Von 3. bis 11. Juni 2016 fand im Haus der Berliner Festspiele das 37. Theatertreffen der Jugend statt: Acht junge Theaterensembles aus Aachen, Berlin, Bielefeld, Bremen, Frankfurt, Leipzig und Schwerin trafen auf Theaterexpert*innen, Juror*innen und Publikum, um ihre Stücke zu präsentieren und sich über Theater auszutauschen. Für seinen Rückblick sprach der Kulturjournalist Patrick Wildermann, der das Treffen letzten Sommer begleitete, mit einigen der Teilnehmer*innen.

Theatertreffen der Jugend 2016 © Dave Großmann

Antigone sitzt im Garten des Festspielhauses und erzählt, dass sie mal Schauspielerin werden will. Sie hat auch schon ein Vorsprechen in Frankfurt hinter sich, „Medea“ war ihre Rolle, „weil ich die Wut und Raserei so spannend finde und was sonst noch alles versammelt ist in dieser Figur“. Antigone ist 22, hat eine wallende Lockenmähne und studiert Philosophie. Vor ein paar Tagen war sie bereits auf der Bühne zu sehen in Berlin, „Frankfurt Babel“ hieß die Produktion. Darin erzählt Antigone Akgün, dass ihr Vater Kurde ist und als politisch Verfolgter aus der Türkei fliehen musste. Und dass ihre Mutter aus Griechenland stammt und wegen des Studiums nach Deutschland kam. In „Frankfurt Babel“ stehen 20 Jugendliche aus Europa, Asien, Afrika und Amerika aus der Bühne, fast die Hälfte von ihnen sind junge Geflohene, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist. Während der Proben musste anfangs jeder Satz in sechs Sprachen übersetzt werden, was anstrengend war. „Ich habe gelernt, dass man Geduld haben muss“, sagt Antigone. „Im Alltag ist das ja kaum möglich“.

Warum Theater spielen?

„Frankfurt Babel“ ist eine von acht Produktionen, die es zum Theatertreffen der Jugend 2016 geschafft haben. Theaterjugendclubs, Gruppen aus der freien Szene und Schultheater können sich hier bewerben, Bedingung ist, dass junge Menschen auf der Bühne stehen. Die Vielfalt an Formen, Themen, Sprachen und Mitteln ist dem Festival aufgrund dieser offenen Struktur sowieso in die DNA geschrieben. Das Theatertreffen der Jugend hat aber vor allem Seismographenfunktion. Im besten Fall bildet es ab, was die Jugendlichen brandaktuell oder wenigstens auf mittlerer Flamme bewegt, wie sie Theater begreifen, wie sie sichtbar werden wollen. Und warum sie sich überhaupt entschieden haben, Theater zu spielen. Sie könnten ja auch Youtube-Clips drehen, mit einem Blog online gehen, oder sich die Finger wund twittern. Stattdessen entscheiden sich die jungen Spieler für eine über 2000 Jahre alte Kunstform. Wieso eigentlich?

Endlich ich sein

Eine von vielen möglichen Antworten wäre: Weil sie von sich erzählen wollen.
„Die Jugendlichen haben eine Sehnsucht nach Nähe, nach Unmittelbarkeit“, glaubt der Dramaturg Sebastian Mauksch. Als Juror des Theatertreffens unternimmt er in einem Wohnwagen mit der Aufschrift „Praxis Dr. Schaperstraße“ im Garten der Berliner Festspiele Feldstudien. „Semantikcamp“ nennt er sein kleines Forschungslabor. Hier lädt sich Mauksch als eine Art freundlich-wissbegieriger mad scientist jeden Tag Jugendliche ein und befragt sie vor laufender Videokamera. Auf letztgültige Antworten zielt er dabei natürlich nicht. Sondern auf ein oszillierendes Stimmungsbild, das widersprüchlich sein darf. „Die Jugendlichen nehmen die Technik des Theaters, um ein analoges Prinzip wieder herzustellen“, hat Mauksch festgestellt. „In ihrer sozialen Gleichzeitigkeit wissen sie: Theater ist eine andere Welt als Facebook oder Whatsapp mit ihrer Mega-Konstruktion von guter Laune und Selbstpräsentation“. Auf der Bühne dagegen könnten die Jugendlichen ihren im Zweifelsfall auch unvollkommenen Körper ins Spiel bringen, ihre „Suche nach der Konstruktion von Identität“ betreiben und sich dafür „ein Bühnen-Ich, eine Kunst-Ich-Figur“ schaffen. Denn natürlich gilt auch fürs Jugendtheater, was im Erwachsenentheater als selbstverständlich vorausgesetzt wird: dass auch bei Stückentwicklungen oder dokumentarischen Stoffe Ich nicht gleich Ich ist. „Wir erzählen persönlich, aber nicht privat“, betont zum Beispiel Antigone. Das Gleiche gilt für die Produktion „One day I went to *idl“ der akademie der autodidakten vom Ballhaus Naunynstraße. Ein Projekt, das ebenfalls junge Refugees versammelt, die auf der Folie des Songs „One Day I Went to Lidl“ von Afrikan Boy von ihrer Situation erzählen. Ein Empowerment-Projekt, das ganz klar von der Authentizität der Geschichten lebt. Aber die Bühne eben nicht zum Kummerguckkasten für echte Einzelschicksale macht, sondern zur Plattform für ein kollektives Anliegen. Wir sind da, wir sind viele.

