Heute ist die große Eröffnung von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen mit „Liquid Room“. Das Ensemble Ictus aus Brüssel hat die Idee des „flüssigen Raumes“ vor mehreren Jahren entwickelt und präsentiert dieses Format nun zum ersten Mal in Berlin. Gestern durften wir schon kurz in die Proben hineinhören und haben dabei mit dem Gitarristen Tom Pauwels über die Idee hinter dem Konzept gesprochen.

Was versteht man unter einem flüssigen Raum?

Dass man einfach rein und raus kann, dass man nicht gefangen ist, dass man stehen und zuhören kann, wo man will. Das ist ziemlich wichtig. Man kann ganz nah ran und ganz weit weg, je nachdem, was besser ist. Auch die Musik fließt manchmal ineinander über. Die meiste Zeit gibt es eine Kontrastwirkung, Stücke folgen schnell aufeinander ohne Applaus. Manchmal überlagern sich Stücke auch, wo wir finden, dass es Sinn macht. So wird der Raum vielschichtiger. Andere Stücke spielen wir auf zwei Bühnen. Auch das macht den Raum flüssiger.

Es gibt auch Lichtinstallationen im „Liquid Room“. Was für eine Rolle spielt das Licht und was soll es mit den Zuhörern machen?

Wir arbeiten mit dem Lichtdesigner Caspar Langhoff zusammen, denn jedes Stück soll eine bestimmte Atmosphäre bekommen. Kontrast spielt eine Rolle, wir wollen Leute da hinziehen. Wie man Musiker beleuchtet spielt auch eine Rolle, wie man ein Stück sieht. Wir nutzen Licht auch, damit das Publikum tut, was wir wollen – zum Beispiel am Anfang versuchen wir, das ganze Publikum im Saal zu verteilen. Wir haben auch weiter hinten im Raum ein Lichtpult, damit sich die Leute im dunklen Raum bewegen. Das macht den Raum flüssiger. Es gibt auch zwei Lichtpräsentationen mit Bildern, also der Zusammenhang von dem, was man hört und dem, was man sieht.

Das Thema bei diesem Festival ist Zeit. Soll „Liquid Room“ das Zeitempfinden verändern?

Wir spielen mit extremen Rhythmen. Einerseits viele Ideen, die schnell aufeinander folgen und wo man trotzdem versucht, den roten Faden zu finden. Wo das Gehör also aktiviert wird. Und andererseits Musik mit längerem Atem, in der nicht viele Ideen vor dem Auge erscheinen. Es geht vor allem darum, Abstand zu nehmen und sich auf den Klang einzulassen. Trance. Dieser Aspekt, dass man mal vergisst: Sind wir jetzt 10 Minuten oder 15 Minuten hier? Dass der Zuhörer auch mal ausschaltet, dieser Moment, das Hier und Jetzt zu verlieren. Dann kommt man in eine andere Zeitdimension. Damit spielen wir. Da gibt es das Streichquartett von Jürg Frey, das wir direkt nach dem lauten Stück von Bruce McClure spielen. Eine halbe Stunde ganz leise Musik, wo die Musiker auch anfangen zu summen, fast wie ein Chor, der eine Kathedrale fühlt. Traumhaftes Stück. Man nennt das manchmal „circular time“ in der Musik. Bei Beethoven wird die Idee ganz klar weitergeführt, die Zeit ist klar bemessen – und dann gibt es aber Musik, die in sich rumkreist und eine andere Erfahrung bietet.

Also soll man das Zeitgefühl verlieren?

Ja, genau. Damit man sich auf den Klang einstellt und Zeit zum Zuhören hat, was mit dem Klang passiert. Der Zuhörer soll in die Tiefe hören und sich nicht ständig fragen, wo es jetzt hingeht, was das nächste Ereignis ist.

Und klappt das auch bei den Zuhörern?

Das ist schwierig vorauszusehen. Man kann Situationen konstruieren und hoffen, dass sich das Publikum darauf einlässt. Das ist die Herausforderung. Wir schlagen einen langen Abend vor, aber die Leute können frei rein und rausgehen, wenn es nicht klappt: kein Problem. Ein bisschen Abstand suchen. Mal rausgehen, einen neuen, frischen Blick finden. Die Erfahrung ist aber, dass die Leute meistens nicht rausgehen. Sie bleiben, weil sie nicht im Stuhl gefangen sind. Meistens herrscht eine unglaubliche Konzentration, weil der Zuhörer frei ist und auch entscheiden kann, wo er hingeht. Sie bleiben, komischerweise!

Seit wann arbeiten Sie an „Liquid Room“?

Wir sind seit 2008/09 mit diesem Konzertformat beschäftigt. Wir machen es nicht oft, weil es sehr schwer und kompliziert ist. Es gibt viele Sachen, die man im Auge behalten muss. Wir wollen, dass dort Musiker stehen, die sehr bewusst dastehen und nicht brav abspielen. Sie sollen als Performer agieren, denen man gerne zuschaut. Hier ist es das erste Mal, dass wir ein ganzes Ensemble einladen, zehn Musiker vom ensemble mosaik aus Berlin. Es hat lange gedauert, das Ensemble kennenzulernen: Was spielen sie, was sind ihre Qualitäten, was haben sie in ihrem Repertoire, das an uns anschließen kann? Es ist also eine lange Vorstudie. Man muss sich auch viel vorstellen können – proben können wir das nicht, das ist zu teuer. Ich habe das hundertmal geträumt: Wie ist die Energie des Stückes, was ist mit den Musikern, die können nicht fliegen. Auch technisch ist das eine unglaubliche Herausforderung. Die Techniker müssen alles im Dunkeln machen, und man hat nur eine Chance. Ich tue mir das nur einmal pro Jahr an. Aber es bringt sehr viel, auch viele neue Freundschaften.

Wie sind Sie denn auf dieses Thema gekommen? Was ist ihr persönlicher Bezug?

Mich hat es immer sehr gestört, Neue Musik anzuhören. 15 Musiker auf der Bühne, davor ein Dirigent, 15 Minuten Umbaupause, nächstes Stück, Verbeugung. Das ist das Klischee der Neuen Musik. Schwierige Musik, es gibt so eine Distanz. Und gleichzeitig schlagen die Leute eine Vielfalt von Repertoire vor, das kann man nicht auf einer Bühne machen. Es ist die einzige Lösung, mehrere Bühnen zu haben, und so ist das langsam gewachsen. Aus der Frustration heraus.

Es ist kein Platz für Ego im „Liquid Room“. Kann man da noch Künstler sein?

Ja, man muss. Man muss sich seiner selbst voll bewusst sein. Im „Liquid Room“ ist kein Platz für Musiker, die nicht selbst denken. Auch, wenn man zu zweit oder zu dritt auf der Bühne steht, man ist als Solist dort. Mit manchen Musikern klappt das nicht, das weiß ich.

MaerzMusik – Festival für Zeitfragen eröffnet am 20. März 2015 mit dem vierstündigen Konzertformat „Liquid Room“.