Verena Caspari hat sich gemeinsam mit ihren Kollegen von JungeReporter mit dem künstlerischen Leiter der MaerzMusik Berno Odo Polzer getroffen. Sie interessiert sich nicht nur dafür, welche Überlegungen Berno Odo Polzer zum Thema Zeit anstellt. Sie wollte auch wissen, welche Auswirkungen die Veränderungen in der Zeitgestaltung konkret auf die Menschen hat.

JungeReporter im Gespräch mit Berno Odo Polzer

Ein Jahr hat 12 Monate, 365 Tage, 8760 Stunden und 525.600 Minuten. Das ist das doch mal konkret, oder? Auch die Zeitmessung wurde in den letzten Jahrhunderten immer präziser. Seit 1967 ist eine Sekunde genormt, Forscher haben eine Uhr entwickelt, die in fünf Milliarden Jahren um nur eine Sekunde falsch geht. Wir haben unsere Zeit strukturiert und messbar gemacht. Das Thema Zeit müsste dadurch eigentlich handfest werden, doch je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr entgleitet es mir. Denn warum dauert dann meine Mathe-Vorlesung eine gefühlte Ewigkeit und meine Mittagspause vergeht wie im Flug? Dabei sind beide anderthalb Stunden lang.

Im Gegensatz zur mir, hat sich Berno Odo Polzer schon ausführlich mit der Zeit beschäftigt. Seit letztem Jahr leitet er die MaerzMusik, die unter ihm zu einem Forum für Zeitfragen geworden ist. Im Gespräch mit ihm wird deutlich: Zeit ist sein Herzensthema. Er kann stundenlang darüber reden und diskutieren. Zeit ist für ihn rätselhaft, individuell, intim, aber auch hochpolitisch. Er meint: „Zeit ist nur bis zu einem gewissen Grad quantifizierbar. Unter der Oberfläche folgt sie ganz anderen Gesetzmäßigkeiten. Was in unseren Körpern und in unserem jeweiligen Geist hinsichtlich der Zeitwahrnehmung stattfindet, ist nur bis zu einem gewissen Grad steuerbar. Individuelle Zeitwahrnehmung ist ein wichtiges Faktum, das häufig ein bisschen ins Hintertreffen gerät bei dem Versuch, Zeit in Richtung Effizienzsteigerung und Universalisierung zu organisieren.“

Ein Versuch der Universalisierung von Zeit ist das Definieren von Zeitzonen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts überziehen 25 Zeitzonen die Erde. Dies ist ein Versuch, Millionen von individuellen Zeiten zu kanalisieren. Die Strukturierung der Zeit wurde dadurch auch zu einer Machtfrage, „mit dem Ziel, Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten oder andere Kulturen zu kolonialisieren, indem man ihnen eine bestimmte Form von Zeitrhythmus aufoktroyiert. Das ist quasi die Gegenseite, die aber immer noch eine Rolle spielt“, fährt Berno fort. So ließ Nordkorea 2015 alle Uhren um eine halbe Stunde zurückstellen lassen, mit der Begründung, sich von den imperialistischen Japanern befreien zu wollen, deren Besatzung vor über 70 Jahren endete. „Man kann das Ganze natürlich als ein Detail oder sinnlose Aktion abtun, aber es zeigt die Bedeutung des in Anspruch Nehmens von Zeit als ein persönliches Medium, das man selber definiert. Das war ein Akt von Symbolpolitik, um dem Rest der Welt zu zeigen, dass das Regime in Nordkorea autonom ist.“

 

Verena Caspari befragt Berno Odo Polzer

Außerdem haben technische Erfindungen die kollektive Zeit- und Raumwahrnehmung grundlegend verändert. Digitale Technologien machen es inzwischen möglich, Zeit und Raum sekundenschnell zu überbrücken. E-Mails umrunden den Globus, und die Antwort kommt postwendend zurück. Noch nie war es in der Geschichte der Menschheit möglich, zur gleichen Zeit an zwei Orten zu sein. Physisch geht das auch heute noch nicht, doch in der digitalen Welt spielt es keine Rolle mehr, wo man sich zurzeit in der realen Welt aufhält. Ich kann mit Freunden auf Hawaii skypen, sehe Palmen im Hintergrund und vergesse beinahe, dass zwischen uns 12.000 Kilometer liegen. Doch paradox ist, dass der Zugewinn an Zeit bei uns nicht anzukommen scheint. Große Stücke brechen von ihr ab, sie zerrinnt uns zwischen den Fingern, und häufig stehen wir dem gegenüber mit einem Gefühl von Machtlosigkeit.
Auch für Berno sind neue Technologien ein tiefgreifender Einschnitt, er meint, „vor zwanzig Jahren noch in einer anderen Welt gelebt zu haben“. Früher informierte er sich einmal am Tag, in den Abendnachrichten, über das aktuelle Weltgeschehen. Heute geschieht das bei ihm per Smartphone im Halbstundenrhythmus. „Die globale Echtzeit, in der wir jetzt leben, ermöglicht, dass sozusagen parallel stattfindende Ereignisse auch als solche wahrgenommen werden können. Somit ist jeder einzelne einer Ereignisdichte ausgesetzt, die vor zwanzig Jahren sicherlich niedriger war.“

Und was macht das mit uns? Kann ich in Sekundenbruchteilen, in denen ich den Newsticker überfliege, begreifen, was die Schlagzeilen: „Massaker in Syrien“, „Bruch der Waffenruhe in der Ost-Ukraine“, „EU einigt sich auf neue Griechenlandhilfe“ bedeuten? Berno denkt, dass der Mensch mit diesem Wandel nur begrenzt Schritt halten kann. Die Begrenztheit der kognitiven Vorgänge des Menschen sei „eine neue Kränkung, die auf die Menschheit wartet. Das ist die Kränkung, die das digitale Universum dem menschlichen Universum zufügt.“

Berno Odo Polzer diskutiert lange und intensiv über „Zeitfragen im digitalen Universum“ und das Festival, dass er dazu kuratiert. Folgt man seinen komplexen und spannenden Gedanken über die Zeit, so wird man gefangen genommen, bis man selbst jegliches Zeitgefühl verliert. Denn das Thema lässt ihm keine Ruhe. Auf lange Sicht ist sein Wunsch sogar, alte Zeitformen aufzulösen und neue zu schaffen! Doch bei einigen Fragen bricht er irgendwann ab, weil auch er nicht weiter weiß. Auch ihn stellt zum Beispiel das Paradoxon der Zeitknappheit, die durch neue Technologien verursacht wird, vor ein bisher unlösbares Rätsel. Genau dafür, lächelt er, gibt MaerzMusik Raum und Inspiration zur Diskussion.