Als vor zehn Jahren die jazzahead! gegründet wurde, war das durchaus ungewöhnlich: eine Messe in Bremen, ein globaler Marktplatz, Konferenzen, Messestände, Vorträge, show cases und dichtes Musikprogramm – und das im Jazz? Dieser vermeintlich eingeschworenen Gemeinschaft von Individualist*innen und Liebhaber*innen schräger Musik, die sich doch in verrauchten Kellerclubs nach selbstgewählten Codes bei Rotwein fachsimpelnd zu ihrer Musik verhalten und das Tageslicht scheuen? Tatsächlich aber steht die Gründung der jazzahead! im Jahr 2006 auch für ein neues Selbstverständnis der europäischen Jazzszene.

Connecting the globe © Alex Bodea

Zusammenschlüsse

Um dem Wildwuchs im Nachwuchsbereich und den Strukturdefiziten im Europa der Regionen Herr oder Frau zu werden, organisiert sich die Szene neu und schafft sich eigene Strukturen. Nicht zuletzt hat die Möglichkeit, flächendeckend in Europa Jazz studieren zu können, in den letzten zwei Jahrzehnten einen regelrechten Vernetzungsboom in Europa ausgelöst.

Woher rührt dieses relativ neue Kollektivbewusstein? Die Pianistin Julia Hülsmann sieht einen wesentlichen Grund in einer deutlich anders gearteten Jazzsozialisation: Das vielbeschworene Einzelkämpfertum der 1990er Jahre weiche heutzutage bereits in der Ausbildung der jungen Jazzmusiker*innen einem wachsenden Bewusstsein für Vernetzung und Vermarktung. Auch seien ihr im Laufe ihrer Karriere die direkten Auswirkungen politischer Entscheidungen auf ihre eigenen Arbeitsbedingungen immer bewusster geworden. Nikolaus Neuser, Vorsitzender der im Jahr 2012 gegründeten IG Jazz in Berlin, erkennt ebenfalls eine zunehmende Politisierung der Musiker*innen und Jazzakteur*innen. Die Gründung der Koalition der Freien Szene in Berlin ist ein weiteres sichtbares Indiz dieses Bewusstseins für die Notwendigkeit kollektiven Handelns, indem sie die Bedürfnisse der Akteur*innen aus verschiedenen Sektoren und Disziplinen in Berlin bündelt und in der Verteilungsdebatte um öffentliche Gelder als deren Sprachrohr fungiert.

So ist es nicht verwunderlich, dass in diesem Klima auch die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) nach vielen Jahren des Stillstands quasi aus Berliner Küchenrunden heraus reanimiert wurde: Bis 2012 zählte die schon fast in Vergessenheit geratene Interessenvertretung der in Deutschland lebenden Jazzmusiker*innen noch etwa 150 Mitglieder, inzwischen sind es immerhin 573. Dem jüngsten Aufruf der UDJ zur Beteiligung an der „Jazzstudie 2015“ zur Erfassung der Einkommensverhältnisse und Arbeitsrealitäten der Musiker* innen sind 2000 Teilnehmer*innen gefolgt. „Kollektive Zusammenschlüsse zur Verbesserung der eigenen Situation sind in der politischen Arbeit unverzichtbar,’’ so Jonas Pirzer, Geschäftsführer der UDJ.

Als positiver Indikator für ein Zusammenrücken innerhalb der Szene kann die Entwicklung des 1986 gegründeten europäischen Veranstalternetzwerks europe jazz network gesehen werden. Dieses vollzog in den letzten zehn Jahren einen veritablen Paradigmenwechsel und wandelte sich sukzessive von einem „geschlossenen Club Gleichgesinnter“ zu einer europäischen, offenen Dachorganisation, die zum Ziel hat, den kreativen Veranstaltungssektor eines erweiterten Europas in seiner Heterogenität und Vielfalt zu repräsentieren. So zählte das europe jazz network im Jahr 2005 noch 44 Mitglieder aus 16 Ländern, zehn Jahre später, im August 2015, sind es bereits 105 Mitglieder unterschiedlichster Couleur aus 31 Ländern.

