Jan Lauwers © Eveline Vanassche

Herr Lauwers, im nächsten Jahr feiern Sie das 30. Jubiläum von Needcompany. Für „The Time Between Two Mistakes” haben Sie sich mit Ihrem Archiv beschäftigt. Was haben Sie gefunden?

In den vergangenen 30 Jahren hat Needcompany Bilder, Musik und Texte geschaffen und jetzt fragen wir: Was passiert, wenn wir dieses Material auf andere Weise mit einem anderen Publikum als dem von vor 20 Jahren konfrontieren? Wir überdenken, wer wir als Künstler sind. Im Theater gibt es kein historisches Archiv. Als Maler kann man Rubens und Velázquez studieren, aber wir wissen nicht wirklich, wie das Theater Shakespeares aussah. Das macht das Theater so faszinierend. Wir erleben eine Zeit des Neudenkens, der Rekonstruktion. Im 20. Jahrhundert ging es um Dekonstruktion. Duchamp wirkte wie eine Atombombe in der Welt der Kunst. Die Fotografie war für die Malerei des 19. Jahrhunderts gefährlich, aber die heutige Realität der sozialen Medien hat einen noch viel größeren Einfluss auf die Kunst.

Warum machen Sie heute noch Theater?

Ich mache Theater, weil ich mit Menschen arbeiten will. Daher kommt auch der Name unserer Company: I need company. Wir machen Projekte, die auf Autonomie basieren. Kunst ohne Autonomie ist Unterhaltung. Wenn sich die Kunst auf eine soziale Diskussion einlässt, zur Dokumentation wird, der Kommentar eines Kommentars über einen Kommentar, dann drängt man die Kunst in eine sehr enge Ecke. Ich glaube, ein Journalist, eine Krankenschwester oder ein Terrorist haben mehr Macht als ein Künstler. Die Kunst muss hinterfragen, muss ihre Autonomie verteidigen. Und das Theater selbst ist immer ein Kampf gegen die Reproduktion, eine Suche nach der Realität auf der Bühne, Geografie auf der Bühne, der Menschlichkeit der Darsteller. Ich mache heute Theater, weil wir uns in Zeiten, wo jeder ein Youtube-Video machen kann, fragen müssen: Wie kann die Kunst überleben? Eines der Medien, die ganz bestimmt überleben können, ist das Theater. Denn wenn jeder auf dem Bildschirm zu sehen ist, dann wird es zu etwas Besonderem, jemanden live zu erleben. Das hat mit Menschlichkeit zu tun. Eine andere Menschlichkeit als auf diesem kleinen Display. Das Theater ist ein hoffnungsvolles Medium. Deshalb liebe ich das Theater immer mehr. Noch viel mehr als vor 25 Jahren.

Damals nahmen Sie das Theater nicht besonders ernst.

Ich fand es ganz schön pervers. Weil es sich bei allen anderen Medien bedient – ein bisschen bildende Kunst, ein bisschen Musik. Denkt einmal darüber nach: Woher kommt das Theater? Es ist eine Zusammenarbeit zwischen Menschen, es ist Handwerk. Man macht es mit den Händen, den Füßen und dem Kopf.

Needcompany: „The Time Between Two Mistakes“ © Wolfgang Silveri

Ist das Theater heute wichtiger als vor 25 Jahren?

Ja. Und das spürt man: Die Theater sind immer voll.

In Deutschland ist es schwierig, das junge Publikum zu gewinnen. Die jungen Leute gehen lieber ins Kino.

