Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an.

Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Dichter, Zeichner, Denker, Literatur-Theoretiker – kurz: Künstler. Antonin Artaud war ein Mann mit vielen Gesichtern: Surrealist, Drogenge- und -missbraucher, Psychiatrieinsasse, und wahrscheinlich ein Genie. Sein Lebensziel war es, das Theater zu revolutionieren. „Er hat nach einer Theaterform gesucht, die dem Menschen ganz entspricht“, so beschreibt es Winrich Hopp, der Künstlerische Leiter des Musikfestes.

Antonin Artaud, 1926 © Agence de presse Meurisse / Bibliothèque nationale de France (gemeinfrei)

Artaud wollte die Grenze zwischen den Darsteller*innen und den Zuschauer*innen überwinden. Er wollte die Bedeutung des zusammenhängenden Textes verringern und so die Zuschauer mit Klängen und starken Emotionen direkt ansprechen. Die Schauspieler*innen sollten ihre Gefühle mit einer solchen Intensität vermitteln, dass durch Gestik und Mimik das Publikum schmerzhaft davon ergriffen wird. Die Kraft, die in dem Text steckt und durch die Schauspieler*innen freigesetzt wird, machte für Artaud das Theater aus, nicht der Text an sich. Er sah die Inszenierung selber als den wichtigen Teil eines Theaterstücks (Text, Stimme und Körper konnten dabei verfremdet oder gar entstellt werden). Mit dieser Denkweise gehört er zu den Mitbegründern der Performance-Kunst.

Gleichzeitig sollte das Theater für ihn nicht mehr nur eine Kopie der Realität sein, sondern eine eigene Wirklichkeit, die die Zuschauer*innen in ihren Bann zieht. Genauso wie er von dem Kaktus Peyotl mit seinen psychotrop wirkenden Inhaltsstoffen in den Bann gezogen wurde und dadurch eine eigene Realität empfunden hat. Die Riten, die er bei mexikanischen Indianerstämmen kennenlernte, die auch den Konsum von Peyotl beinhalteten, prägten seine Werke. Es fanden sich dort nicht nur die rituellen Gewänder wieder, sondern er nahm auch die Idee eines freien Theaters aus Mexiko mit. Die Wörter sollten, losgelöst von jeglichen Zwängen, die Möglichkeit haben, sich wie Lebewesen zu bewegen und zu entwickeln. Er hatte die Idee eines Theaters, das mit dem Menschen auf einer Ebene steht. All das ist in seinem Werk „Schluss mit dem Gottesgericht“ verwirklicht, das als Grundlage für Wolfgang Rihms Stück „Tutuguri“ dient. Und genau diese Ideen bewegten Rihm zu seinem Stück. Er wollte eine genauso freie und, wie uns Winrich Hopp im Gespräch erzählt, oft als roh bezeichnete Musik komponieren, wie es das Theater von Artaud war. Auch hier sollen Zuhörende das Gefühl haben, die Kraft direkt zu spüren, von der Musik in eine eigene Welt gezogen zu werden.

Doch Artaud ist am Ende, so scheint es, in seiner eigenen Welt zurück geblieben. In der Realität, die er sich durch Drogen geschaffen hatte. Hört man sich späte Aufnahmen von ihm an, sind nur noch die Urwaldklänge zu hören, die Erinnerungen vielleicht an vergangene Rituale. Die einstige Genialität kann man dann nur noch erahnen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eröffnet mit der Aufführung von Wolfgang Rihms „Tutuguri“ am 3. September 2016 um 19:00 das Musikfest Berlin 2016.