Darf Film so gewalttätig sein? Merlin Rose – Schauspieler in „Als wir träumten“ von Andreas Dresen – wird mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Es ist der erste Leipzigfilm im Sinne von großem Kino, den ich gesehen habe. Der Film zeigt eine Jugendclique und eine Kette unerträglicher Niederlagen in jedem ihrer Lebensläufe. Wobei diese paar Jahre Jugend, von denen dieser Film handelt, synchron gehen mit einer Phase historischer Offenheit, dem sozialen Straucheln einer Generation von Kindern und Eltern, die beim Übergang in die neue Welt patzen, die nicht nur ein positiver Möglichkeitsraum ist, sondern eben auch ein Abgrund, ein grenzenloses Niemandsland zwischen den Systemen, dessen Leere mit Drogen, Selbstzerstörung, Träumen und Kämpfen ausgefüllt wird, allem, was ganz nebenbei Wahrheiten produziert in Form von Schmerz und Ekstase. Der Film „Als wir träumten“ hat mich gleich nach dem Schlussapplaus das Weite vom Berlinaletrubel suchen lassen – das ist ja manchmal so, dass große Filme (oder Romane) einen für eine Weile asozial machen. Man sucht das Weite wie ein krankes Tier. Ich habe die Figuren alle gemocht und finde ihre Niederlagen so unerträglich und bis ins Unerträglichste auserzählt, wie es halt manchmal so nur in der Wirklichkeit ist. Wenn sie einem zusetzt. Die Härte des Lebens, mit der Andreas Dresen es in jedem seiner Filmen aufnimmt, beeindruckt mich in seiner Arbeit seit vielen Jahren. Aber auch seine ungeheure Menschenfreundlichkeit. Dass der Junge seine Mutter spontan umarmt, bevor er in den Knast klettert… Diese Kinder und Teenager sind zerbrechliche, kämpferische, freie und doch geschlagene Menschen. Mir ist lange nichts mehr so nahe gegangen wie die Selbstzerstörung dieser Kids, die Schönheit der Gesichter, die Freude im Rausch, der Osten Deutschlands als Klang, Geruch, in tausend Gesten – all das hat als Kampf ungeheure Kraft und ist ganz nebenbei eine filmische Archäologie, zu der schon rein biologisch nur noch wenige Menschen in der Lage sind. Dresen hat mit diesem Film aus der  Momentaufnahme einer inzwischen entschwundenen Zeit etwas sehr Starkes ans Licht geholt: in der konkreten Sozialerfahrung der vielleicht letzten Generation Ost hat er auf den Spuren von Marcel Beyer ein Drama herausdestilliert, das über diese Zeit hinaus beschreibt, welche Übergangsriten und Schmerzen den Vorgang der Adoleszenz, des Erwachsenwerdens im Sinne des sich zur eigenen Größe Auswachsens eines jungen Menschen mit sich bringen, seine inneren Tropenstürme mit extremen Gefühlsschauern und Hochdruckerfahrungen, immer zwischen Einsamkeit und Kumpelnähe, Verrat und Hingabe, aber plötzlich eben völlig allein mit all dem. Der letzte Satz des Films ist die Frage des Taxifahrers an den jugendlichen Helden: „Wo soll es hingehen?“ Tosender Applaus. Und diese unwahrscheinliche Freundlichkeit von Andreas Dresen am Mikrofon auf der Bühne: „Danke auch an die vielen LIEBEN Menschen vom Film, die jetzt nicht auf der Bühne stehen, sondern im Saal sitzen – es sind so viele LIEBE Menschen hier.“ Dresen – sympathisch, bleich, strahlend. Boyhood Ost. Ein Film wie ein Tritt in den Bauch, und wenn der Schmerz nachlässt, bleibt mehr Leben übrig.