Ich habe das Theater in Deutschland und in Belgien als sehr unterschiedlich erfahren. In den 80ern haben wir alles dekonstruiert. Wir sagten: Wir gehen nicht ans große Schauspielhaus, wir machen etwas anderes. Und das Kultusministerium hat das akzeptiert. Wir haben alle in den 80ern angefangen zu arbeiten, und keiner von uns wollte in die offiziellen Institutionen. Das hat das Subventionssystem verändert. Wir haben uns geweigert, Repertoiretheater zu machen und immer wieder die gleichen Fragen zu stellen. Und jetzt sind wir doch in den großen Theatern, sind doch im Zentrum angelangt und jetzt gibt es wieder eine neue Generation, die sich verweigert. In den 80ern gab es eine stille Revolution in Flandern. Die Leute begannen, von der flämischen Welle zu reden. Ich glaube, das war damals eine sehr entschiedene, talentierte Generation mit großem Ehrgeiz. Ich war politisch sehr engagiert und wollte internationales Theater machen, aber wie sollte das gehen? Es gab keine Übersetzungsgeräte, nichts dergleichen. Also haben wir in vier Sprachen gespielt. Heutzutage ist das normal, aber wir haben damit angefangen. Wir haben eine Art historisches Statement gegeben. Davor war das Theater tot. Heute spielen wir zwar in den großen Häusern, wir können aber auch in den Underground gehen – die Mentalität bleibt dieselbe. De Keersmaeker tanzt heute ein Solo vor zwanzig Leuten in einem kleinen Dorf außerhalb Brüssels und am nächsten Tag steigt sie ins Flugzeug nach Japan und spielt dort vor 2000 Menschen. Es spielt keine Rolle. In Deutschland wollen sie alle zum großen Ding gehören – aber das große Ding könnte innen hohl sein. Für die großen Institutionen braucht man einen Zugangscode und wenn man drin ist, muss man ihre Regeln befolgen.

Wie politisch ist Ihr Theater heute?

Das ist schwer zu sagen, das ist eine semantische Diskussion. Ich mache zu diesem Thema nur ungern eine Aussage, weil ich finde, die Autonomie der Kunst ist die politische Aussage.

Man braucht auf der Bühne die Politik nicht zu erwähnen, um politisches Theater zu machen – meinen Sie das?

Ja. Aber man muss die Notwendigkeit in sich finden, überhaupt auf die Bühne zu gehen und etwas zu sagen. Sonst wird das Theater zum Kommentar oder zur Abbildung des Lebens. Und damit zur reinen Unterhaltung.

Finden Sie das arrogant?

Ein großer Teil des Theaters ist pure Abbildung. Wenn ich sage, dass es verboten ist, im Theater über den Alltag zu sprechen, dann ist das auch ein politisches Statement. Heute sagen die Leute: „Künstler, eure dialektische Beziehung zur Gesellschaft nervt! Lasst uns ins Zentrum rücken!” Das finde ich auch. Aber ich bestimme, wo das Zentrum ist. Als ich die letzte documenta in Kassel besucht habe, gab es dort nichts als Dokumentationen, keinerlei autonome Bilder mehr. Es gab ein paar tolle Arbeiten, aber dann kam auch bald wieder ein Video über einen Flüchtling. Wenn man so etwas im Fernsehen zeigt, kann man die Leute erreichen, aber sobald man so ein Statement in einer Galerie oder einem Theater macht, interessiert es niemanden mehr. Also müssen wir neu nachdenken, wir müssen den Leuten Gründe bieten, eine Galerie zu besuchen, wir dürfen sie nicht in ihrem Denken bestätigen. Wir müssen für die Kunst generell neue Inhalte finden. Der Kunstmarkt hat vieles zerstört in der Kunst. Es geht nur noch um Investitionen. Auch aus diesem Grund mache ich Theater: Man kann es nicht verkaufen, man muss es machen. Da liegt die Freiheit – und das ist auch ein politisches Statement.

Needcompany: „The Time Between Two Mistakes“ © Wolfgang Silveri

Sie haben vorhin gesagt, dass das Theater immer ein Kampf gegen die Reproduktion ist. Wie bekämpfen Sie sie?

Es gibt da ein paar Regeln: Lernt euren Text nicht auswendig; wenn ihr wisst, was ihr sagt, dann könnt ihr ihn schon auswendig. Verlangsamt den Denkprozess. Wenn ihr diesen Prozess verlangsamt, beginnt damit die Produktion. Um dies zu provozieren, machen wir „Needlabs“: Ich gebe den Leuten ihre Texte und fünf Tage später gehen wir damit auf die Bühne. Man kann nichts reproduzieren, weil man noch nichts produziert hat. Sobald man mit dem Publikum konfrontiert ist, denkt man gemeinsam mit dem Publikum. Wenn man das von Anfang an tut, schärft man den Geist; man ist auf alles, was passiert, aufmerksam. Dann kann man ein Stück wie unser „Isabella’s Room“ auch 250 Mal spielen, ohne dass es langweilig wird. Die Darsteller, die ich aussuche, verstehen dieses Problem. Sie verstehen die Sehnsucht, frei zu denken.