Die Einmischung suchen

„Jugendtheater muss in meinen Augen mit einem Punkt der Aufregung beginnen“, findet die scheidende Jurorin Maike Plath, die als Theaterpädagogin unter anderem die Jugendprojekte am Heimathafen Neukölln leitet. „Das trägt letztlich durch den Prozess“.
Was zur zweiten möglichen Antwort führt. Die Jugendlichen spielen Theater, um sich einzumischen. Politische Themen und Gesellschaftskritik hätten ganz klar zugenommen, beobachtet Christina Schulz, die Leitern des Jugendtheatertreffens. „Das Fremde wird produktiv“. Augenfällig sei, wie zu erwarten, das Interesse am vermeintlichen Konfliktfeld Flucht und die damit verbundene Frage: „Wie sieht unsere Gesellschaft der Zukunft aus?“ Und es stimmt: vor ein paar Jahren noch konnte man Jugendlichen beim Spielen zusehen, die sich das Unpolitische als Gegenprogramm zur Elterngeneration auf die Fahne geschrieben hatten. Noch früher solchen, die sich mit Nabelschau und dem üblichen Potpourri aus Libido- und Papa-Problemchen zufrieden gaben. In diesem Jahr ist das Politische Programm: Migration, Klimawandel, Genderfragen – alles durch den Durchlauferhitzer der jugendlichen Spielwut gejagt. Wobei die Frage natürlich bleibt: Kommt das Interesse von den Jugendlichen selbst? Schleicht sich der Krieg in die Klassenzimmer, wird das Weltgeschehen persönlich genommen? Oder hat bloß ein überambitionierter Theaterpädagoge mit seinem Ensemble Profilierungs-Klimmzüge veranstaltet? Letzteres, davon sind alle Juroren überzeugt, würde man sehen im Ergebnis. Sebastian Mauksch fasst es zusammen: „Ich mag keine kleinen Äffchen auf der Bühne“.

Andererseits ist die Frage so schwarzweiß gar nicht zu beantworten. „Kein Jugendclubleiter wird sagen, alles kommt von den Jugendlichen, ich habe nur die Tür aufgeschlossen“, gibt Juror Klaus Riedel zu bedenken. Und man muss auch kein Autonomie-Dogma ausrufen. Weil sich Jugendliche durchaus ein Thema zu Eigen machen und es im Laufe der Arbeit in die Sphäre ihrer Relevanz katapultieren können. Atakan Acar und Baris Solmaz, zwei junge Spieler aus der Produktion „Ehrlos“ am Theater Bielefeld, hatten sich zum Beispiel bis dato wenig Gedanken darüber gemacht, was Ehre ist. „Ich komme aus einer islamischen Familie, habe persönlich aber meinen Glauben abgelegt“, erzählt der 19-jährige Atakan. „Für meinen Vater ist das ehrlos. Für mich wiederum ist es ehrenhaft, dem zu folgen, wovon man überzeugt ist. Aber definiert hatte ich den Begriff für mich nie“.
In „Ehrlos“ arbeitet sich ein Ensemble aus verschiedenen Kulturen und Generationen äußerst produktiv am kontaminierten Schlagwort ab. Baris Solmaz, gerade 14 Jahre alt, gibt gleich zu Beginn des Stücks den Agent provocateur. „Was ist für dich ein Mann?“, wird er gefragt. „Jemand, der seine Frau beschützt“, gibt er zurück. Määp! Da schrillt der political correctness-Alarm. „Diese Figur, die ich spiele, liebe ich auch“, sagt Solmaz über seine Rolle im Gespräch am Rande des Theatertreffens ganz unaufgeregt. „An manchen Stellen finde ich mich darin wieder, klar“.

