Thomas Oberender und Marcel Ophüls © Berliner Festspiele

11.2. – „The Memory of Justice“

Eine andere Art der Geschichtsbetrachtung: Katja Nicodemus sagt in ihrer klugen Laudatio auf Marcel Ophüls bei der Verleihung der Berlinale-Kamera, er wäre lieber Spielfilmregisseur wie sein Vater Max oder wie John Huston geworden, mit dem Effekt, dass aus Ophüls’ Dokumentarfilmen über die Verbrechen des Dritten Reiches, des Vietnam- oder Algerienkriegs keine Belehrung oder Pädagogik spricht, sondern die Formensprache des Entertainment. Vergangenheit wird in seinen Recherchefilmen wie ein Spielfilm erzählt, wie eine Komödie, d.h. „die Vergangenheit wird nicht wie eine kranke Alte behandelt, sondern wie wilde Kinder, die Porzellan der Gewissheiten zerdeppern.“ Das Gebrochene, die Ruhestörung – es sich im Schlamassel nicht zu gemütlich machen, das ist die bewusste Arbeitshaltung von Ophüls. Und der Preisträger selbst fragt sich / uns in seiner Dankesansprache: „Wann klopft das Schicksal an, berufen zu sein, einen Film über Gerechtigkeit zu machen, oder über den Mangel an Gerechtigkeit? Nein, da ist niemand.“ Niemand klopft an. Das Besondere seiner Dankesrede – sie argumentiert ihrerseits wieder wie ein Roman, eine Erzählung und beschreibt, wie der Künstler durch viele, viele Zufälle, Irrtümer und Nebensächlichkeiten zur Arbeit an diesem Film kam, also das Leben selbst ihm in vielen sich fügenden Umständen diesen Auftrag erteilte, was also zu einem Vertrag mit der BBC über einen Film führte, der dezidiert Überlänge haben sollte, und 40 Jahre als nahezu unsichtbar bzw. verschollen galt. Nachzuhören ist diese frei gehaltene Rede hier.
„Man hat ja eine gewisse Verantwortung für die Zeit, in der man gelebt hat.“ – Dieser Satz, gefallen in der Familienbefragung des Ophüls-Filmes von einer Nazizeitüberlebenden, beschäftigt mich. Ist das so? Was bedeutet das für uns Hineingeborene? Bin „ich“ verantwortlich für die Abschiebung von Asylanten, die deutschen Waffen in Saudi-Arabien, das verweigerte Asyl für Snowden?
Vor dem Filmbeginn äußerte Volker Schlöndorff bei einem Flurgespräch die These: Politiker zwingen öffentlich-rechtliches Fernsehen zur Quote, weil sie am liebsten natürlich dahin gehen, wo am meisten Resonanz bei den Wählern zu erzielen ist.