Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Veranstaltungen und schreiben darüber.

„Liquid Room“, Ictus © HuPe Kollektiv, Basche/Hufner

Raum ist ein großes Wort, es kann vom Klassenraum zum Wohnzimmer reichen, vom Raum Deutschland bis zum Weltraum. Ausgemacht durch die Gegenstände, Situationen, Menschen, die wir mit diesem Raum assoziieren. Und dann gibt es die Zeit, die manchmal, wie im Klassenraum, so endlos erscheint und nur quälend fortschreitet. Am Strand hingegen, in der wärmenden Sonne, verstreicht sie wie im Fluge. Objektiv entspricht eine Stunde immer 60 Minuten. 60 Minuten bleiben, wir können uns drehen und wenden wie wir wollen, immer 3600 Sekunden. Aber unser Zeitempfinden, das Gefühl, ob wir 10 oder 20 Minuten erlebt haben, ändert sich. Mag es durch die Bedingungen sein, durch die Menschen, denen wir begegnen oder die Situationen, die Resultate, die wir mitnehmen. So warten die meisten unserer Generation in der Schule oder im Hörsaal mit dem Druck, alle Aufgaben am Tage selbst noch zu erledigen, auf die erlösende Pausenklingeln. In den Ferien relaxend und mit dem Wunsch, dass die Zeit nicht vergehen möge, scheint alles besonders schnell vorbei zu sein, und schwupps, findet man sich wieder in den Reihen des Hörsaals oder der Schule wieder. Eigentlich wäre es andersherum ja schöner, dann wären die Ferien, die freie Zeit gefühlt endlos.

Aber dann würde sich etwas Wesentliches ändern. Wir wären nicht entspannt, denn gerade, weil wir nicht auf das Ende warten und jede Sekunde in vollen Zügen genießen, verlieren wir das Gefühl für Zeit. Und ist es nicht das, was wir wollen, wenn wir den Raum wechseln? Vom Klassenraum in den Raum Italien, einen Tapetenwechsel, mit dem unser Zeitgefühl verändert wird? Zumindest in der Entspannungszeit nach Klausuren ist das sicherlich ratsam, aber ich denke, wir brauchen beides – sonst hätten wir ja das Gefühl, unser Leben verstreiche in wenigen Sekunden.

Vielleicht müssen es aber gar nicht immer so große Distanzen sein, manchmal reicht vielleicht ein kleiner Raumwechsel direkt vor der Haustür. „Liquid Room“ – der verflüssigte Raum, ein neues Konzertformat im Rahmen der MaerzMusik, lädt dazu ein. Hier ist es möglich, das Zeitgefühl zu verlieren, denn auch in diesem Raum sind wir, wie in den Ferien, frei. Zuhörer können sich in diesem Konzert frei zwischen mehreren Bühnen bewegen, raus und rein gehen, sitzen und stehen bleiben. Hier entsteht kein Zeitdruck, keine Anforderungen werden gestellt, keine Abläufe berücksichtigt. Genau das, wonach wir uns in den Ferien so sehr sehnen und was uns die Zeit vergessen lässt.

Dieser Text ist auch im Tagesspiegel vom 25. März 2015 erschienen. Weitere Beiträge des JungeReporter-Teams bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen finden Sie im Tagesspiegel – und weiterhin hier im Berliner Festspiele Blog.