In einer Zeit der systematischen Selbstdokumentation von Gegenwart durch Handy-Kameras oder anders formuliert: in einer Gegenwart der potentiellen Totalüberwachung behaupten die choreografischen Interaktionen von Tino Sehgal einen Raum von existentieller Freiheit. Es sind Rendezvous, die, wenn sie nicht persönlich wahrgenommen werden, für immer verloren sind. Es sind Liebeserklärungen an das soziale Leben von Menschen.

Wie kein anderer Künstler steht Tino Sehgal für den Transfer eines choreografischen und tänzerischen Wissens in die Bildende Kunst. Seine Architekturen der Interaktion, in denen er ein choreografisches Material mit einer Gruppe von Performern auf die Besucher von Ausstellungsräumen überträgt, sind in der Konzeptkunst oder der Minimal Art verankert. Es sind künstlerische Objekte genauso wie Skulpturen, Installationen oder Fotografien. Sie sind während der vollen Öffnungszeiten von Museen oder Galerien zugänglich, verstehen sich nicht als zeitlich befristete performative Interventionen. Und doch existieren sie in einem materiellen Sinne nicht außerhalb der sozialen Interaktionen mit den Besuchern. Gleichsam finden sie ihre Existenz erst in dem geistigen und körperlichen Austausch. Die entscheidende Differenz liegt in ihrer Immaterialität.

Dieses Verständnis von Werk und ästhetischem Objekt schöpft aus einer tänzerischen und choreografischen Praxis, die Tino Sehgal durch seine Tanzausbildung und durch seine Erfahrungen in den Kompagnien von Jérôme Bel, Xavier Le Roy oder auch den Ballets C de la B gemacht hat. Dabei durchdringen sich tänzerische Wirklichkeit, das heißt unmittelbare körperliche und mentale Ausdrucksform, und choreografische Form, das ästhetisch festgeschriebene Werk. Diesen strukturellen Werkbegriff löst Tino Sehgal von der Aufführungspraxis in der Black Box und überträgt ihn in den White Cube der Museen und Galerien. In dieser neuen Situation werden die Besucher im Dialog mit dem choreografischen Material der Performer zur „Sozialen Plastik“. Die Besucher sind existentieller Teil des Werks, das sich der Dokumentation, der „Objektivierung“ systematisch entzieht. Es geht um die Konstruktion und um die radikale Erfahrung von Gegenwart, jene Möglichkeit, die Verflechtung eines jeden Subjekts in die sozialen Konstruktionen von Zeit und Raum aufzudecken und wirksam zu machen. Das ist choreografisches Denken, übertragen auf die Konzeption eines Kunstraumes, in dem jeder, aber auch jeder Besucher oder Betrachter mit seinem Körper existentiell zum Teil einer Inszenierung wird: die choreografische Praxis als Möglichkeit, das Wunder der eigenen Erfahrung von Existenz in Bewegung im White Cube zu etablieren. Tino Sehgal hat in seinen großen Liveinstallationen, unter anderem auf der documenta oder in der Tate Modern, die körperliche Praxis durch die Choreografie einer sozialen Plastik ins Zentrum der westlichen Kunst gerückt.

In diese konzeptuellen Architekturen der Interaktion bindet Tino Sehgal die Wirklichkeiten von Ökonomie, gesellschaftlicher Entwicklung, neuen Narrativen oder kritischer Theorie ein. Themen wie Fortschritt, Soziale Marktwirtschaft oder die Spekulation im virtuellen Finanzkapitalismus werden entweder konkret aufgegriffen oder auf einer konzeptuellen Ebene reflektiert. Wenn mit den immateriellen Werken von Tino Sehgal spekuliert wird durch An- und Verkauf, spiegelt sich in der künstlerischen Praxis exemplarisch die Wirklichkeit virtueller Finanzspekulation.

Die spielerischen interaktiven Kommunikations- und Erkenntnisräume, die Tino Sehgal mit seinen Werken erschafft, basieren auf dem hartnäckigen Insistieren eines Werkbegriffs jenseits von Performancekunst, dokumentarischen Theaterformen oder Installationsarbeiten. Sie behaupten die Partizipation am klassischen Kunstbegriff, um in den vorhandenen Strukturen die Möglichkeiten kritischer Reflektion zu etablieren. Sie nisten sich ein in einen historisch etablierten Materialismus der Kunst, um in der körperlichen und geistigen Teilhabe das Ephemere zu behaupten. Sie schaffen Raum für eine Aufklärung, die den eigenen Körper zum Ausgangspunkt der künstlerischen und sozialen Erfahrung macht. Insofern ist das Werk von Tino Sehgal die vielleicht konsequenteste Antwort auf die Frage nach einer kritischen Kunst der Gegenwart.

 

In Berlin werden Tino Sehgals Arbeiten präsentiert in einer Werkschau in zwei Häusern, bestehend aus einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die das Erdgeschoss des Ausstellungshauses vom 28.6. – 8.8.2015 mit einer Inszenierung bestehend aus fünf Werken bespielt, und der Arbeit „This Progress“, die während Foreign Affairs im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird.
Dieser Artikels erschien erstmals in der Foreign-Affairs-Programmbeilage in taz. die tageszeitung.

Vorschaubild: Tino Sehgal © Johnny Green