„Knight of Cups“ © Dogwood Pictures, Foto: Melissa Sue Gordon

„Knight of Cups“ © Dogwood Pictures, Foto: Melissa Sue Gordon

Terrence Malick, „Knight of Cups“. „All die Jahre lebte ich das Leben eines Mannes, den ich nicht mal kannte.“ – Das ist ein Kick-Start-Satz, eine unglaubliche Eröffnung. Was großartig ist an diesem für mich eher furchtbaren Film: die alte Malick-Technologie des Erzählens. Egal wie man die Bilder und letztlich auch die Gesamthaltung des Filmes, die Position, aus der heraus das Geschehen sich entfaltet, empfindet – es ist in der Welt des Kinos vielleicht einzigartige Art des Erzählers, die als „Technologie“ auch hier sehr, sehr fasziniert. Ihr Wesen würde ich beschreiben als Staunen und Schweifen. Aus den flüchtig eingesammelten Gesprächsfetzen und beiläufig erlauschten oder erblickten Details aus dem Leben der Figuren, die der Film als ruhelosen Eindrucksstrudel in sich hinein zieht, setzt sich doch so etwas zusammen wie eine Narration, ein Stream des multisensorisch eingesogenen Lebens. Die Grundbewegung des Filmes ist sein in Bewegung sein, sein mit dem Wind gehen, wie Gott über allem und in allem Wirken als das Auge, das uns sieht und also bezeugt und also sein lässt. Malick spielt ernsthaft Gott. Und steckt mich über weite Teile des Films an mit seinem Staunen über die Schöpfung – die Kamera bewegt sich wie eine heilige Drohne und so entsteht ein einzigartiger Flow der Bilder, ein Fliegen und Segeln dieses sich rastlosen Umschauens in der Welt, wie es Malick sich zur Aufgabe machte. Es geht auch in diesem jüngsten Film wieder um die dünne rote Linie im Leben, den schmalen Grat, auf dem sich das Unfassbare zum Schicksal schließt, die zerfallende, unbegreifliche Moderne Welt Anschluss findet an ein Sein, dass es auch ohne uns gibt, als die große Erhabenheit der Natur. So treibt es also Faust-Malick umher, was er, der mit seinem Befund aber scheinbar fertig war, bevor er die Augen aufschlug, nun sieht, sind schöne Menschen, schöne Häuser, schöne Landschaften, das Kalifornien der Models, Villen, Luxusautos, entgeistert begeistert gesehen, zu  Edvard Grieg wie teuer bezahlte Werbung für einen großen Irrtum ins Bild gesetzt, und dazu dann noch geflüsterte Gedanken, im unvermeidlich  prätentiösen Leiseton der letzten Wahrheit gesprochen. Was tun? Der Held des Films ist ein Mitgerissener, der zweifelt. Wir kosten als Zuschauer von seinen Drogen. Das ist die Werbefilmseite des Werkes. Malick erinnert an Dostojewski, dessen Protest gegen den westlichen Nihilismus, bei seiner gleichzeitig glasklaren Analyse, wie sie auch aus einem Satz wie diesem spricht: „Trinken ist übel, aber Gefühle sind übler.“ Raskolnikow könnte dies sagen. Fazit: „Knight of Cups“ ist ein Westküstenfilm mit kalifornischer Sonne, der zu einer Haltung der Melancholie und Selbstversunkenheit ausgerechnet im Moment der kraftvollen Erfahrung von Welt führt, die in NY so nicht zu erzählen wäre. Das wunderbare Pendant zu „Knight of Cups“ ist „Shame“ von Steve McQueen, ein Ostküstenfilm zum identischen Thema, der den Helden in eine andere Position und Verzweiflung bringt. Die Probleme im Malicks Film sind übrigens alle bürgerlich: Beruf, Sex, Ehe, Familie, quälende Erinnerungen und eine zu weite Landschaft. McQueen dringt da in eruptivere Erfahrungsbereiche vor. Malicks Verbrauch an Bildern, Beziehungen und Tönen ist eigentlich Ausdruck einer Krankheit, von der dieser Film eigentlich eine Heilung sein möchte. Man könnte als Besucher in „Knight of Cups“ übrigens ganz sicher die Augen schließen – alles wäre, aufgrund des exzellenten Sounddesign der Unterwassertöne und der heran gewehten Fetzen des Lebenslärms immer plastisch und lebensecht da, aber wenn man die Augen aufmacht, ist alles weg, geschluckt von der Ästhetik der Werbung und des Konsums. Fazit: Die Besessenheit des Regisseurs, im Schweifen und Staunen eine Welt nicht nachzuerzählen, sondern en passant aus flüchtigen Fragmenten zu fügen, erzeugt eine seltene und tolle Art des Erzählens im Kino, immer noch. Aber er ist kein Pilger mehr, sondern wurde ein Priester.