1516 zeichnet der englische Staatsmann Thomas Morus in seinem Roman „Utopia“ das Bild einer imaginierten Gegenwelt als visionären Entwurf idealer Gemeinschaft. Morus erzählt von der Insel Utopia, einem abgeschotteten, demokratischen ‚Nirgendheim‘, strengst reguliert, aber Gleichheit hervorhebend, ein System, in dem die Fürst*innen zumindest äußerlich den Einwohner*innen gleichen. Bis heute erweist sich „Utopia“ als vielfach antikapitalistisch gedeutete Vision von Glück, Freiheit und Gerechtigkeit. Denn die Logik, die Morus seinem Gegenentwurf zugrunde legt, lautet: „Wo es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen alle Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben.“ Was bei Morus Vision ist, hat der Kapitalismus längst radikal umgedeutet und in andere, reale Formen des Zusammenlebens gegossen.

1920 etwa lässt US-Automobilmagnat Henry Ford inmitten des Amazonasgebiets Fordlândia errichten. Heute mit verlassenen Fabrikhallen, marod-verwahrlosten Häusern und stillgelegtem Maschinenpark als Geisterstadt anmutend, war Fordlândia einst der Verwirklichungsversuch industriell-kapitalistischer Utopie – im Dschungel. Ford ließ Fordlândia nach Vorbild seiner Heimat auf dem Reißbrett gestalten, eine Arbeiter*innenstadt nebst riesiger Kautschukplantage zur kostenarmen und effizienten Herstellung von Autoreifen für seine Motor Company. Fordlândia wurde als idyllische Industriestadt behauptet: Ford ließ Schulen bauen, ein modernes Krankenhaus, eine Eisenbahn, eine Bibliothek, schuf Sportangebote und verpflichtete gar zum sonntäglichen Tanz. Eine Company Town zum Wohle der Arbeiter*innen also? Keineswegs. Denn Ford brachte aus seiner Heimat auch ein strenges Regelwerk, nach dem auch die einheimischen Arbeiter*innen zu leben hatten, wies ein auf Segregation basierendes System an, ließ überwachen.

Man mag sich hier in Teilen an Fitzcarraldos größenwahnsinnige Idee des Opernhauses in Manaus erinnert fühlen, an das Schiff, das über den Berg muss. Und doch ist Fordlândia schließlich eine beklemmend reale Geschichte von Aufständen der Einheimischen gegen aufoktroyierte Lebensregeln, von Militärkommandos und Epidemien. Die Plantage wurde 1945 nach mehreren Anläufen wegen Befalls verkauft, das Gebiet achtlos zurückgelassen. Heute ist Fordlândia das Überbleibsel einer andernorts wieder real gewordenen kapitalistischen Fantasie, eines Systems, das ebenso geschlossen wie gescheitert ist.

Mariano Pensottis künstlerische Anordnung „Diamante“, die er mit seiner Compagnie Grupo Marea erschaffen hat, greift solche Entwürfe auf und denkt den, im Gegensatz zu Morus‘ „Utopia“, realen Versuch von Fordlândia in der Gegenwart weiter. In „Diamante“ entwirft Pensotti die Fiktion einer Free Private City, eine Werkssiedlung, die im Besitz des Unternehmens Goodwind ist. Einst schwerindustriell hat man sich hier längst den Bedürfnissen der Zeit angepasst, macht jetzt in IT. „Diamante“ ist ein 100-jähriges Kleinstadt-Idyll schwedischen Vorbilds, am Rand des Dschungels aus dem Nichts erschaffen. Draußen herrscht Armut. Die Grenze ist (vermeintlich) dicht.

Solche freien Privatstädte, auf die sich die Fiktion „Diamante“ bezieht, sind heute und mehr denn je prosperierendes kapitalistisches Versprechen von Selbstbestimmung, Schutz und effizienten Sozialsystemen. Sie gründen sich auf einer denkbar simplen Dienstleistungsidee: Private Unternehmen kaufen dem Staat Grund ab und werden zum Stadt-Betreiber. In dieser Funktion bieten sie Sicherheit, Infrastruktur und eine Definition sozialen Zusammenlebens. Was früher die*der Fürst*in, ist hier das Unternehmen. Nur: Wer dort lebt, entscheidet sich frei dafür, die Souveränität der*des Betreiber*in anzuerkennen. Heute heißen die kapitalistischen Fürstentümer Google oder Amazon und tragen das Versprechen eines hippen Lifestyles als Wappen, ein Branding als Identifikationsangebot für Gemeinschaft, in der die Grenzen zwischen Manager*in und Angestellten, zwischen ‚Privat‘ und ‚Arbeit‘ längst nicht mehr auszumachen sind. Die (soziale und projektbezogene) Definition ist der Zusammenhang. Aber reichen solche Zusammenhänge für eine tragfähige (Um-)Gestaltung von Gesellschaft aus?