Konflikte finden

Was zur dritten Antwort führt: die Jugendlichen suchen im Theater den Konflikt. Ihre Aktion braucht Reaktion. Je größer die Lust an der Zuspitzung auf der Bühne, je schärfer, witziger oder sich das Rollen-Ich allein oder im Chor artikuliert, desto sichtbarer wird die Sehnsucht nach Reibung. Das Selbst-Empowerment der jungen Refugees hat eine schweigende Mehrheit zum Adressaten, die ihnen den Platz in der Gesellschaft streitig macht. „Frankfurt Babel“ schleudert eine Frage in den Raum, die „Warum?“ lautet. Warum ist es so verdammt schwierig, sich zu verständigen oder gar zu verstehen? Und will darauf tatsächlich Antworten. Die Arbeit „Landschaft mit Chicks. how to bleed one week a month“ vom freien Performancekollektiv Jesse, Kallenbach, Pargätzi in Zusammenarbeit mit jugendlichen Expert*innen feiert den „Heiligen Tempel der Pussy“ in einer futuristisch überzeichneten „Zeremonie des Chickismus“ – und jagt damit Gender-Klischees, sexistische Zuschreibungen und kapitalistische Okkupationen des Körpers durch einen schreiend komischen Diskurs-Schredder. Alles mit dem Ausrufezeichen „Ohne uns, Patriarchat!“
Klar, meistens werden die Konflikte nicht ausgetragen, weil sich im Theater immer nur die Einverstandenen und Gleichgesinnten begegnen. Aber darum geht es nicht. Es kann ja auch unerwartet krachen – und daran zeigt sich dann, dass die Vielfalt an Lebenswelten, Herkünften, Anliegen und Dringlichkeiten, die das Theatertreffen der Jugend versammelt, eben keine selbstverständliche Harmonie ergibt. Und das ist gut so. Ein Festival ist keine Bausparkassen-Reklame. In diesem Jahr entzündete sich eine große Rassismus-Debatte schon an der Einführungsveranstaltung, wo die Ensembles sich gegenseitig vorstellen. Wie die Aachener Theatergruppe der Mies-van-der-Rohe-Schule die Berliner Produktion „One Day I Went To *Idl“ präsentierte, wurde von vielen als No-go empfunden. Man muss die Debatte weder nacherzählen noch neu aufrollen – das Festival jedenfalls schuf ihr eine Plattform. Weil gerade der Streit Raum braucht.
Die Politiktheoretikerin Chantal Mouffe empfiehlt ja mit ihrem Konzept des „agonitischen Pluralismus“ nachdrücklich, „Diversität und Dissens aufzuwerten, statt eine öffentliche Sphäre zu errichten, aus der sie verbannt wären. Denn dieser Pluarismus erkennt, dass ohne Diversität und Dissens eine Demokratie mit lebendiger Streitkultur nicht möglich ist“.
In diesem Sinne ist das Jugendtheatertreffen gelebte Demokratie.

Kritisiert werden

„Was auch immer die Bielefelder da gestern abgeseilt haben, eine legger Bio-Wurst war das nicht“. „Dieses Angeberstück von gestern kanns ja echt nicht gewesen sein. Wenn ich so viele Nationen auf einmal etwas verbocken sehen will, schalte ich beim Eurovision Song Contest ein“. „Die Inhalte? Der Text? Irgendein intellektueller oder emotionaler Mehrwert? Da hat sich bei mir nichts geregt, da ist alles irgendwie so vorbeigerauscht“. Ein paar Zitate zu den Produktionen „Ehrlos“, „Frankfurt Babel“ und „Wunderland“ aus der FZ, der Festivalzeitung, die seit einigen Jahren von Khesrau Behroz geleitet wird. In punkto Kritik ist die FZ das unbestechliche Sturmgeschütz des Theatertreffens der Jugend. „Die Stücke sind ja alle schon Gewinner“, findet der 29-jährige Autor Behroz. „Die Ensembles können die Lobreden der Jury im Magazin nachlesen. Wir schauen uns die Inszenierungen an, geben ein ehrliches Feedback und versuchen, einen lockeren Ton reinzubringen“. Die vierte Antwort mag zunächst abwegig erscheinen – aber die Jugendlichen spielen auch Theater, um kritisiert zu werden. Ganz einfach, weil sie sich dadurch ernst genommen fühlen. Weil niemand das paternalistische „Habt ihr fein gemacht“-Tätscheln braucht, mit dem Kinder- und Jugendtheater allzu oft in die Nähe von inklusiven Unternehmungen gerückt wird. Natürlich muss jede Produktion im Rahmen ihrer Möglichkeiten betrachtet werden. Nicht immer leicht, wenn unterschiedliche pädagogische, künstlerische und politische Kontexte aufeinander treffen, wenn Schulen, freie Gruppen und große Häuser mit ihren Jugendclubs zusammenkommen.