Reden Sie jetzt von Improvisation?

Auch das ist eine semantische Diskussion – was bedeutet Improvisation? Sie können einem Schauspieler einen ganzen Abend zuhören und denken, alles sei improvisiert – dabei ist alles verabredet. Sie können das, was Free Jazz-Musiker tun, Improvisation nennen. Aber wenn Sie Improvisation nur als Improvisation meinen, dann: nein, das führt zu nichts. Sie müssen in einer Improvisation eine Diktatur haben. Die Diktatur besteht in der Vereinbarung, die man mit den Schauspielern darüber eingeht, was angestrebt wird. Wenn dieses Zentrum fehlt, dann ist Improvisation extrem langweilig. Wenn Sie eine Vorstellung der Needcompany sehen und denken, dass alles total improvisiert ist, dann ist es eine sehr gute Vorstellung. Aber alles steht geschrieben, nicht ein einziges Wort wird improvisiert.

Ist Ihr Text zu Probenbeginn fertig?

Ja. Ich kann ohne Konzept nicht anfangen. Also habe ich entweder den Text als Konzept aufgeschrieben, oder ich habe ein Konzept von Bildern im Kopf.

Warum entwickeln Sie den Text nicht mit dem Ensemble?

Man kann nicht zu fünft schreiben; man kann auch nicht zu fünft ein Bild malen. Kunst bedeutet immer: alleine zu arbeiten. Es gibt keine Kollektivität.

Aber Sie brauchen doch die Gesellschaft – you need company!

Ich brauche die Gesellschaft für die Arbeit auf der Bühne – aber es gibt nur einen Autor. Es gibt eine Autorität. Es gibt Künstler, die zusammenarbeiten, wie zum Beispiel Gilbert & George, aber das ist sehr selten. Der Autor kann ein Maler sein, aber er oder sie ist die Autorität. Selbst in der gemeinsamen Arbeit mit Grace Ellen Barkey an „The Time Between Two Mistakes“ ist es sehr schwer, sich darüber zu einigen, ob etwas blau oder rot sein soll. Es ist ein einsamer Job. Aber sobald ich die Arbeit mit den Darstellern anfange, vergesse ich das alles für eine Weile. Das Ensemble legt los und es ist toll, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie alle meine Ideen zerstören. Das können sie nur, weil es ein Grundvertrauen gibt. Die Needcompany-Performer sind allesamt unabhängige Köpfe. Am Ende fügt sich dann alles wieder zusammen.

Was motiviert Sie nach 30 Bühnenjahren noch?

Eigentlich fragen Sie doch: Warum gehen Sie nicht endlich in Rente, Jan? (lacht) Ich frage mich jeden Tag: Sollte ich aufhören? Jeden Tag muss es eine Notwendigkeit geben. Wenn eine Gruppe wie Needcompany seit 30 Jahren existiert, dann ist das eine lange Zeit. Wir haben noch immer eine gute Verbindung zu den jungen Leuten. Das eigene Wissen, das Handwerk weiterzugeben, das Theater gegen die sozialen Medien zu behaupten – das wird immer spannender! Wenn ich ein Regisseur ohne Gruppe wäre, könnte ich auf der ganzen Welt arbeiten – aber dann gäbe es Needcompany nicht mehr. Was ist mir also wichtiger? Mir ist die Diversität der Needcompany wichtiger, und ich bin sehr froh, dass wir immer noch nicht als „richtiges“ Theater akzeptiert werden. Viele Kritiker schreiben noch heute, dass wir ein Haufen Amateure sind. Ein totales Kompliment.

Mit „The Time Between Two Mistakes“ am 25. Juni 2015 eröffnet die Needcompany das Internationale Performing Arts Festival der Berliner Festspiele, Foreign Affairs 2015.