Historisch betrachtet gibt es zahlreiche Beispiele, deren Scheitern dies verneinen. New Lanark, beispielsweise, die 1786 gegründete schottische Industriesiedlung, die die sozialen Bedingungen der Einwohner*innen verbessern und am „Institute for the Formation of Character“ (Selbst-)Bildung befeuern sollte. Diese dort beschworene Aufbesserung der Lebensumstände ist eine Seite der Medaille. Wendet man sie, so lehrt uns die Geschichte des Kapitalismus längst eine noch immer höchst aktuelle Formel solcher Versprechen, die die Zusammenhänge der Steigerung von Lebensbedingungen und der Steigerung von Produktivität offenbart. Vor diesem Hintergrund ist das Silicon Valley vielleicht eine Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts.

Zahlreich lassen sich ähnliche, sozialreformerisch markierte Entwürfe auch in Deutschland aufspüren. Werkssiedlungen großer Unternehmen sprossen vor allem mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und im Zuge der Industrialisierung aus dem Boden: Krupp, BASF, die Zechenkolonien des Ruhrgebiets – bis heute sind die Reste solcher Miniaturstädte zu finden, stehen als Zeug*innen einer industriellen Utopie, die das Versprechen von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit um den Kern des Unternehmens herum zu geben suchte, und rückwirkend vor allem die Frage nach den sozialen Konsequenzen im Falle des Niedergangs der Unternehmen stellt. Sind Freiheit und Autonomie hier gefährliche Fiktion?

„Biologisch gesehen haben geschlossene Systeme immer ein Leck, durch das sich das System weiterentwickelt“, heißt es in „Diamante“. Goodwills Free Private City ist der spielerische Abgleich mit geschlossenen Systemen, den Pensotti dort auf die Spitze treibt, wo sich die Zuschauer*innen ständig auf der Schwelle zwischen nicht-/fragmentarischem Erzählen und Erfahren bewegen. „Diamante“ spürt der Frage nach, welche Geschichten solche Mikrosysteme hervorbringen können, aber auch der dringlichen Frage, welche Beziehungen derartige (gesellschaftliche) Anlagen denken und eben auch nicht denken lassen. Evident ist vor allem und besonders im Laufe der Aufführung, dass diese Fragen um das Mit(be)denken von Grenze zirkulieren.

Denn in „Diamante“ werden nun verschiedene Modelle urbaner Grenzziehung weitergedacht und enggeführt – Heterotopien, die gleichsam innerhalb wie auch außerhalb der Gesellschaft verortet sind. Die kapitalistische Idee der Unternehmensstadt verschaltet sich bei Pensotti mit Abschottungsszenarien, wie wir sie z.B. von den Gated Communities Südafrikas kennen, und die qua Grenze dazu dienen, ein als bedrohlich markiertes Außen zu produzieren, um sich im Sicherheitsversprechen eines Innen zurückzuziehen. Mit solchen auf (Paranoia produzierende) Abschottung ausgerichteten Orten der Überwachung lässt sich ein gutes Geschäft machen, mehr noch begünstigen sie politische Vereinnahmung. Wer hier lebt, ist, wird und hat sich schon definiert. Was passiert nun aber, wenn die Grenzen solcher geschlossenen Systeme ein Leck aufweisen? Bei Pensotti ist es in besonderem Maße der Moment des Durchlässig-Werdens in beide Richtungen – nach Innen und nach Außen – der sich als wiederkehrendes Motiv erweist und die Instabilität von „Diamante“ zum Vorschein bringt. Aber: Nicht die Durchlässigkeit selbst ist das Problem, sondern das Narrativ, das die Grenze zuallererst legitimiert, ein Narrativ, das Optionen und Relationen ausschließt.

(Kapitalistisch-)Utopische Entwürfe, wie sie mit Pensottis „Diamante“ angedeutet werden, bringen bekanntermaßen statische Systeme und Imaginationen hervor, in denen Veränderung weder realer noch potenzieller Raum zugedacht ist. Kann hier Gesellschaft entstehen? Für „Diamante“ ist es zu spät, denn im Moment des Umbruchs bleiben allenfalls die kläglichen Überreste einer Gemeinschaft zurück, die sich einst im System eingerichtet hat und nun im Begriff ist, sich angesichts der Krise selbst zu zerfleischen.

So gibt sich in dieser Erschütterung des Zusammenhangs die Absenz von Gesellschaft zu erkennen, die Kapitalisierung von Gemeinschaft enttarnt sich als Trugschluss.

Der Namensgeber für „Diamante“ ist im Übrigen nicht jenes real existierende Diamante im Nordwesten Argentiniens. Pensottis „Diamante“ liegt in der Provinz Missiones, einer Provinz im Norden des Landes und angrenzend an Brasilien, in der im 20. Jahrhundert viele europäische Gemeinschaften von Immigrant*innen lebten. Es lohnt nun, die Geschichte des zerfallenden, kapitalistischen Abschottungssystems „Diamante“ einmal auf ein Europa zu übertragen, in dem allzu viele fordern, seine Grenzen dichtzumachen.

„Diamante“ von Mariano Pensotti / Grupo Marea ist am 16., 17., 20., 22., 23. und 24. November im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.