Erfindertum

Der Kollektivgedanke steht auch bei zahlreichen Neugründungen im Veranstaltungsbereich seit der Jahrtausendwende verstärkt im Fokus. Europaweit kann man beobachten, dass sich in den Städten junge Musiker*innen unterschiedlicher stilistischer Ausrichtung in Kollektiven in der Größe von ca. 10 Personen zusammentun. Gegenseitige Unterstützung, die Notwendigkeit zur Selbstorganisation und Vermarktung und nicht zuletzt auch ideelle Werte wie selbstbestimmtes Handeln und Vertrauen sind hier die Hauptmotivation. Die Kollektive schaffen Freiräume und Sichtbarkeit und sind als Impulsgeber und Knotenpunkte innerhalb der Szene wichtig. Sie rufen ihre eigenen Festivals, Konzertreihen und Plattenlabels ins Leben und vernetzen sich europaweit untereinander. Prominente Vertreter der ersten Generation im deutschsprachigen Raum sind z.B. das 2009 gegründete Kölner KLAENG Kollektiv, die 2004 ins Leben gerufene Jazzwerkstatt Wien oder aber auch das Jazzkollektiv Berlin, gegründet 2007.

Eine wichtige Rolle als innovative Kraft und Vernetzungsplattform für Musiker*innen spielen in der Jazzwelt aber nach wie vor auch Großformationen im klassischen Sinne. Auch sie sind oftmals selbstorganisiert. Charismatische und visionäre Köpfe aus der Szene treiben sie an – das Kollektiv erschafft dabei einen ganz eigenen Klangkosmos. Aber wie hält man derartige Projekte in Ermangelung nachhaltiger Ensembleförderung im Jazzbereich in Deutschland am Leben? Als Beispiel können hier zwei Ensemblegiganten dienen, die sich auch dank des unermüdlichen Einsatzes ihrer Bandleader seit einigen Jahren behaupten können. So sorgt mit the dorf seit 2006 eine über 20-köpfige Formation aus dem Ruhrgebiet um den Bandleader Jan Klare für Furore, die nicht nur ihr eigenes Plattenlabel gegründet hat, sondern auch immer wieder neue Projekte ins Leben ruft wie zum Beispiel ihr Festival Dorffeste. In ähnlicher Weise agiert ebenfalls seit 2006 Daniel Glatzels Berliner Andromeda Mega Express Orchestra, das durch sein Festival Kosmotage sich und anderen Musiker*innen eine Präsentationsmöglichkeit schafft.

Als Antwort auf Strukturdefizite in Europa präsentieren meistens regionale oder nationale Organisationen die eigene jüngere Musikerszene in zahlreichen show-case-Festivals. Aus diesem Kontext ragt das 12points-Festival der improvised music company aus Dublin hervor, weil es in seiner Konzeption europäisch grenzüberschreitend ausgerichtet ist. Es präsentiert jährlich 12 junge Bands aus 12 Ländern und bringt eine Delegation internationaler Expert*innen über mehrere Tage mit diesen jungen Musiker*innen zusammen. Andere europäische Projekte sind mehrjährige multinationale Kooperationsnetzwerke, Zusammenschlüsse kleinerer lokaler oder regionaler Initiativen wie z.B. jazzplayseurope, umlaut oder aber das europäische traveling Festival-Format match & fuse aus London. Sie touren mit ihren innovativen Kollaborationen und Veranstaltungsformaten in ganz Europa und öffnen damit jungen Musiker*innen wie Veranstalter* innen gleichermaßen auch Türen nach Europa.

