ. Ich genieße es heute sehr, wenn mir im Theater eine Geschichte durch das Spiel erzählt wird und diese sich in meinem Kopf zu etwas Großen, mit mir Verbundenem ausdehnt. Oft wird nicht genug Platz gelassen, oder der Platz wird gar nicht erst geschafft und es bildet sich, statt eines großen Gebildes der Geschichte, nur ein Wirrwarr aus Rezeption.

An Platz für Fantasie mangelt es in „Complete Works: Table Top Shakespeare“ von Forced Entertainment nicht. Nach den ersten Sekunden der Inszenierung von „The Merchant of Venice“ befand ich mich ganz in der Vielfalt meiner eigenen Vorstellungskraft. Die Erzählerin stellte eine halb volle Grappaflasche mit den Worten „This is Antonio“ auf einen einfachen Holztisch in der Mitte des Raums. Der Kaufmann von Venedig hatte die Bühne betreten. Immer weitere Gebrauchsgegenstände kamen hinzu. Sie bildeten ein Gerüst der Fantasie, und alles weitere lag bei den Zuschauern. So wurden, anders als bei dem puren Vorlesen einer Geschichte, die von mir im Kopf gebildeten Bilder und Konstrukte auf den kleinen leeren Spielzeugspiegel als Jude Shylock, die Rosenwasserflasche als Portia und viele weitere „Spieler“ projiziert. Die Wahl der Gegenstände suggerierte Eigenschaften der Figuren und leitete somit die Fantasie auf eine sensible Art und Weise. Somit wurde meine eigene Fantasie geerdet und hatte eine Verbindung zu dem Raum. Vor meinem inneren Auge sah ich Antonio als edel und erhaben. Ein Mensch, der mit seiner Ausstrahlung alle überragt, aber im Innern nicht erfüllt und glücklich ist. Dies erfuhr man aus den Worten der Erzählung erst gegen Ende des Stücks. Dargestellt aber wurde es von der ersten Sekunde an.

Forced Entertainment: „Complete Works: Table Top Shakespeare“ © Christopher Hewitt

Diese Inszenierung war eine ungewohnte Mischung aus Geschichtenerzählen und Theaterspiel. Denn das Projizieren der eigenen Fantasie auf Figuren im Raum kennt man so nur vom Schauspiel, allerdings ist hier der Rahmen meist viel stärker vorgegeben. Bei dieser Vorstellung jedoch gab es die Möglichkeit, die Figuren selbst zu entwickeln. Im Laufe der Erzählung schienen die herkömmlichen Gegenstände immer menschlicher zu werden. Dies wurde vor allem durch das einfühlsame und lebensnahe Erzählen ermöglicht. Auf dem Tisch standen anfangs nur kalte Gegenstände. In meinem Kopf aber begannen sie zu leben, wie damals die Figuren aus den Büchern meines Vaters zu leben begannen. So spürte ich tiefe Empathie, als der kleine leere Spielzeugspiegel fragte, warum ihn niemand wie einen Menschen behandelte.

Am Ende der Vorstellung schaute ich mir die Regale an, auf denen die „Ensembles“ für die weiteren Stücke standen und fühlte eine Art Ungeduld und Neugier, auch diese leben zu lassen.

CONTRA: Sprechen Sie Shakespeare?, von Antonia Schinschke

„Romeo und Julia“ kenne ich in- und auswendig. Ich hatte sie als Kinderhörbuch, habe sie im Ballett gesehen, ich war sogar mal selbst Julia. Umso gespannter war ich vor der Aufführung, und umso enttäuschter danach.

Der Raum ist viel zu aufgeheizt, die meisten Sitze haben keine Lehnen – schlechte Voraussetzungen, um das Publikum ruhig zu halten. Während der gesamten Vorstellung raschelt es im Saal: Zuschauer versuchen, ihre Wasserflaschen aufzubekommen, ihre Beine so in Position zu bringen, dass sie nicht aneinander kleben, sich mit Programmheften Luft zuzufächeln…

Die Erzählerin beginnt mit einem Lächeln ins Publikum. Dann fängt sie an zu sprechen: „Romeo and Juliet.“ Pause. „It starts in Verona…..“ Die roten Flaschen sind die Montagues, die grünen Flaschen die Capulets.Obwohl die Erzählerin eine wirklich tolle Stimme hat und ein wirklich klares und gut zu verstehendes Englisch spricht, geht Romeos und Julias tragisches Schicksal unter – durch das moderne Englisch verliert sich die Schönheit der eigentlichen Shakespearesprache, die düstere Stimmung, die unglaubliche Leidenschaft, das Leiden.

Forced Entertainment: „Complete Works: Table Top Shakespeare“ © Tim Etchells

Ihre Geschichte erscheint mir zu platt, zu oberflächlich, zu unnachvollziehbar – es ist eben ein Unterschied, ob ich auf der Bühne sehe, wie Julia sich den Dolch ins Herz rammt oder ob jemand ein grünes Glas auf einem Tisch langsam umkippt. Es ist ein Unterschied, ob ich sehe, wie Julia bezaubert „Romeo, oh Romeo“ sagt und den Mond anguckt oder ob jemand erzählt:„ Romeo hört, wie Julia sagt, dass sie ihn liebt“. Theater ist für mich etwas viel Visuelleres. Ich muss eine Figur leiden SEHEN, um mitfühlen zu können. So kam ich mir bei dieser Vorstellung eher wie auf einem Mittelaltermarkt vor, wo ein Erzähler in 45 Minuten mit wenigen Requisiten eine Geschichte erzählt. Theater war diese Vorstellung für mich persönlich nicht wirklich.

Im Rahmen von „Complete Works: Table Top Shakespeare“ zeigten Forced Entertainment bei Foreign Affairs 2015 36 Uraufführungen über die gesamte Festivaldauer.