Unmittelbarkeit und digitale Hochtechnologie – ist das nicht ein eklatanter Widerspruch? Intuitiv würde man vermutlich sofort zustimmen – schließlich funktionieren unsere inzwischen so vertrauten digitalen Gefährten immer noch über Schnittstellen wie Tastaturen und Bildschirme, die sie von uns physisch und kognitiv trennen. Doch bei näherem Hinsehen sind wir schon länger Zeugen eines fundamentalen kulturellen Wandels: Tatsächlich rücken uns die digitalen Technologien immer näher – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Schritt für Schritt lassen wir die Technologien an unseren Körper und in unsere alltägliche Lebenswelt – nicht als externe Geräte, die wir an- und abschalten können, sondern als Teile unserer „natürlichen“ Wohnumgebung, noch mehr: als Teile unseres Körpers. So können wir inzwischen mittels Biosensoren unsere somatischen Funktionen messen und uns von einer Software sagen lassen, dass wir heute zu viel Schokolade gegessen und zu wenig Schritte gegangen sind – wir konstituieren damit unseren eigenen Überwachungsapparat, der sich direkt am Körper befindet. Smart-Home-Technologien sorgen gleichzeitig dafür, dass wir uns in unserem Zuhause maximal komfortabel fühlen können, wenn das Licht sich nach unserer Stimmung richtet und der Kühlschrank sich eigenständig um das Nachfüllen der Lebensmittel kümmert.

Indem sie also mit unserem alltäglichen Umfeld verschmelzen, suggerieren derartige Technologien eine „natürliche“ Beziehung zu ihren Nutzern, den Menschen. Diese Unmittelbarkeit weist bestimmte Strukturen auf: So bewarb beispielsweise Samsung sein Galaxy-S3-Handy 2012 mit dem Slogan „Kommunikation auf die natürlichste Art“ und bezog sich damit auf den Modus der taktilen Steuerung mittels Touchscreen. In dem Werbespot sind tatsächlich kaum elektronische Geräte zu sehen, sondern viel mehr Kommunikationssituationen, die über Gestik funktionieren. Die Gleichsetzung von Gestik mit taktiler Gerätesteuerung suggeriert dabei eine Unmittelbarkeit der Kommunikation mittels Smartphone, die der face-to-face-Situation gleichgesetzt ist. Aktuelle Forschungsrichtungen der Informatik gehen über diese physische Interpretation von Unmittelbarkeit noch weiter hinaus: „affective computing“ oder „intimate computing“ sind Richtungen, die ein neues, ebenfalls an der zwischenmenschlichen Beziehung orientiertes Verhältnis zwischen Mensch und Maschine anstreben: Die Geräte sollen die Affekte ihres Gegenübers erkennen und interpretieren lernen, um empathisch darauf reagieren zu können oder sich ganz an den Menschen herantasten, um mit ihm körperlich und/oder geistig zu verschmelzen. Darüber hinaus können wir auf Technologien zurückgreifen, die uns ein immersives Erleben von Bildwelten versprechen – sei es durch das ultimative Heimkinosystem oder durch den nicht mehr ganz so neuen Trend des 3-D-Kinos, das verspricht, den Zuschauer in das Geschehen hineinzuziehen, ihn miterleben zu lassen.

Sensorisches Erleben – affektive/empathische Kommunikation – direkter Körperkontakt – atmosphärische Invasion: All diese Tendenzen neuer Technologien scheinen davon beseelt, dem Menschen eine neue/alte Unmittelbarkeitsbeziehung zu seiner Umwelt vorzugaukeln. Doch was heißt das für uns? Ist es nicht eine Entlastung für unseren Alltag, wenn wir uns nicht mehr mit der Bedienung und Widerständigkeit technischer Geräte herumschlagen müssen? Warum sollten wir diesen Unmittelbarkeitstendenzen kritisch begegnen, quasi mit einer „Schule der Distanz“?
Ein Blick in die Geschichte könnte hier erhellend sein: Denn da zeigt sich, dass Unmittelbarkeit zu einem ganz grundsätzlichen Topos von Kulturwandelmodellen gehört. Von dem Zeitpunkt an, an dem die erste abstrahierende techné, die Schrift, kulturelle Bedeutung erlangte, erhoben sich immer wieder die Stimmen, die einen Verlust der Unmittelbarkeit (der zwischenmenschlichen Beziehungen, des Verhältnisses zur Natur, der Beziehung zu transzendenten Mächten etc.) beklagten und als kulturellen Verfall brandmarkten – dies gilt für Platons berühmte Schriftkritik genauso wie für Richard Wagners Klage über den Verlust der unmittelbaren Kommunikation durch den Buchdruck. Doch solange man die Entfremdung diagnostizieren kann, ist auch eine Kritik des Technischen möglich, ebenso wie deren Verteidiger entsprechend in die Bresche springen können. Was passiert jedoch, wenn kulturelle (R)Evolutionen nicht mehr beobachtbar sind, weil wir uns ihrer nicht mehr bewusst werden können? Sollen wir uns mit leiser Wehmut von den Errungenschaften der Aufklärung verabschieden, die eine „Schule der Distanz“ überhaupt erst möglich gemacht haben, gleichzeitig aber auch eine Dominanz der ratio und der trennenden Analyse etabliert haben? Sollen wir uns statt dessen mit Lust am affektiv gesteuerten distanzlosen Erleben den neuen Möglichkeiten anheim geben, die unser Selbstverständnis vom Menschsein vielleicht grundsätzlich verändern? Sichere Antworten gibt es darauf keine – und so versucht der Vortrag, anhand aktueller und historischer Beispiele des Nachdenkens über und des Gestaltens von Unmittelbarkeit Denkräume für die Einordnung der derzeitigen Entwicklungen zu schaffen.

Der Vortrag wurde am 20. November 2016 in der „Schule der Distanz No. 1“ im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ der Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau gehalten.