 

Frail equilibrium © Alex Bodea

Burnout

Die Relevanz der genannten Projekte ist nicht nur für die Szene, sondern auch kulturpolitisch betrachtet enorm, da sie unverzichtbare Basisarbeit leisten. Künstlerszenen sind nach wie vor zumeist lokal oder regional aufgestellt. Ihnen ein Gesicht zu geben und sie auch überregional und international zu vernetzen, ist vor allem für die Musiker*innen existentiell, denn sie müssen sich national wie international bewegen können. Trotz mehrjähriger erfolgreicher Tätigkeit sind diese neuen Initiativen allerdings mit wenigen Ausnahmen schwierigsten Produktionsbedingen ausgeliefert. Sie stoßen schnell an ihre Leistungsgrenzen, da sie als einzelne nicht nur Geld akquirieren, Produktionen konzipieren, managen und vermarkten müssen, sondern oft auch als Musiker*innen aktiv sind. Das jazzwerkruhr, die Berliner Festivals XJAZZ oder A L’ARME sind weitere Beispiele für den Gründergeist einer jüngeren Generation. Sie stoßen mit ihren Formaten in eine Lücke vor, aber auch sie haben keine realistische Aussicht auf mehrjährige, adäquate öffentliche Förderung und somit auf Verankerung in der Öffentlichkeit und Professionalisierung.

Diese prekären Rahmenbedingungen der heutigen Zeit machen einen der größten Unterschiede zu den 70er und 80er Jahren aus, die als besonders produktive Gründerjahre in die Jazzgeschichte eingingen. Zahlreiche Gründungen international renommierter Festivals und Clubs stießen damals auf fruchtbaren Boden und konnten sich auch dank zuverlässiger, kontinuierlicher öffentlicher Förderung zu namhaften Institutionen ihrer Branche weiterentwickeln. Die neoliberale Wende auch in der Kulturpolitik, die Förderung von Kultur nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten, hat zu einer rückläufigen Entwicklung in der dauerhaften Förderung geführt. Das bekommen die Freien Szenen besonders hart zu spüren, da zuverlässige Strukturförderungen zunehmend durch befristete Projektförderungen ersetzt wurden und werden. Umso essentieller ist die Solidarität und der Dialog auf Augenhöhe zwischen den etablierten, großen Flaggschiffen der Szene und den innovativen neuen Kräften, sowie die Anerkennung ihrer Bedeutung für eine erfolgreiche Vernetzung und Weiterentwicklung der gesamten Szene in Europa.

Women fighting the kingdom © Alex Bodea

… & dann noch die Sache mit den Frauen

Jazzmusik war/ist Männermusik, so eine weitverbreitete These. „Nicht nur waren die meisten der stilbildenden Musiker männlichen Geschlechts, auch seine Ästhetik und sein soziales Umfeld waren männlich besetzt‘‘ – so die einleitenden Worte zur Konferenz „Gender and Identity in Jazz“ des Jazzinstituts Darmstadt. Die Frage allerdings ist, ob dieses Bild tatsächlich nur der Erinnerung an eine vergangene und überwundene Zeit entspringt? Der Frauenanteil unter Musiker*innen, Journalist*innen, Produzent* innen und Veranstalter*innen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Aus Studien geht sogar hervor, dass insgesamt weit mehr Frauen als Männer im europäischen Kulturbereich beschäftigt sind. Schlüsselpositionen hingegen sind nach wie vor überwiegend oder ausschließlich männlich besetzt; seien es Redakteursstellen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder in den Printmedien, leitende Positionen bei namhaften Festivals, Clubs oder Plattenlabels. Gleiches gilt für den akademischen Bereich. Mit Ausnahme des Faches Gesang sind es fast ausschließlich Männer, die Professuren und Dozenturen im Instrumentalbereich in den Jazzabteilungen der deutschen Musikhochschulen innehaben. Sie sind es auch, die als Lehrer, Gestalter, Reporter, Festivalmacher, Musiker und Entscheider die öffentliche Wahrnehmung des Jazz und die Jazzwelt im Jahr 2015 prägen. Da reiht sich der professionelle Jazzbereich in den breiten Kanon der Kulturlandschaft ein. Auch wenn es ein verstärktes Bewusstsein für die Gender-Balance-Problematik geben mag, folgen den Worten immer noch nur sehr schleppend oder gar nicht Taten. Dieser Umstand wirkt sich wiederum sehr deutlich auf die Programme der Jazz-Festivals und -Clubs aus. Eine Quotenregelung würde sicherlich auch den Musikerinnen den Weg auf die kleinen und großen Bühnen Europas flächendeckend erleichtern, meint auch Lisa Löfgren von Jazz Svensk in Stockholm.