„Ich frage: Lasst ihr mich rein in eure Welt? Lasst ihr mich teilhaben an eurer Arbeit, eurem Denken, eurem Spiel?“, beschreibt Sebastian Mauksch seinen Blick auf die Produktionen. Er benennt auch, was ihm gefehlt hat in diesem Jahrgang: Mehr Radikalität. „Es muss doch mehr geben, was euch umtreibt?“, habe er bisweilen gedacht, erzählt der Juror. „Radikal wäre, sich wirklich in ein Thema zu verbeißen, wie ein Pitbull, der daran zerrt und nicht weiß, ob das Gebiss hält“. Freilich, das weiß auch Mauksch, spricht da ein Erwachsener mit erwachsenen Erwartungen.

Auf die Frage, wie viel Professionalität man von den eingeladenen Arbeiten eigentlich erwarten dürfe – mithin: wie viel Kunst? –, entgegnet Jury-Kollegin Maike Plath: „Die Professionalität liegt im Prozess, in der Offenlegung der Möglichkeiten. Wenn künstlerische Prozesse initiiert werden, die selbstbestimmt sind, haben wir eine große Chance, dass Kunst entsteht“. Sie gibt aber auch zu bedenken: „Scheitern ist eine der wichtigsten Lernerfahrungen überhaupt. Nur leben wir in einer Gesellschaft, in der man Fehler immer vermeiden soll“.
Khesrau Behroz schließlich, der Chefredakteur mit dem unbestechlichen Blick, beschreibt seinen Zugang als denkbar unvoreingenommen: „Ich gehe ins Theater mit der Abmachung, dass ich mich erstmal überraschen lassen. Worauf fokussieren sich die Jugendlichen, was ist für sie wichtig? Wenn eine Gruppe eine Komödie auf die Beine zu stellen versucht, frage ich: War es auch wirklich komisch?“

Alles möglich machen

Natürlich ist das Theatertreffen der Jugend immer auch eine Trends- und Tendenzenschau. Was sind die Themen, gibt es neue Ästhetiken, überraschende Entwicklungen? Aber die Halbwertzeit solcher Beobachtungen ist bekanntlich kürzer als die Spanne zwischen zwei Theatertreffen-Ausgaben. 2016 fällt zum einen ins Auge, dass das Schultheater schon stärker vertreten war. „Welche Impulse wir auch als Festival setzen können, damit in den Schulen wieder bessere Produktionen entstehen können, damit beschäftigen wir uns gegenwärtig“, sagt Festivalchefin Schulz.

Die zweite Beobachtung: das Performative nimmt zu, das Collagenhafte. Der Kanon mit seinen Geschichten ist für die Jungen gestorben, kaum eine Gruppe nimmt sich noch Texte vor. Mit Ausnahme des Jugendclubs der Volksbühne P14, der sich Büchners „Leonce und Lena“ gegriffen hat – aber auch nur, um damit unter dem Titel „Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand“ eine überschießende, rauschhafte Zeichenparty zu feiern. Einzig der Jugendclub „Sorry, eh!“ des Schauspiels Leipzig hat sich in „Wunderland“ recht werktreu mit Texten von Gesine Danckwart befasst.
„Ich werde dauernd gefragt, ob wir eigene Texte geschrieben haben“, erzählt die 16-jährige Spielerin Luisa Paul. „Zum Glück nicht, sonst hätte ich nicht mitgemacht“. Sie brauche, sagt sie, im Theater Abstand. „Ich bin doch auf der Bühne eine Figur. Sonst könnte ich mich ja gleich hinsetzen und mein Leben erzählen. Wäre doch langweilig“. Auch mal eine erfrischende Sicht. Vor allem nach Jahren des postdramatischen Overkills. Khesrau Behroz sagt, der würde gern mal wieder einen „Hamlet“ beim Theatertreffen der Jugend sehen. „Aber einen, bei dem ich glauben kann, dass Jugendliche ihn so inszenieren würden“. „Theater“, fasst es Antigone in jugendlicher Gelassenheit zusammen, „kann ja auch viele verschiedene Weisen funktionieren“.
Und das ist die fünfte und vorerst letzte Antwort: Die Jugendlichen spielen Theater, weil im Theater alles möglich ist.

Bewerbungen für das Theatertreffen der Jugend 2017 sind noch bis zum 31. Januar 2017 möglich! Die Auswahl wird im April bekannt gegeben.