Schülerinnen der Lenau-Grundschule Berlin-Kreuzberg präsentieren sich auf dem Wikingerthron, November 2014 © Adrian Porikys

Verkleidet als Thyra, als Harald I. oder als Gunnhild präsentieren sich die Schüler der Lenau Grundschule in der derzeit im Martin-Gropius-Bau gezeigten Ausstellung „Die Wikinger“ (MJ3/2014). Geschmückt mit selbst hergestelltem Geschmeide besteigen sie den Thron im Festsaal der Ausstellung. Die schüchterne Sophia wird zur mutigen Sigrun, Ismael wird zu Håkon, dem Guten. Als eines der Kinder meint, Håkons Schwert würde fehlen, antwortet Ismael, er brauche es nicht, sei er doch gegen Krieg. Die fünfte Klasse hat die Wikinger zum Unterrichtsthema gemacht. Sie hat nach dem Vorbild des Teppichs von Bayeux ein Fries mit einzelnen Aspekten aus dem Leben der Nordmänner gemalt und in Kleingruppen Referate vorbereitet. An Stellen die zum jeweiligen Thema passen, machen die Jungen und Mädchen während des Ausstellungsrundgangs halt, betrachten die Objekte in der Vitrine und hören gemeinsam den erarbeiteten Ausführungen zu. Der Umgang miteinander ist respektvoll, die Schüler sind neugierig. Später präsentieren sie das erarbeitete Wissen ihren Familien. Die Kreuzberger Schule ist eine von derzeit sieben Grundschulen, die am Programm MGB Kunst² teilnehmen. Es besteht seit 2010, ist für die Schulklassen kostenlos und wird durch die Aventis Foundation gefördert. Wegen des großen Erfolges der gemeinsamen Arbeit wurde im Schuljahr 2013/14 ein ähnliches Modellprojekt für Jugendliche der Sekundarstufe I ins Leben gerufen. MGB Impuls² wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kunst und Medien gefördert. Auch dieses Programm ist für Schulklassen kostenlos.

Was ist das Besondere an MGB Kunst² und Impuls²? Die beiden Programme stehen für eine intensive und nachhaltige Kulturarbeit. MGB Kunst² widmet sich Grundschülern, die überwiegend aus Brennpunktgebieten Berlins stammen. MGB Impuls² wendet sich an die Klassenstufen sieben und acht. Zwei Jahre lang kommen die Schüler ein- bis zweimal pro Monat für mehrere Stunden in den Martin-Gropius-Bau. Der Ansatz ist universell. Das Arbeiten in den Ausstellungen verzahnt sich mit dem Unterricht. Je nach Ausstellung wird Geschichtliches, Mathematisches oder Physikalisch-Chemisches vermittelt. Die Schüler lernen genaues Betrachten, künstlerische Techniken und das Formulieren eigener Gedanken. Jährlich besuchen die jungen Teilnehmer vier bis sechs Ausstellungen.

Monochrome Portraits der Grundschüler 1. und 2. Klasse zur Ausstellung „Hans Richter. Begegnungen. Von Dada bis heute“. Ausstellungsansicht im Rahmen der „Langen Nacht der Familien“, Martin-Gropius-Bau, Juli 2014 © Mathias Völzke

Ausgehend von den Inhalten arbeiten sie bildnerisch-praktisch und ziehen Vergleiche: Da gab es 2014 etwa die gemalten Porträts von Hans Richter, die sie mit den Schwarz-Weiß-Porträts der Bildjournalistin Barbara Klemm verglichen; oder Hans Richters filmische Verarbeitung des Ersten Weltkrieges und die ersten Farbfotografien, die vor 1914 im Auftrag des französischen Bankiers Albert Kahn entstanden sind. Es wurde überlegt, welche Bedeutung Bilder haben und welche Bilderwelten die Medien zeigen. Beschäftigt hat die Schüler auch, warum Hans Richter aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen musste und warum Ai Weiwei seit Juni 2011 nicht mehr reisen darf. Sie versuchten herauszufinden, warum es Formen der Kunst gab und gibt, die politisch verfolgt oder unterdrückt werden. Sie haben Porträts skizziert und sich gegenseitig in ihrer Lieblingsfarbe gemalt, sie haben sich aus der Vogel- und Froschperspektive fotografiert, haben Homophone erfunden, wie sie in China zur Umgehung der Zensur Usus sind: Worte, die im Schriftbild unterschiedlich, aber in der Aussprache nahezu gleich sind, zum Beispiel die „Wahl“ und der „Wal“ oder der chinesische Nachname „Ai“ und das deutsche „Ei“. Die Klassen sieben und acht haben sich zudem in der David-Bowie-Ausstellung mit dem Thema Identität(en) beschäftigt, Kostüme geschaffen und sie in einer Performance im Haus der Berliner Festspiele präsentiert.

