Diese Musik will erlebt sein. „Tutuguri“ ereignet sich als Ritual, das seine Zuhörer in Bann schlägt und den Raum allein durch die Dynamik seiner Klangbewegungen und Rhythmen zur imaginären Szene macht – ohne visuelle Mittel. Die Entstehung der Musik überschreitet das Orchesterpodium: Vier Tamtams sind im Auditorium postiert, Stimmen und Gesänge werden gleichsam aus der Höhe eingeblendet. Wolfgang Rihms Komposition spielt sich vor Augen und Ohren ab, dringt aber auch wie aus der Ferne ein und rückt bisweilen attackierend nahe. „Tutuguri“ ist Körper-Klang-Kunst, sie wurde auf die sinnliche Erfahrung hin komponiert.

Rihm entwarf das zweistündige Werk als „Poème dansé“; als Tanztheater wurde es im November 1982 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt. Seitdem erlebte die „Tutuguri“-Musik konzertante Aufführungen u.a. in München, Salzburg, Paris und London und überwältigte ihre Auditorien allein aus ihrer immanenten Kraft. Sie wurde entsprechend der Intention des Komponisten gleichsam als hochdynamische „Klangplastik“ in den Raum hinein „gebaut“, den sie zugleich ins Imaginäre weitet. Diese Partitur verschlingt Widersprüchliches: Gewalt und feine Ziselierung, Andeutung und Ekstase, Innen und Außen. Denn einerseits umschließt die Musik ihre Hörer, andererseits „reflektieren“ insbesondere Schlagzeug dominierte Phasen „den Rhythmus des menschlichen Körpers – Herzschlag, Atem, Bewegung“ („The Guardian“).

Wandrelief aus Mitla Oaxaca, Mexiko © Wikimedia Commons

Titel und Idee gehen auf ein Gedicht des französischen Theaterdenkers Antonin Artaud zurück. Mit expressiv-apokalyptischer Sprache beschwor er ein Ritual, an dem er 1936 bei einer Mexiko-Reise teilnahm. In der Sierra Madre besuchte er die Tarahumaras, die trotz äußerer Unterwerfung unter die katholische Staatskirche ihre alten Rituale weiter pflegen. Ihre Religiosität folgt der Überzeugung, dass die schroffen Gegensätze im Leben Geschwister seien: Hell und Dunkel, Licht und Finsternis, Mann und Frau, Weiß und Schwarz, Gott und Teufel. Ihre Vereinigung erzeuge die Glut, die rot ist wie Blut. Das Ritual der Schwarzen Sonne feiern die Tarahumaras an einem Tag im Jahr, an dem die Strahlen des Lichtgestirns sieben bestimmte Stationen passieren und sich schließlich auf eine tiefschwarze, feuchte Stelle in einer Felsspalte senken – der Vorgang erscheint ihnen als kosmischer Akt in göttlich gedehnter Zeit: In ihrer Sicht bleibt das Universum nicht beim keuschen „Kuss der ganzen Welt“. Die Schamanen, die das Ritual leiten, trinken vom halluzinatorischen Saft des Peyotl-Kaktus und führen, so inspiriert, die anderen in Erlebnisregionen, die ihr Bewusstsein sonst nicht streift. Artaud fühlte in diesem Ritual den Kern seines Theaterverständnisses getroffen, das ebenfalls den Bewusstseinswandel will, das Erfahrung und Kommunikation auf vielen Ebenen, auch vorsprachlich zur Wirkung bringt. Ihn interessierten Urformen der menschlichen Verständigung und des In-der-Welt-Seins.

Artauds „Tutuguri“-Gedicht gab Wolfgang Rihm den Kern, um den sich seine Musik wie um einen Magneten anlagerte. Auch wenn er den einzelnen Teilen Titel gab, die auf bestimmte Textstellen verweisen, so ist doch stets das Poem als ganzes virtuell gegenwärtig und wirksam. Es wird am Anfang der Aufführung rezitiert. Aus ihm wächst die Musik hervor. Der labyrinthische Prozess, der so entsteht, schafft seine eigene Zeit, die magische Zeit des Rituals; er schafft eigene Bewegungsgesetze, in denen Extreme zu musikalisch-dynamischen Geschwistern werden: Sog und Eruption, volle Kraft und kleinste Geste, grelle Farbe und dunkler Grund, Explosion und fernes Echo. In „Tutuguri“ wirkt „der Wunsch nach totaler Freiheit, keine Gesetzmäßigkeit außer der Eigengesetzlichkeit der Musik. Diese aber wird immer schärfer, gespannter, unduldsamer und sprengfähiger: weil Musik das peinlich genaue Notat kennt“, so Wolfgang Rihm, oder in Artauds Worten: „Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden.“

Diese tobende Ordnung zelebriert beim Musikfest Berlin das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Daniel Hardings Leitung. Es zählt zu den Besten in Europa, „Tutuguri“ hat es in seiner Geschichte bereits zwei Mal aufgeführt. Daniel Harding aber brennt darauf, die Energien des Rituals zu entfesseln, das schließlich in ein großes Raumkonzert des Schlagwerks mündet.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eröffnet mit der Aufführung von Wolfgang Rihms „Tutuguri“ am 3. September 2016 um 19:00 das Musikfest Berlin 2016.