Dieser Artikel ist in der englischen Originalfassung im Magazin zum Jazzfest Berlin 2018 nachzulesen, das am 1.–4. November im Haus der Berliner Festspiele und an anderen Orten stattfindet.

The original English-language version of this article was published in the magazine of Jazzfest Berlin 2018, which will take place at Haus der Berliner Festspiele and other venues from 1–4 November.

Julien Desprez © Sylvain Gripoix

In den letzten 100 Jahren haben Jazzmusiker*innen mit ihren Innovationen den Kolleg*innen aus anderen Musikbereichen immer wieder Wege aufgezeigt, das konventionelle Vokabular ihrer Instrumente zu erweitern. Neue Spielweisen beispielsweise für Trompete, Saxofon und Kontrabass wurden nach und nach auch in Musikrichtungen jenseits des Jazz aufgegriffen. Im Falle der Gitarre war dagegen ein Einfluss von außerhalb der Jazzszene nötig, um Jazzmusiker*innen von der eher starren musikalischen Sprache zu befreien, die das Instrument bislang eingeschränkt hatte.

Der Gitarrist, der diese radikalen und weitreichenden Veränderungen ins Rollen brachte, war Jimi Hendrix. Als er im Jahr 1966 nach seiner Ankunft aus New York in London Furore machte, schien er zunächst nichts mit dem Jazz zu tun zu haben. Sein Spiel wirkte sich vielmehr unmittelbar auf seine Zeitgenoss*innen in der Rock’n’Roll-Szene aus, gleich zu Beginn vor allem auf Eric Clapton. Als aber Jazzmusiker*innen begannen, sich die Rhythmen und Strukturen des Rock anzueignen, wurde klar, dass die Hendrix’schen Verzerrungen und andere elektronische Effekte einen Weg für sie darstellten, sich von einer Entwicklungsfolge zu befreien, die von Lonnie Johnson in den 1920ern über Charlie Christian in den 1940ern bis zu Wes Montgomery in den 1960er-Jahren reichte.

Hendrix kam vom Blues, wo Gitarristen wie Robert Johnson, Muddy Waters und B.B. King mit ihrem Instrument schon immer die menschliche Stimme widerhallen und nachahmen ließen. Hendrix‘ ausdrucksstarker Einsatz von elektronischen Effekten führte diesen Prozess weiter. Er „vokalisierte“ das Instrument in gewissem Sinne, so wie Bubber Miley und Charles Mingus im Jazz den Klang der Trompete und des Kontrabasses verstimmlicht hatten. Eine neue Generation von Jazzgitarrist*innen von Sonny Sharrock und John McLaughlin bis hin zu Pat Metheney und Marc Ribot machte sich die neuen Wege zu eigen, die Hendrix‘ kühne Vorstellungskraft ihnen eröffnet hatten. Zum ersten Mal übernahm die Gitarre die Führung bei der Entwicklung des Jazz: Heute scheint es überall auf der Welt Gitarrist*innen zu geben, die diese neuen Möglichkeiten auf ganz eigene Art für sich nutzen.

Vier herausragende Vertreter*innen dieser Gruppe sind beim Jazzfest Berlin 2018 zu hören: Mary Halvorson und Bill Frisell aus den Vereinigten Staaten, Kim Myhr aus Norwegen und Julien Desprez aus Frankreich. Jede*r von ihnen bietet eine ganz neue Perspektive auf ein Instrument, dessen Wurzeln weit in die hetitischen und babylonischen Zivilisationen von vor 3000 Jahren zurückverfolgt werden können.