„Ein Tag für… David Bowie“, Performance zum Thema Identität im Haus der Berliner Festspiele, Juni 2014 © Mathias Völzke

Beide Modellprojekte werden wissenschaftlich betreut und evaluiert. Bisher haben etwa 400 Grundschulkinder das Zweijahresprogramm durchlaufen, 91 Prozent davon mit Migrationshintergrund. Sie stammen aus 82 Ländern, weshalb auf die Sprachförderung besonderen Wert gelegt wird. Nach etwa einem halben Jahr stellen die Lehrer fest, dass bei den Kindern die Konzentrationsfähigkeit, die Fähigkeit zu kreativem Denken und die sprachliche Versiertheit zunehmen. Schüler, Lehrer sowie Eltern und Kulturschaffende profitieren von dem Projekt.

So überschaubar und erfolgreich das Projekt für Grundschüler ist, so komplex ist es für die Jugendlichen der Sekundarstufe I: Vonseiten der Schulen und Lehrer ist das Interesse groß, doch das Einbinden in den bestehenden Stundenplan ist nicht einfach. So rutscht das Intensivprogramm in die Nachmittagsstunden, was eine besondere Motivation der teilnehmenden Schüler erfordert und nur in enger Zusammenarbeit von Lehrkräften und Vermittlungsteam funktioniert. Auch die Anforderungen an das Vermittlungsteam sind vielschichtig: Kultur- oder kunstgeschichtliches Fachwissen, Empathie für junge Menschen, pädagogisches Know-how und die Flexibilität und Offenheit, Beiträge und Impulse der Schüler aufzugreifen ohne dabei die Zielsetzung der Workshopinhalte aus den Augen zu verlieren. Die Gruppe der Grundschulkinder ist weitgehend homogen, das ist bei den 12- bis 15-jährigen nicht der Fall. Zu unterschiedlich sind die Phasen der Pubertät in denen sich die Schüler eines Klassenverbands befinden. Kunst schaffen bedeutet aber, sich individuell mit Themen auseinanderzusetzen und eigene, oft mutige künstlerische Lösungen zu finden. Auffallend ist auch der Wunsch nach Spaß und Action. Ebenso die Kluft zwischen Jugendlichen, die aus „normalen“ oder auch sozial benachteiligten Familien stammen und solchen, die mit Konsum im Überfluss aufwachsen. Bei der Betrachtung der Gesamtgruppe der Schüler fällt auf, dass der Lebensalltag einiger junger Menschen weitgehend kommerzialisiert ist und von den neuesten elektronischen Geräten bestimmt wird. Ihnen einen anderen gesellschaftlichen Wertekanon zu vermitteln, ist eine Herausforderung.

Schüler des John-Lennon-Gymnasiums beim Graffiti-Sprühen, Workshop mit Graffitikünstler Christian Hermann, Oktober 2014 © Martin-Gropius-Bau

Welche Lösungen wurden bisher gefunden? Heterogene Klassen arbeiten in Kleingruppen und werden statt von einer Referentin von dreien betreut. Der Themenplan wird wöchentlich mit der Lehrkraft besprochen. Nach jedem Workshop wird ein Bericht geschrieben: Was war gut und was ist wünschenswert? Rückschlüsse werden im Team besprochen. Durchgängig wird das Thema Identitäten bearbeitet sowie die differenten Darstellungsformen des Ich bzw. des Du. Auch das politische Tagesgeschehen begleitet die Sitzungen. Die Diskussion um Werte wird in den Ethik- und Deutschunterricht hineingetragen. Regelmäßig werden Referate vergeben, sodass die Schüler das Programm aktiv mitgestalten. Wünsche und Themenvorschläge aus der Schülerschaft werden ernst genommen. So wurde ein Modul „Comic-Zeichnen“ in das Curriculum integriert sowie zwei Graffitiworkshops.

Warum muss es solche Langzeitprojekte geben? Dort wo einst das klassische Bildungsbürgertum generationsübergreifend Wissen vermittelt hat, hat sich in den letzten zehn bis 20 Jahren eine Lücke aufgetan. Das Resultat zeigt sich in den PISA-Studien, die auch offengelegt haben, dass Vorhaben angestoßen werden müssen, die die Gesellschaft zusammenführen, Unterschiede ausgleichen und zusätzliches Wissen zum Schulunterricht vermitteln. Hinzu kommt der demografische Wandel. Die gesellschaftliche Struktur verändert sich und mit ihr die kulturelle Teilhabe. Mit gelegentlichen Museumsbesuchen lässt sich kaum eine Nachhaltigkeit herstellen. Die Investition in den Nachwuchs ist eine teure, aber notwendige Investition in unsere kulturelle Überlieferung und den Erhalt des Kulturpublikums. Deshalb sind solche Langzeitprojekte wichtig: Sie wirken in die Tiefe. Nehmen die Kulturbetriebe die gesellschaftliche Aufgabe wahr, sich als wichtige Säule des gesellschaftlichen Zusammenhalts und als Partner für Schulen und Bildungseinrichtungen zu positionieren, sichern sie sich mittel- und langfristig die eigene Existenz: Sie sichern sich zusätzliche Gelder sowie Besucher und kümmern sich zugleich um den Nachwuchs. Das sind Chancen und gleichzeitig Verpflichtungen.

Dieser Artikel ist zuerst im Museumsjournal 1/2015 erschienen. Das komplette Schülerprogramm des Martin-Gropius-Bau finden Sie hier.