Tatort: Philharmonie © Berliner Festspiele

Letzte Woche wurde ich Zeugin. Ich habe immer noch Angst. Vor der Stille danach. Ich erinnere mich noch genau an den Abend: Dienstag, der 15. September. Ich hatte Konzertkarten für das Swedish Radio Symphony Orchestra in der Philharmonie. Als die Musiker auf die Bühne kamen, wusste ich noch nicht genau, was mich erwartete. Klar, „Earth Dances“ von Sir Harrison Birtwistle. Aber tut mir leid, Birtwistle, bisher unbekannt. Ich hatte ja nicht geahnt, wie gefährlich das werden könnte, so ein Abend in der Philharmonie. Hatte keine Vorstellung von der Anspannung, die mich bald ergreifen würde.

Der Klang schwillt an, schwillt ab. Schwillt nie wirklich ab. Es ist nie vorbei. Die Spannung bleibt unterschwellig, aber stetig. Also eher ein Psycho-Thriller als ein actionreicher Krimi. Nur wer ist der Täter? Und wo? Woher rührt das Dröhnen, Pfeifen, Sirren und Klopfen, das an meinen Nerven kratzt? Ich lasse das Orchester nicht aus den Augen. Fokussiere jeden einzelnen. Die Streicher, sehr verdächtig. Nein, die Holzbläser. Viel verdächtiger. Nein, noch dahinter. Das Schlagwerk. Bestimmt das Schlagwerk. Oder doch die Harfe? Ach, die hängen doch alle mit drin!

Hängen alle mit drin: das Swedish Radio Symphony Orchestra © Kai Bienert

Vom Dirigenten Daniel Harding geht keine Gefahr aus. Auch wenn er kämpft. Er wehrt sich. Droht. Wetzt die Klinge, sticht zu, dreht das Messer in der Wunde. Näht den Schnitt mit feinen Stichen. Manchmal streichelt er auch. Die Momente der Besänftigungsversuche.

Dann kommt der Punkt, an dem meine Konzentrationsspanne überspannt ist. Meine Fokus-Funktion funktioniert nicht mehr. Ich denke an ein Zitat Birtwistles, das ich dem Programm entnommen habe:

„Auf Hochglanz polierte Oberflächen sind gefährlich. Man kann darin nur sein eigenes Spiegelbild erkennen. Ich habe versucht, in dem, was ich mache, mir eine Art von Rauheit zu erhalten. Wäre ich Bildhauer, würde ich noch die Spuren des Meißels erkennen wollen.“

Während ich das glänzend spiegelnde Holz vor meiner Sitzreihe betrachte, beobachte ich die anderen Konzertbesucher und schiebe Paranoia. Bis mich der Krimi von der Bühne wieder einholt. Kein Schuss, kein einziger. Und trotzdem habe ich die Druckwelle in den Ohren, das Dröhnen des Donnerblechs bis in die Fingerspitzen und dieses Hämmern hinter den Schläfen. Die „Earth Dances“ klingen aus. Klingen nach. Nach dem letzten akustisch hörbaren Ton streiken meine Ohren, warten auf die Lösung. Ich halte die Luft an. Immer noch.

Harrison Birtwistles „Earth Dances“ wurden am 15. September 2015 vom Swedish Radio Symphony Orchestra im Rahmen des Musikfest Berlin aufgeführt.