Mary Halvorson © Ssirus Pakzad

In den letzten vier bis fünf Jahren hat kein*e Gitarrist*in größeres Aufsehen erregt als Mary Halvorson, Artist in Residence des diesjährigen Festivals: Sie beweist, dass es auch heute, 50 Jahre nach Hendrix, noch möglich ist, als Gitarrist*in eine unverwechselbare Stimme zu entwickeln. Vor 38 Jahren in Brookline, Massachusetts, geboren, wuchs sie mit Rockmusik auf, bis sie schließlich den Jazz für sich entdeckte. Sie studierte an der Wesleyan University in Connecticut, wo Anthony Braxton ihr musikalischer Mentor wurde. „Anthony war immer unglaublich offen, wenn es um Musik ging“, sagte sie in einem Interview der Zeitschrift The Wire. „Und er hat mich immer ermutigt. Er besuchte die Konzerte meiner Band und sagte uns, was ihm gefallen hat. Aber er hat mir nie vorgeschrieben, was ich tun soll.“ Sie erzählte dem Magazin Down Beat dass der Gitarrist Joe Morris, auch einer ihrer Lehrer, sie ebenfalls darin bestärkte, ihren eigenen musikalischen Ansatz zu finden: „Mach Fehler, riskier etwas“, riet er ihr.

Ein Umzug nach New York führte zu gemeinsamen Projekten mit vielen jüngeren Hauptakteur*innen der Szene. Sie ist Mitglied von Ingrid Laubrocks Anti-House, Marc Ribots Young Philadelphians, dem Quartett des Hornisten Taylor Ho Bynmum und (gemeinsam mit dem Bassisten Michael Formanek und dem Schlagzeuger Tomas Fujiwara) dem kooperativen Trio Thumbscrew und führt darüberhinaus eigene Ensembles an, darunter ein Trio mit dem Bassisten John Hébert und dem Schlagzeuger Ches Smitz und unter anderem ein Oktett mit dem Trompeter Jonathan Finlayson und der Pedal Steel-Gitarristin Susan Alcorn.

Es ist fast unmöglich, die Einleitung zu einer Version von Oliver Nelsons „Cascades“ auf „Meltframes“, Halvorsons erstaunlichem Sologitarre-Album, zu hören, ohne an Hendrix‘ „Purple Haze“ erinnert zu werden – und daran zeigt sich, wie sehr sich die Künstlerin ein breites Spektrum an Einflüssen aus Rock und Jazz einverleibt hat. Kantige Lärmsalven wechseln sich mit Passagen großer Subtilität in einem Repertoire ab, das sowohl eigene Stücke von präzisem Geschmacksgefühl und großer Erfindungsgabe enthält als auch Kompositionen von Ornette Coleman, Wayne Shorter, Duke Ellington und Roscoe Mitchell. Ihr Spiel zeichnet sich durch ein täuschend dezentriertes melodisches Gefühl aus, das durch die Verwendung eines Delay-Pedals auf die Höhe getrieben wird und eine einzigartige Wirkung erzeugt: Sie integriert unvermittelte Sinkflüge oder Todesstürze in ihre Improvisationslinie, wie eine gemurmelte Nebenbemerkung oder den flüchtigen Schatten eines Zweifels.

Halvorson befindet sich gerade in einem Stadium des Musiker*innenlebens, das auch Bill Frisell durchlebt hat: Der Moment, in dem die Auszeichnungen durch Jazzkritiker*innen zur Anerkennung durch das Publikum werden. Ihr Duett-Album „The Maid with the Flaxen Hair“ ist dem verstorbenen Gitarristen Johnny Smith gewidmet, der beide sehr inspiriert hat, und unterstreicht ihre Gemeinsamkeiten. Der 67 Jahre alte Frisell studierte am Berklee College of Music. In seiner Karriere arbeitete er nicht nur mit Jazzgrößen wie Elvin Jones, Ron Carter und Paul Bley zusammen, sondern auch mit Musiker*innen wie Lou Reed, Dr John, Charles Lloyd, Sting, Marianne Faithfull, Lucinda Williams und vielen anderen. Er lässt sich von unterschiedlichsten Quellen inspirieren und so finden sich in seiner umfangreichen Discographie Alben unter seinem eigenen Namen, auf denen er sich mit dem Künstler Gerhard Richter, dem Fotografen Mike Disfarmer und dem Stummfilmkomiker Buster Keaton auseinandersetzt.

