Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Veranstaltungen und schreiben darüber.

Die Zeit wird groß geschrieben. Weil sie ein Substantiv ist. Das habe ich in der Grundschule gelernt. Alles, was ich sehen und anfassen kann, ist ein Substantiv, wurde mir dort erzählt. Ein Ding. Das Auto, der Baum, die Sonnenblume. Nur begreift jedes Kind schnell, dass diese Definition unzureichend ist. Die Luft kann ich auch nicht sehen oder anfassen. Aber ich kann sie atmen und ich weiß, wann sie stickig oder frisch ist. Und die Zeit? Was ist das, die Zeit?

Wir brauchen Zeit, um wichtige Dinge zu erledigen. Selten haben wir genug. Wir verlieren sie, wenn wir uns an Unwichtigkeiten aufhalten. Wir können Zeit finden, wenn wir etwas wirklich Wichtiges zu tun haben. Dann verschaffen wir uns auch Zeit. Uns fehlt die Zeit, wenn wir einen unerwarteten Anruf bekommen. Es kostet Zeit, die Zeitung zu lesen. Aber wir brauchen diese Zeit für uns. Du stoppst die Zeit jeden Morgen, wenn wir mit ihr um die Wette laufen. Wenn wir einen Bus früher schaffen, haben wir Zeit gespart. Wir füllen unsere Zeit mit allerlei Handlungen, dabei vergeht sie manchmal ganz schnell, sodass sie fast davon rennt und manchmal fließt sie nur zäh und bleibt beinah stehen. Zeitweilig eröffnet sich in unserer Freizeit ein Zeitfenster, in dem wir unsere zeitlich begrenzte Lebenszeit nicht nur nach der Uhrzeit richten müssen. Es gibt Zeitpunkte, die in unserem Zeitalter bedeutsam werden können für die zukünftige Zeitrechnung. Das wird zeitig klar oder wirkt sogar zeitlos. Damit überall auf der Welt die gleiche Zeit läuft, muss sie verschoben und in Zonen einsortiert werden. Wenn wir dann in ein Flugzeug steigen und einmal um die halbe Welt fliegen, ist das quasi eine Zeitreise in einer Zeitmaschine, von der wir als Kind manchmal träumen – und dann vergeht die Zeit wie im Flug.

Standard Time Zones of the World © CC BY-SA 3.0

Wir personifizieren die Zeit und machen sie zu einem Objekt, um etwas zu begreifen, das wir nicht greifen können. All diese Umschreibungen sind nur der Versuch, ein Phänomen zu beschreiben, das uns eigentlich gänzlich unbekannt ist. Wir suchen nach einem Rhythmus, der unser Leben bestimmt und geben uns mit physikalischen Einheiten zufrieden. Jedes Kind weiß, dass eine Stunde 60 Minuten und diese wieder 60 Sekunden hat. Aber wie lange wissen wir das schon? Was sagt uns das über die Zeit aus, außer, dass wir uns nach diesem Takt richten müssen und unsere Zeit dadurch um einiges hektischer geworden ist, als früher? Wir handeln mit Zeit, tun so, als würden wir sie verdienen, abarbeiten, verschenken und als sei damit alles gesagt. Tatsächlich ist der Begriff der Zeit ein sehr geheimnisvoller, über den wir viel zu selten nachdenken. Am liebsten würde ich den Zeitgeist treffen, damit er mir verraten kann, wie dehnbar die Zeit wirklich ist.

Dieser Text ist auch im Tagesspiegel vom 25. März 2015 erschienen. Weitere Beiträge des JungeReporter-Teams bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen finden Sie im Tagesspiegel – und weiterhin hier im Berliner Festspiele Blog.