Das Projekt JungeReporter wendet sich an junge Leute ab 15 Jahren, die Lust am Schreiben haben. Sie müssen nicht unbedingt selbst ein Instrument spielen, malen oder gern auf der Bühne stehen, sondern es kommt auf die Neugier für alle Kunstformen an. Für das Berliner Festspiele Blog besuchen sie Proben und Konzerte bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016.

Marino Formenti eröffnet MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016 © Camille Blake

Was, wenn Musik das „Gewohnte“ verlässt, den Raum, die Umgebung, den gewohnten Frontalblick auf den Künstler? Wenn nicht mal mehr der Pianist alleine bestimmt was er spielt, wenn er mit den Hörern spricht, vielleicht sogar mit Ihnen gemeinsam etwas musizieren möchte und nicht die ganze Zeit an seinem Flügel sitzt? Wenn alle Facetten vom Barock bis zu den heutigen Pop-Charts an nur einem Abend erklingen können? Wenn all diese Fragen aufkommen, dann ist es nicht mehr das „Gewöhnliche“, denn dann sind wir bei MaerzMusik 2016.

Es ist dem Publikum des Eröffnungskonzertes „time to gather“ erlaubt, sich zu bewegen, sitzen zu bleiben, zu schlafen, den Raum zu verlassen, neue Kontakte zu knüpfen. Die Plätze können verlassen werden, um mit dem Pianisten zu sprechen oder an dem Notentisch nach Stücken zu schauen, die er oder sogar wir selbst spielen können. Allerdings ist das Wort „Publikum“ oder „Zuhörer“ hier nicht ganz richtig. Denn wir interagieren mit der Umgebung des Saales, wir nutzen alle Möglichkeiten, Neues zu entdecken. So auch diesen neuen Konzertstil. Muss man sich dann jetzt anpassen? Kann man nicht einfach sitzen bleiben und ganz normal zuhören? Muss interagiert werden? Können wir wirklich mitentscheiden? Bei vielen breitet sich an diesem Abend als erstes ein kurzes Gefühl der Unsicherheit aus, denn wir wissen nicht, wie so ein Konzert abläuft. Als ich mich entscheide, auch aufzustehen und die Noten auf den Tischen zu begutachten, stelle ich fest: Es ist ein befreiendes Gefühl. Vielleicht habe ich einige Noten schon mal selbst gespielt; könnte ich mich auch an das Klavier setzen und spielen?

Eröffnung von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2016 © Camille Blake

Wir wissen nicht, was uns als Nächstes erwartet, weder in diesem Konzert noch sonst im Leben gibt es dieses Wissen. Wir können also spekulieren, ob der Pianist Marino Formenti als nächstes ein Stück mit Clustern zum Besten gibt oder vielleicht doch eher ein ruhiges Werk der Romantik. Als ich zum ersten Mal auf meine Uhr schaue, ist es 21:00 Uhr. Mir war nicht klar, dass ich schon so viel getan habe. Eine Stunde schon agieren wir im Raum, kommunizieren mit Musikliebhaber*innen, bauen Gespräche auf, lauschen dem Klavierspiel. Es kommt mir vor wie 20 Minuten, die Zeit vergeht, ohne dass wir es merken. Das Eröffnungskonzert macht gleich zu Beginn deutlich, wie verschieden die Wahrnehmung der Zeit in verschiedenen Situationen sein kann.

Meine erste Erkenntnis bei MaerzMusik: Wir sind an die Zeit gebunden. Wir wissen: 24 Stunden sind 1 Tag, 30 oder auch 31 Tage hat 1 Monat und 12 Monate ergeben ein ganzes Jahr. 1 Jahr sind wiederum 365 Tage, also 8.760 Stunden, 525.600 Minuten oder auch 31.536.000 Sekunden. Diese Angaben bleiben immer gleich, doch wir nehmen sie immer unterschiedlich wahr.

Bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen tritt am 14. 3. im Haus der Berliner Festspiele das Plus-Minus Ensemble mit einem dreiteiligen Programm auf. Zu hören sein wird Musik von Joanna Bailie, Matthew Shlomowitz, Johannes Kreidler, Simon Loeffler, Natacha Diels und Alexander Schubert.  Am Dienstag, 15.3., wird der Tenor Ian Bostridge zusammen mit dem Pianisten Julius Drake Franz Schuberts „Winterreise“ im Kammermusiksaal der Philharmonie interpretieren und den Programmkomplex „Winterreise“ vervollständigen. Bereits seit Sonntag und noch bis zum 16. 3. ist die In Situ Klanginstallation „Before the war, it was the war. After the war, it is still the war“ von Mazen Kerbaj in der Bundesallee 53, 10715 zu erleben. Weitere Informationen zum Programm unter www.berlinerfestspiel.de.