Es geht aber auch anders: Nachdem die Anzahl der Vorstandsmitglieder erhöht und die Rotationsmodalitäten seiner Vorstandsmitglieder beim europe jazz network überarbeitet wurden, stieg auch der Frauenanteil im Vorstand von noch 10% in 2005 auf 40% seit 2012. Bei der UDJ verhält es sich ähnlich: bis 2012 verzeichnete sie fünf Frauen in ihren Reihen, drei Jahre später sind es bei 571 Mitgliedern immerhin 99. Konsequenterweise spiegelt sich das auch hier in der Zusammensetzung des Vorstandes wider, der um vier auf sieben Sitze erweitert wurde und nach Julia Hülsmann und Angelika Niescier im Jahr 2012 nun mit Alexandra Lehmler und Silke Eberhard erstmalig in der Geschichte der UDJ auch weiblich besetzt ist. Frauen tauchen mittlerweile endlich auch in Musikerkollektiven auf, wie die jüngste Kollektivgeneration mit dem KIM Kollektiv in Berlin, Jazzkollektiv Leipzig oder Impakt in Köln zeigt. Den Stand der aktuellen Debatte brachte der Kulturjournalist Steffen Greiner unlängst am Tresen im Diskogarten auf den Punkt:

„Eine Frau mag zwar die Regierungsgeschicke dieses Landes leiten, aber Saxofon spielt hier immer noch der Mann.“

Zurück zur jazzahead!

Im Kontext dieser eben skizzierten Entwicklung und Situation erscheint sie als Branchentreff und Begegnungsplattform für Jazzakteure aus aller Welt wichtig, so kontrovers sie auch immer wieder innerhalb der Szenen diskutiert wird. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels, in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen sind Begegnungen, das Schmieden von internationalen Allianzen, der Austausch und das Zusammenrücken elementar. Platzhirschverhalten und Einzelgängertum weichen auch in der Jazzszene zunehmend einem Kollektivbewusstsein, einem offenen und kreativen Miteinander. Nichtsdestotrotz wird die Schere im Kulturbereich zwischen den hoch professionell aufgestellten Institutionen und dem Prekariat der Freien Szenen immer größer. An dieser Stelle ist die Politik gefordert, auch den Macher*innen, den Kreativkräften, Künstler*innen und Kurator*innen der Jazzszene die notwendigen Rahmenbedingungen zu bieten, um ihre Kunst, ihre Strukturen und Projekte wachsen zu lassen. Schließlich sind es diese vielen kleinen Initiativen, die diametral zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen einen Raum für internationalen Austausch, Kreativität und Begegnung schaffen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Zukunft Europas mitgestalten.

And last but not least:

Wenn nun sogar schon Teenager*innen mit einem Shitstorm auf devote Flirttipps eines sehr bekannten Jugendmagazins reagieren, dann wird diese nachwachsende Frauengeneration vermutlich auch eines Tages die männlichen Bastionen der Kultur- und Musiklandschaft stürmen. Und dann ist – frei nach Laurie Penny – die Zeit der Trostpreise für Frauen wirklich vorbei.

Women blocked in elevator © Alex Bodea

Der Artikel wurde erstmals veröffentlicht in einer Beilage zur taz. Die Tageszeitung am 17. Oktober 2015. Die komplette Beilage finden Sie auch auf unserer Website.

Das Jazzfest Berlin 2015 findet vom 5. bis 8. November statt.