Bill Frisell © Monika Frisell

„Ich bin aus vielen verschiedenen Gründen Fan seiner Musik“, sagt Sänger Paul Simon in Emma Franz‘ wunderbarem Dokumentarfilm „Bill Frisell: A Portrait“ (2017). „Da sind vor allem sein Gespür für den Ton und die Art, wie er Farben miteinander mischt. Er kombiniert unterschiedliche Formen – Weltmusik und eine ganz eigene Art von Amerikana – und er ist natürlich ein großartiger, moderner Jazzinterpret.“  Produzent Hal Willner, mit dem Frisell an Alben mit der Musik von Charles Mingus, Thelonius Monk, Nino Rota und Kurt Weill zusammengearbeitet hat, drückt es schlicht so aus: „Er lässt alles besser klingen.“

Kim Myhr kommt aus einer ganz anderen Richtung: aus dem Konservatorium von Trondheim, wo schon so viele talentierte junge Musiker*innen darin bestärkt wurden, die Freiheiten und Techniken des Jazz als Werkzeuge zur Gestaltung ihrer eigenen Musik zu nutzen. Myhr kombiniert sein nordisches Empfinden mit einer ganz persönlichen Annäherung an den Minimalismus, bisher sehr wirksam in seiner Arbeit mit dem Schlagzeuger Ingar Zach und dem Saxofonisten Jim Denley im Trio Mural zu hören, dessen Aufnahmen in der berühmten Rothko-Kapelle im texanischen Houston 2011 als Album veröffentlicht wurden. Zach ist auch auf Myhrs jüngstem Album „You | me“ zu hören und komplettiert ein Quartett, dem außerdem der Gitarrist und zwei Perkussionisten angehören: Tony Buck (The Necks) und Hans Hulbækmo. Ihr ausgiebiger Gebrauch von Überlagerung und Overdubbing erzeugt ein klangliches Gewebe aus schimmernden, moiré-gleichen Texturen.

Julien Desprez reiste vor zwei Jahren als Mitglied des White Desert Orchestra von Pianistin und Komponistin Eve Risser nach Berlin und hinterließ hier bleibenden Eindruck. Er ist in zart-impressionistischen Klängen ebenso versiert wie in harten Rock-Sounds und war so ein wichtiger Protagonist beim Auftritt dieses Pariser Ensembles, einem Höhepunkt des Jazzfest Berlin 2016. Als eines seiner eigenen Projekte stellt Acapulco Redux eine erstaunliche Mischung aus Post-Jazz- und Post-Rock-Improvisation sowie Licht, Video und Choreografie dar.

Wie im Falle von Halvorson, Frisell und Myhr wurde auch Desprez‘ persönliches Gitarrenvokabular durch den Mann freigesetzt, dessen eigene professionelle Karriere nur sieben Jahre dauerte. Hendrix wurde nur 27 Jahre alt und sein Tod im Jahr 1970 bedeutete, dass er sein Vorhaben, ein Album mit dem großen Jazzarrangeur Gil Evans aufzunehmen, nicht mehr umgesetzt werden konnte. Ein tragischer Verlust – aber die beglückende Musik dieser vier Gitarist*innen demonstriert, dass Hendrix‘ Bedeutung für die Art und Weise, wie Jazzmusiker*innen das Potential dieses Instruments betrachten, auch fast ein halbes Jahrhundert später nichts von ihrer Kraft und Resonanz verloren hat.

Beim Jazzfest Berlin ist Mary Halvorson zu hören mit Thumbscrew beim Grand Opening am 1. November um 19:45 Uhr, am 3. November um 21:00 Uhr im A-Trane, wo sie zusammen mit Taiko Saito, Liz Allbee und Chris Dahlgren auftritt. Am letzten Tag des Festivals, dem 4. November wird sie Richard Williams um 18:00 Uhr in einem Gespräch Rede und Antwort stehen. Julien Desprez ist ebenfalls, zusammen mit Rob Mazurek, beim Grand Opening am 1. November dabei. Das letzte Konzert des Festivals, am 4. November um 19:00 Uhr bestreiten Kim Myhr mit seiner Band, Mary Halvorson mit ihrem Oktett und Bill Frisell.