Die performative Installation „Orfeo“ hat nach 13 Spieltagen bei der Ruhrtriennale den Parcours in der Mischanlage der Zeche Zollverein in Essen beendet und zieht nun im Martin-Gropius-Bau in Berlin ein. Im zweiten Obergeschoss des Museumsgebäudes wird die begehbare Unterwelt aufgebaut. Am 18. September beginnt die „Sterbeübung“ in Berlin.

Auf drei großen Trucks sind Bühnenaufbau und Requisiten angereist. „Das Transportvolumen einer ganzen Produktion des Wiener Burgtheaters“, schätzt Harald Frings, Technischer Leiter für „Orfeo“. Er hat die Produktion schon im August von der Probenbühne in Rummelsburg zur Ruhrtriennale nach Essen gebracht, dort vor ein paar Tagen alles wieder verladen und zurück nach Berlin geholt. „Normalerweise passt eine Gastspielproduktion auf einen Truck“, sagt Frings. Dass „Orfeo“ so voluminös ist, liegt am Schachtelprinzip des Parcours. Acht Räume und die entsprechenden Verbindungsgänge werden in die Museumsräume eingebaut. „Gestern haben wir den ganzen Tag nur Wandteile geschleppt“, sagt der Technische Leiter. „Es war ziemlich mühselig, die vom LKW zu holen. Es gibt ja hier im Martin-Gropius-Bau keine Laderampe wie bei einem Theater. Alles muss händisch vom LKW abgeladen werden, dann bis zum Aufzug im Gebäude getragen werden, in den zweiten Stock und dann noch einmal durch mehrere Räume. Und man muss genau planen, mit welchen Wänden man wohin geht, damit man sich nicht selbst den Weg blockiert.“

Im Martin-Gropius-Bau werden auch bei den Ausstellungen zuweilen Trennwände in die Räume gesetzt, sodass mehr Präsentationsflächen für Gemälde entstehen. Für die „Orfeo“-Installation ist es noch mal komplizierter, denn auch die Übergänge von Raum-im-Raum zu Raum-im-Raum sind ‚eingeschachtelt‘. In den aus tapeziertem Sperrholz gebauten Räumen dagegen gibt es keine Decke, so dass man über sich den Stuck der ‚echten‘ Säle des Martin-Gropius- Bau sieht.

„Ich glaube, es ist ein Erlebnis für alle, die sich für Museen und das, was in ihnen möglich ist, interessieren.“

Das Setting der beiden Spielorte könne sich kaum stärker unterscheiden, findet Nadin Deventer, die „Orfeo“ für die Berliner Festspiele betreut. „Vielleicht passt diese begehbare Installation sogar besser in ein Museum als in ein Industriegebäude“, sagt sie. Dass „Orfeo“ in den Martin-Gropius-Bau gesetzt werde, habe noch einen anderen Grund als nur den, dass das Haus zu den Berliner Festspielen gehört. „Man findet ja auch in Berlin zahlreiche Industriehallen, die sonst für größere Performances genutzt werden. Es hätte sich auch ein Theaterraum gefunden. Aber die Schnittstelle zwischen Theater und Installation wird durch die Wahl des Ortes besonders betont. Ich glaube, die Erwartungshaltung des Publikums wird dadurch auch beeinflusst“, fährt Deventer fort: „Ich glaube, dass dieses Kunstwerk überall funktionieren würde. Man kann es in alle möglichen Kultur-Kontexte setzen. Aber als dieser Parcours von begehbaren Bildern, die es geworden ist, passt es einfach sehr gut in ein Museum.“

Nadin Deventer ist gespannt auf die Reaktion der Museumsbesucher, die sich eine der Ausstellungen im Martin-Gropius-Bau ansehen (derzeit läuft die große Präsentation der Sammlung Würth sowie „Mondrian. Die Linie“) und vielleicht erst hier am Ort auf „Orfeo“ aufmerksam werden. „Hier gibt es einen enormen Durchlauf, Hunderttausende kommen halbjährlich in dieses Museum. Im Grunde könnte jeder, der vielleicht sogar noch nichts von der Installation gehört hat, einfach noch 75 Minuten an seinen Museumsbesuch anhängen. Man muss weder Susanne-Kennedy-Kenner sein noch ein Fan begehbarer Installationen. Ich glaube, es ist ein Erlebnis für alle, die sich für Museen und das, was in ihnen möglich ist, interessieren.“

Nadin Deventer und Harald Frings © Julia Kaiser

Nadin Deventer und Harald Frings © Julia Kaiser

Im Foyer des Martin-Gropius-Bau wird es einen Guide geben, der die Besucher gezielt auf die Installation aufmerksam macht. Jeder Zuschauer erwirbt eine Karte mit einer exakten Eintrittszeit; alle zehn Minuten betreten acht Menschen den ersten Raum des ‚Orfeo‘-Parcours. Jede Gruppe wird mit dem Aufzug aus dem Foyer in den 2. Stock gebracht und in den Warteraum geleitet. Dieser Weg unterscheidet sich atmosphärisch stark vom Entrée bei der Ruhrtriennale. „Dort wurde man mit einer Lore eine Rampe hinaufgefahren und stieg einige Stufen hinab, gewissermaßen gab es einen physischen Abstieg in die Unterwelt“, sagt Harald Frings. „Hier im Martin-Gropius-Bau ist das alles reduziert.“ Auch die Installation selbst sei ja sehr minimalistisch ausgestattet. „Aufgeräumt“, nennt es Nadin Deventer. Die große Künstlichkeit der an das Computerspiel „Die Sims“ erinnernden Installationsräume hebe sich hier perfekt und ungestört ab.

„Es soll nicht so sein, dass der Besucher abgehetzt aus seinem Alltag ankommt und mal eben in die Unterwelt absteigt. Man betritt zunächst einen Warteraum, in dem man instruiert wird, wie man sich zu verhalten hat und was einen erwartet.“ Der Zuschauer hört Sätze aus dem Tibetanischen Totenbuch und wird in die Welt der Installation eingeführt. Deventer möchte eine mögliche Sensations-Erwartung der Besucher am liebsten schon jetzt in Gelassenheit umformen. „Man kommt sehr schnell in einen Zustand der Ruhe. Darauf muss man sich wirklich einlassen können. Es ist kein Remmidemmi in dieser Unterwelt, sondern es passieren sehr kleine Dinge, die aber eine große Wirkung haben können.“

„Orfeo“ ist an zehn Tagen zwischen dem 18. September und dem 4. Oktober 2015 im Martin-Gropius-Bau zu sehen.